Publiziert am: Freitag, 10. August 2018

Im Gewerbe verankert

neue sgv-Vorstände – Mit CVP-Ständerat Ivo Bischofberger, FDP-Nationalrat Hansjörg 
Brunner und Werner Scherrer, Präsident KGV Zürich, verfügt der Schweizerische Gewerbeverband 
sgv über qualifizierte neue Vorstandsmitglieder mit Sinn für die Anliegen der KMU.

Schweizerische Gewerbezeitung: Sie sind ehemaliger Lehrer und Rektor: Welchen Stellenwert hat die Berufsbildung für den wirtschaftlichen Erfolg der Schweiz?

Ivo Bischofberger: Die Schweiz als rohstoffarmes Hochpreis- bzw. Hochkostenland hat sich dank ihres hohen Bildungsniveaus und ihrer ausgeprägten Innovationskraft bis heute auch international äusserst erfolgreich behaupten können. Dazu haben unser bewährtes Bildungs­system ganz allgemein und das der dualen Berufsbildung im Besonderen massgeblich beigetragen. Die Vielfältigkeit der Ausbildungswege, die Anschlussfähigkeit und die klar definierte Durchlässigkeit sind die Eckpfeiler für den wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes. Wenn wir mit unseren qualitativ hochstehenden Produkten und Dienstleistungen in den globalen Märkten auch zukünftig bestehen wollen, ist es unsere Pflicht, die Bildungsziele immer wieder kritisch zu hinterfragen und gezielt weiterzuentwickeln.

 

Sie sind nicht nur neu im sgv-Vorstand, sondern präsidieren neu auch den Schweizer Fleisch-Fachverband (SFF): Weshalb setzen Sie sich für die KMU ein?

Das Gewerbe ist in meinem Heimatkanton Appenzell Innerrhoden gottlob sehr stark verankert. Entsprechend wurde ich sowohl mit dessen Bedeutung, aber auch mit den Sorgen und Nöten früh konfrontiert. Daher ist es nicht weiter erstaunlich, dass der Einsatz zugunsten der KMU mir seit Beginn meiner politischen Tätigkeit in Bundesbern immer ein Anliegen war; dies sowohl in der Gewerbegruppe des Ständerates wie auch als ordentliches Mitglied der Gewerbekammer. Dies wird auch zukünftig so bleiben. Dass ich dabei in meiner neuen Funktion als Präsident des SFF den Anliegen der 
Lebensmittelbranche ein spezielles Augenmerk widmen werde, ist 
sicher selbstredend.

 

Weshalb ist es wichtig, dass der sgv in Ihrer Person einen direkten Draht zum Ständerat hat?

Der sgv vereinigt unter seinem Dach eine Vielzahl von kantonalen Gewerbe­ver­bänden und Branchenorganisationen, welche naturgemäss auch speziell regional unterschiedliche 
Interessen haben. Da bei politischen Diskussionen und Entscheiden im Ständerat genau diesen Aspekten spezielle Beachtung geschenkt wird, sehe ich es als nunmehr einziger Vertreter der kleinen Kammer im sgv-Vorstand als meine Kernaufgabe, einerseits die entsprechenden 
Informationskanäle sicherzustellen, und mich andererseits in den jeweiligen Gremien des Stöckli direkt einzubringen.

 

Sie vertreten den Kleinkanton Appenzell Innerrhoden und auch die CVP: Welche Werte werden Sie im Vorstand des sgv einbringen?

Vorab halte ich gerne fest, dass unsere Bundesverfassung explizit nicht mehr zwischen Gross- und Klein- respektive Halbkantonen unterscheidet. Dieser Tatsache trägt vor allem der gelebte Föderalismus Rechnung. Mit dem Ziel einer dies­be­züglich 
erfolgreichen und verlässlichen 
Konsenspolitik liegt mir als Vertreter eines Landsgemeindekantons vor 
allem eines am Herzen, nämlich das Besterben jedes Einzelnen, am 
Gemeinwohl Mitverantwortung zu tragen, austarierte Lösungen zu 
erarbeiten und sodann die gefassten Beschlüsse demokratisch zu akzeptieren. Die Basis dafür liegt im 
bewusst gepflegten, respektvollen Dialog, der seit jeher das erfolgreichste Instrument gegen vermeintliche – zum Teil auch ideologisch gefärbte – Blockaden bildet.

 

Den Puls der Wirtschaft spüren

Sie führen in Sirnach eine Druckerei, präsidieren den Thurgauer Gewerbeverband und sind seit November 2017 auch als Nationalrat tätig: Wie bringen Sie all diese Ämter unter einen Hut, und wie oft sehen Ihre Mitarbeitenden Sie noch in der Firma?

Hansjörg Brunner: Freude und Leidenschaft sind meine Triebfedern. Mit einer optimalen Planung lässt sich so vieles bewerkstelligen. Ausserhalb der Sessionen bin ich so oft wie möglich in meiner Firma – denn mir ist es gerade als Nationalrat besonders wichtig, den Puls der Wirtschaft zu spüren. Natürlich bin ich auf Unterstützung angewiesen. Dabei kann ich mich auf die Rückendeckung meiner Frau, einen erfahrenen Nachfolger im operativen 
Bereich und ein bewährtes, topmotiviertes Team verlassen. Und das ­Präsidium des Thurgauer Gewerbe­ver­bandes lässt sich optimal mit dem Nationalratsamt verbinden, denn schliesslich vertrete ich die 
Anliegen des Gewerbes in Bern an vorderster Front.

 

Sie vertreten im sgv die Ostschweiz, und mit dem Thurgau auch eine Randregion: Was bedeutet dies für Ihre Arbeit im Vorstand des sgv?

Dieses Mandat geniesst für mich 
hohe Priorität. Seit über 30 Jahren setzte ich mich in den verschiedensten Funktionen für das Gewerbe ein – bisher hauptsächlich für regionale und kantonale Anliegen. Im Vorstand des sgv kann ich mich nun noch stärker einbringen und hoffentlich auch etwas erreichen. Die Ostschweiz braucht dringend starke Stimmen, und eine davon werde ich sein.

 

Was können Sie im Nationalrat tun, um den Schaden zu verringern, den Ihre Region durch den Einkaufstourismus erleidet?

Da komme ich mir wie eine wandelnde Gebetsmühle vor. Seit Jahren spreche ich das Thema an den 
verschiedensten Fronten an. Für Schweizer Kunden, die sich deutsche Mehrwertsteuer zurückerstatten lassen, müssen automatisch Schweizer Mehrwertsteuern fällig werden. Wenigstens diese Massnahme muss endlich eingeführt werden. Denn obwohl seit diesem Jahr eine gewisse Entspannung feststellbar ist, sind die Probleme für den Detailhandel und die Gastronomie immer noch riesengross. Bundesrat Schneider-Ammann weiss um die grossen Sorgen der Grenzkantone – und auch auf die Gefahr hin, dass ich ihn nerve, werde ich ihn immer wieder mit der Problematik konfrontieren.

 

Auch das Druckereigewerbe wird von ausländischen Anbietern stark bedrängt. Wie spüren Sie diesen Druck im eigenen Betrieb?

Glücklicherweise eher nicht! Es mag ja sein, dass der eine oder andere unpro­ble­matische Auftrag ins Ausland vergeben wird, was ich sehr bedauere. Die meisten Auftraggeber wissen aber, dass sich das bei Qualitätsdrucksachen nicht rechnet. Wir geniessen glücklicherweise das Vertrauen einer langjährigen treuen Kundschaft, die das Hauptaugenmerk auf Qualität, Zuverlässigkeit und Flexibilität legt. Das ist unsere Stärke, dank unserer hervorragend ausgebildeten Mitarbeitenden.

Direkter Draht nach Bern

Vor gut einem Jahr wurden Sie zum Präsidenten des KMU- und Gewerbeverbands Kanton Zürich gewählt, nun nehmen Sie Einsitz im Vorstand des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv: Woher nehmen Sie als Selbständiger die Zeit für all diese Ämter?

Werner Scherrer: Es ist mir seit weit über 20 Jahren ein Bedürfnis, mich für das Gewerbe einzusetzen. Wir müssen unsere Ansichten ja selber vertreten, jemand anderes macht es nicht für uns. Und wie es so ist im Leben: Wenn man etwas gerne macht, finden sich auch Zeit und Möglichkeiten… Scherz beiseite: Ich bin dankbar, dass ich mir diesen Einsatz vor allem dank meiner Mitarbeitenden auch «leisten» kann.

Sie waren in der Politik aktiv und führen ein eigenes KMU: Was kann die Politik für KMU tun?

Da ist die Flughöhe sehr hoch und auch nicht immer einfach vermittelbar. Liebe Politik, denkt 20 Jahre voraus und schafft Rahmenbedingungen, die die Arbeit der KMU nicht behindern. Wenn die Politik der Wirtschaft genug Freiraum «zum Schaffe» lässt, dann haben wir, dann hat unsere Schweiz schon gewonnen. Lasst uns einfach unsere Arbeit machen und blockiert uns nicht mit immer neuen Vorschriften, die nicht praxistauglich sind und nur nerven.

Sie haben zwei Berufslehren absolviert, eine als Mechaniker und eine als Messerschmied: Welchen Wert messen Sie der Berufsbildung zu?

Das gesamte System in der Schweiz lebt letztlich von der Qualität unserer Ausbil­dungen. Aber wir müssen uns auch immer wieder hinterfragen und uns nicht allzu lange auf un­seren Lorbeeren ausruhen. Sonst 
fallen wir schneller zurück, als uns lieb sein kann. Also: Berufsbildung ist zentral, und es ist unsere Pflicht, diese ständig weiterzuentwickeln und den Bedürfnissen der Wirtschaft anzupassen, damit wir unseren 
Vorsprung nicht verlieren.

Zürich müsse nach dem Rücktritt von Röbi Gubler weiterhin im sgv-Vorstand vertreten sein, sagen Sie. Was bringen Sie als Zürcher im nationalen Verband ein?

Zuerst bin ich froh, dass diejenigen, die für mich und so für den Kanton Zürich gestimmt haben, diesen Wunsch respektiert haben. Der Wirtschaftsplatz Zürich ist aufgrund seiner schieren Grösse für die ganze Schweiz sehr wichtig. Bei uns haben gewisse Umstände vielleicht schnellere oder härtere Konsequenzen als anderswo. Da ist es für uns alle hilfreich, dass wir einen direkten Draht «nach Bern» haben. Wir können solche Entwicklungen einbringen und gemeinsam im sgv nach Lösungen suchen, die für uns alle stimmen. Abgesehen davon: Die Mitarbeit im Vorstand wird für mich nicht durch den Kanton oder die Politik, sondern durch die Gesinnung geprägt. Meine Partei ist das Gewerbe! Und das gilt schlussendlich auch für die Kantonsfrage.

Interview: Gerhard Enggist

Medienmitteilung «sgv-Vorstand gewählt – mit Durchsetzungskraft in die Zukunft»