Publiziert am: Freitag, 4. März 2016

Gewerbe schon lange aktiv

INTEGRATION – Der Schweizerische Gewerbeverband besteht darauf, dass für die Eingliederung von Migranten keine neuen Modelle geschaffen, sondern bestehende Strukturen genutzt werden.

Über eine «Integrationsvorlehre für Flüchtlinge» will das Staatssekretariat für Migration (SEM) anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene rascher ins Erwerbsleben integrieren (vgl. S. 1 und 3). Ob solcher Begriffe läuten bei Christine Davatz die Alarmglocken. «Wir brauchen keine neuen Modelle oder teuren Konzepte», sagt die sgv-Bildungsverantwortliche mit Nachdruck. Viel eher müssten bestehende Strukturen genutzt werden – jene also, mit deren Hilfe etwa lernschwache Jugendliche Schritt für Schritt an die Realitäten der Schweizer Arbeitswelt herangeführt werden. Und, ebenso wichtig: «Die Organisationen der Arbeitswelt müssen sagen, was sie brauchen, nicht Bundesrätin Sommaruga!» Das Schweizer Berufsbildungssystem sei nicht dazu da, Probleme bei der Integration zu lösen. «Die Begründung, das System funktioniere gut und müsse sich gerade deshalb bei der Inte­gration engagieren, ist – höflich ausgedrückt – eine Zumutung!»

Zuerst die Eignung abklären

Es gehe auch nicht an, so Davatz, dass direkt nach möglichen Arbeitsplätzen gesucht werde. Zuerst müsse genau abgeklärt werden, wer von den jungen Migrantinnen und Migranten welche Fähigkeiten, Eignungen und Neigungen mitbringe. Erst als zweiter Schritt könne eine Schulung sinnvoll sein.

Bestehendes nutzen

Eine solche Schulung müsse innerhalb bestehender Vorgaben erfolgen, sagt Davatz weiter. Hier denkt die sgv-Vizedirektorin in erster Linie an Attestlehren. Innerhalb von zwei Jahren werden lernschwächere Jugendliche auf einen Abschluss mit eidgenössischem Berufsattest vorbereitet – ein Abschluss, dessen Wert von den jeweiligen Branchen richtig eingeschätzt werden kann und den Jugendlichen deshalb realistische Perspektiven im Arbeitsmarkt eröffnet.Wer einen solchen Abschluss nicht schafft, dem steht ein weiterer Weg offen: der individuelle Kompetenznachweis (IKN). Dieser wurde unter dem Dach des sgv und dem Slogan «Für die Wirtschaft von der Wirtschaft» kreiert und findet in der Berufsberatung, in Heimen oder Gefängnissen sowie im Bereich der IV seine Anwendung. Die Idee dabei: Möglichst alle jungen Menschen sollen einen Arbeitsplatz im ersten Arbeitsmarkt finden – je nach Massgabe ihrer persönlichen, tatsächlichen Fähigkeiten.

Politische Forderungen erfüllt

«Beim IKN geht es darum, Jugendlichen ohne Abschluss einer beruflichen Grundbildung die in einer standardisierten Ausbildung erworbenen individuellen Handlungskompetenzen zu bescheinigen», sagt Roland Hohl, Geschäftsleiter IGKG Schweiz, dem Berufsbildungsverband für die kaufmännischen Grundbildungen. «Er entspricht damit den politischen Forderungen an die Arbeitgeber nach Integration und Inklusion.»

Gerhard Enggist

AKTIVE BAUBRANCHE

«Bestehendes nutzen»

Seit mehreren Jahren engangiert sich der Schweizerische Baumeisterverband für eine bessere Integration von ausländischen Arbeitnehmenden. So etwa mit dem Projekt «Deutsch auf der Baustelle» (vgl. sgz vom 22. Januar). Allein 2015 nahmen mehr als 400 Migranten an diesen Sprachkursen teil.

Auf kantonaler Ebene erfolgreich ist das Pilotprojekt «Perspektive Bau», das der Baumeisterverband und der Kanton Luzern lanciert haben. Es handelt sich dabei um einen einjährigen Kurs zur Vorbereitung auf die Lehre, wobei die Flüchtlinge nur während dem letzten Monat als Praktikanten bei einem Unternehmen arbeiten. Zuvor müssen sie nicht nur die Handgriffe erlernen, sondern in Deutsch auf das ­Level B1 kommen. In einem zweiten Schritt werden ihnen u. a. Themen wie Werte und Normen, Schweizer (Arbeits-)Kultur, Bildung oder Wohnen näher gebracht. Der Lehrgang soll anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene auf eine eventuelle Attestausbildung oder eine Lehre im Baugewerbe vorbereiten. Ähnliche Bestrebungen sind im Kanton Bern im Gange.

Doch auch dafür muss das Rad nicht neu erfunden werden: Der Luzerner Regierungsrat Guido Graf sprach sich anlässlich der Lancierung des Projekts «Perspektive Bau» dafür aus, bei der Integration «vermehrt die Regelstrukturen» zu nutzen. «Denn wer weiss besser als die Branche selber, welche Kompetenzen Mitarbeitende bzw. auch zukünftige Lernende mitbringen müssen?»

iM projekt riesco ENGAGIERT SICH DIE HOTEL- UND GASTROBRANCHE

«Ein falscher Begriff, gegen den wir uns von Anfang an gewehrt haben»

Max Züst, Direktor Hotel & Gastro formation Schweiz, wehrt sich gegen die irreführende Bezeichnung «Flüchtlingslehre» und stellt klar, was die Branche mit dem Projekt «Riesco» schon heute für die Integration von Migranten tut.

Schweizerische Gewerbezeitung: Bitte ziehen sie eine kurze Bilanz: Würden Sie RIESCO bisher als erfolgreich bezeichnen?

 Max Züst: Ja! Ziel von RIESCO ist es, Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene auf den ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten. Das RIESCO-Programm läuft bereits seit neun Jahren erfolgreich, da rund achtzig Prozent der Absolventinnen und Absolventen eine Stelle finden oder eine Lehre beginnen. Staatssekretär Mario Gattiker sagte anlässlich eines RIESCO-Abschlussfeier vor rund zwei Jahren, dass unser Programm zu den besten Leistungen der Schweizer Wirtschaft bezüglich nachhaltiger Integrationsarbeit gehöre.

Wie viele Personen haben bereits ein Zertifikat erhalten?

Rund 300 Absolventen in neun Jahren.

Soll der Lehrgang nach Luzern und Zürich auch auf weitere Schweizer Regionen ausgeweitet werden?

Wir haben ein wirksames Angebot und sind daher auch offen, dies Interessierten anzubieten. Es liegen Anfragen und Interessensbekundungen vor. Mit einem weiteren Kanton treten wir demnächst in konkrete Verhandlungen.

Was halten Sie von der so genannten «Flüchtlingslehre»? Braucht es diese überhaupt?

 Wir haben uns von Beginn weg gegen die Bezeichnung «Flüchtlingslehre» gewehrt, weil er eine offizialisierte berufliche Grundbildung suggeriert, was falsch ist. Irgendwie scheint der Begriff jedoch kaum mehr wegzukriegen. Wir sind längst dort, wo der Bund mit seiner Integrationsvorlehre hin will. RIESCO erfüllt die Anforderungen bereits. Es spricht nichts dagegen, dass hier auch andere Branchen ihren Teil an diese gesellschaftliche Herausforderung leisten. Vorlehren haben Integration, Arbeitsmarktfähigkeit, Erweiterung der Sprachkompetenzen sowie den Eintritt in den schweizerischen Arbeitsmarkt und in das Berufsbildungssystem zum Ziel. Es besteht somit Deckungsgleichheit mit den RIESCO-Zielen. Für alle weiteren Schritte ist in unserer Branche Durchlässigkeit garantiert. Bei uns gilt: Kein Abschluss ohne Anschluss. In der Gastronomie wurde eine verkürzte modular aufgebaute Attestausbildung entwickelt, um der Durchlässigkeit gerecht zu werden. Nach Abschluss des eidgenössischen Berufsattests besteht die Möglichkeit, ein EFZ zu erlangen. Somit stehen die Türen bis zum eidgenössischen Diplom offen. jst

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