Publiziert am: 14.12.2018

«Ich will ein guter Schreiner werden»

STIFTUNG BRÄNDI – Die soziale Institution mit Hauptsitz in Kriens arbeitet eng mit Industrie- und Gewerbebetrieben zusammen. Sie bildet über 220 Jugendliche mit einem Handicap aus. Auf das Jahr 2019 führt sie den «Individuellen Kompetenznachweis IKN» ein, um leistungsschwächeren Menschen eine Chance in der Arbeitswelt zu geben.

Seit diesem Sommer gehört Luca Jufer aus dem luzernischen Büron zu den 18 Schreinerlehrlingen der Stiftung Brändi. Der 17-Jährige absolviert die zweijährige Praktische Ausbildung zum Schreiner. «Zuerst war ich noch unschlüssig, was ich machen wollte, und ich schnupperte im Rahmen einer Vorlehre in der Logistik, in der Schreinerei und im Malbetrieb», erklärt der junge Mann. «Doch das Arbeiten mit Holz hat mich voll und ganz überzeugt.»

In den zwei Lehrjahren absolviert er insgesamt drei Praktika in einem internen Betrieb der Stiftung Brändi sowie in einem Klein- und einem Grossbetrieb des 1. Arbeitsmarktes. «Luca Jufer absolviert zusätzlich zu seiner praktischen Ausbildung noch einen halben Tag intern bei uns die Förderschule», erklärt Iwan Müller, Berufsbildner der Schreinerei in der Stiftung Brändi. Luca Jufer hat sich für seiner Ausbildung ein klares Ziel gesetzt: «Ich will ein guter Schreiner werden.» Um seine Chance auf eine geeignete Stelle im 1. Arbeitsmarkt zu erhöhen, will er versuchen, nach seiner praktischen Abschlussprüfung noch die zweijährige EBA-Ausbildung zu absolvieren. Dafür geht er zusätzlich einen halben Tag mehr in die Schule.

«Bei uns besteht die Möglichkeit, die vierjährige Schreinerlehre EFZ, die zweijährige Lehre EBA oder eben eine Praktische Ausbildung zu absolvieren. Alle Ausbildungsmöglichkeiten werden ausschliesslich von der IV unterstützt», erklärt Müller. Damit bekämen Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung, mit einer Lernschwäche oder auch einer leichten geistigen Behinderung die Chance, sich ausbilden zu lassen und eventuell im 1. Arbeitsmarkt arbeiten zu können. «Diese Menschen brauchen oft viel Zeit und Geduld, um sich entwickeln zu können», erklärt Müller. «Wir sind hier 100-prozentig Berufsbildner und können uns daher mit unseren sozialen wie auch fachlichen Kenntnissen voll und ganz auf die Bedürfnisse der Auszubildenden fokussieren», ergänzt Müller.

Dass dieses Ausbildungskonzept erfolgreich ist, zeigen die 60 Lernenden der Stiftung Brändi, die nach ihrem Abschluss einen Job in Industrie und Gewerbe erhalten. In den produzierenden AWB-Unternehmen sind rund 220 Lernende in Ausbildung und Abklärung. Über 50 Lernende sind zudem im allgemeinen Arbeitsmarkt im Rahmen einer Ausbildung angestellt.

Gleiche Sprache für Ausbildner und Betriebe

Die Stiftung Brändi möchte für Menschen mit einem Handicap noch bessere Bedingungen schaffen, um ihnen eine allfällige Integration in den 1. Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Deshalb hat die soziale Institution am Pilotprojekt zum «Individuellen Kompetenznachweis IKN» (siehe Kasten) teilgenommen. Dazu Elmar Bielmann, Arbeitsagoge und Leiter Logistik: «Der IKN stärkt die Anerkennung der Praktischen Ausbildung in der Arbeitswelt und verbessert die berufliche Integration von Lernenden.» Mit dem IKN-Abschluss würden die individuellen Kompetenzen von Lernenden lesbarer für potenzielle Arbeitgeber, was ein ­genaueres Einschätzen der Stärken ermöglicht. «Wir sind überzeugt, dass in vielen Branchen der Bedarf an Fachkräften durch Jugendliche und Erwachsene mit einem Handicap, aber individuellen Stärken ergänzt werden könnte», stellt Bielmann fest. Die grosse Herausforderung besteht darin, dieses Angebot publik zu machen und Arbeitgebern Chancen und Möglichkeiten innerhalb ihres Betriebes aufzuzeigen. Bisher lagen keine «national ­normierten» Instrumente vor für Jugendliche, die keine gesetzlich reglementierte Ausbildung abschliessen konnten. «Der IKN erhöht die Durchlässigkeit im Bildungssystem und bekämpft auch den Fachkräftemangel. Dies, weil so Nischenbereiche neu mit den IKN-Absolventen abgedeckt werden können und so ausgebildete Fachkräfte frei werden», sagt Bielmann.

Die Pilotphase dauert zwei Jahre. «Wir bilden in der Logistik bereits einen Lernenden gemäss IKN aus. Offiziell eingeführt wird die Ausbildung zum IKN im Jahr 2019/20», so Bielmann. Die Stiftung Brändi beabsichtigt auch den IKN in den Bereichen Hauswirtschaft, Schreinerei und Büro einzuführen. «Dabei werden wir vom eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung und Technologie EHB wissenschaftlich begleitet», sagt Bielmann. Für ihn ist klar, dass sich der IKN auch für viele andere Berufe eignet. «Wichtig für den Erfolg ist allerdings die breite Unterstützung vonseiten der Organisationen der Arbeitswelt OdA.»

Stark in der Wirtschaft vernetzt

Die Stiftung Brändi wurde 1968 durch private und öffentliche Initiative gegründet. Heute ist sie die führende soziale Institution im Kanton Luzern und zugleich ein erfolgreiches und vielseitiges Wirtschaftsunternehmen. Mit 15 Unternehmen ist sie an den neun Standorten Horw, Kriens, Luzern, Littau, Willisau, Sursee, Hochdorf und Baldegg vertreten. In den neun Produktionsunternehmen finden rund 1100 Mitarbeitende und Lernende einen Arbeits- und Ausbildungsplatz. Die Stiftung Brändi bietet Dienstleistungen für Industrie, Gewerbe und Private in 14 verschiedenen Branchen an. «Durch Kundenaufträge und enge Ausbildungsbeziehungen haben wir uns seit jeher um eine gute und erfolgreiche Zusammenarbeit bemüht. Wir sind Auftragnehmer und Partner zugleich», erklärt Carlo Pani, Leiter Berufliche Integration. «Wir stellen unsere Erfahrung und unser Wissen unseren Wirtschaftskunden zur Verfügung. Es entstehen so oft Win-win-Lösungen und die Zusammenarbeit wird gestärkt.» Zu den Kunden gehören unter anderem Grossunternehmen wie die Migros, Coop, Otto’s, Medela, B-Braun, Leister, ­Pilatus-Werke, Trisa oder Schindler und viele andere Firmen.

Die Stiftung Brändi generierte in diesem Jahr einen Umsatz von 83,8 Millionen Franken und ist mit den rund 1800 Beschäftigten die zehntgrösste Arbeitgeberin in der Zentralschweiz. Die Stiftung finanziert sich über drei Träger: 52 Prozent über Eigenleistungen (Arbeits- und Wohnerträge), 15 Prozent über die Ausbildungsbeiträge der IV und 37 Prozent über die Beiträge von Kanton und Gemeinden. Die Zukunft für die Stiftung Brändi bleibt heraus­fordernd. Dazu Pani: «Der tägliche Spagat zwischen betriebswirtschaftlichem und sozialem Auftrag ist anspruchsvoll.» Der Spardruck der öffentlichen Hand, die ­Digitalisierung und Robotik, die Auftragsbeschaffung und die Umsetzung des sozialpolitischen Konzeptes Inklusion sind nur einige der Herausforderungen.

Corinne Remund

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KURZ erklÄRT

Individueller Kompetenznachweis IKN

Lernende, welche das Qualifikationsverfahren einer zweijährigen beruflichen Grundbildung mit eidgenössischem Berufsattest (EBA) nicht bestehen, haben ein Anrecht, sich ihre Kompetenzen individuell bestätigen zu lassen. Einen Individuellen Kompetenznachweis (IKN) soll es künftig auch für Lernende geben, welche eine standardisierte zweijährige Ausbildung ausserhalb der beruflichen Grundbildung absolvieren – beispielsweise für Menschen mit einer Lern- oder Leistungsbeeinträchtigung. Trägerschaften entsprechender Ausbildungen können bei der Organisation der Arbeitswelt, welche Trägerin des verwandten EBA-Berufs ist, einen Antrag auf Zulassung zum IKN stellen.

Die Verbundpartner (Organisationen der Arbeitswelt, Bund, Kantone) haben die Grundlagen für den erweiterten IKN im Rahmen eines mit Bundesmitteln geförderten Projekts erarbeitet. Sie empfehlen die Ausweitung des IKN auf standardisierte Ausbildungen ausserhalb der Berufsbildung. Der IKN fördert die Arbeitsmarktintegration von Jugendlichen ohne Abschluss einer beruflichen Grundbildung, entspricht der politischen Forderung nach Integration und Inklusion und erhöht die Durchlässigkeit im Bildungssystem. Den Betrieben erleichtert der IKN das Bewerten von Bewerbungen, weil Handlungskompetenzen in einer vertrauten Form dokumentiert werden.

www.eba.berufsbildung.ch

NEIN zur radikalen Zersiedelungsinitiative!
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Am 10. Februar 2019 stimmt der Souverän über die radikale Zersiedelungsinitiative ab. Eine Annahme würde zu einem Entwicklungsstopp in einzelnen Regionen führen. Insbesondere in den Zentren würden Bodenflächen rar. Die Folge: Immer mehr Personen und Unternehmen müssten auf Raum ausserhalb der Zentren ausweichen. Zudem würde die Initiative der jungen Grünen grosse Rechts- und Planungs­unsicherheit in Kantonen und Gemeinden schaffen und den Föderalismus gefährden.

Machen Sie sich ein Bild über alle guten Argumente gegen die radikale Initiative in der Abstimmungszeitung (PDF).