Publiziert am: Freitag, 9. Mai 2014

Im Rohstoffhandel ist Genf wichtig

SCHWEIZ–RUSSLAND – Die Spannungen um Russland betreffen auch Schweizer KMU. Allerdings ist der Handel mit russischem Erdöl wichtiger als jener mit anderen Gütern.

Angeblich wird rund 75 Prozent des russischen Erdöls über Genf gehandelt. Das führt zur berechtigten Frage, wieweit die Schweiz ökonomisch von der Diskussion um die Zukunft der Ukraine und ihres Verhältnisses zu Russland betroffen ist. Selbstverständlich sind damit nicht nur die Regionen um Sewastopol auf der Krim oder Slawiansk in der Ostukraine gemeint, sondern es geht um eine potenziell weitverzweigte Kette von Tätigkeiten: Sicherheit für Investoren in und Exporteure nach Russland, russische Investitionen in der Schweiz, Geld- und Warenflüsse über die Schweiz und vieles mehr.

Relativ wenig Handel

Was die Handelsbeziehungen angehen, sind die Bindungen zwischen Schweiz und Russland gering: Der Wert der Exporte von 3,1 Milliarden Franken aus der Schweiz entspricht nur gerade 1,6 Prozent aller Ausfuhren, die Importe aus Russland sind mit einem Anteil von 0,3 Prozent und 513 Millionen Franken noch geringer. Es sind auch nicht viele Schweizer Firmen in Russland tätig. Laut den Angaben der Presse sind derzeit bei der Schweizer Botschaft in Moskau rund 200 in Russland tätige Schweizer Unternehmen gemeldet. Russland selber spricht von 600 Firmen – sie zählen aber alle Unternehmen mit Schweizer (Teil-)Beteiligung. Grösste Investoren sind Nestlé, ABB oder Holcim. KMU sind meist Exporteure. Und wenn sie vor Ort präsent sind, dann in Form von Joint Ventures oder Kleinfilialen.

Zum Vergleich: Auf die Krim-Frage bereits reagiert haben deutsche Firmen. Viele ziehen derzeit ihr Geld aus Russland ab. In Russland sind etwa 6200 deutsche Firmen mit 250 000 bis 300 000 Beschäftigten aktiv. Das entspricht einer Investitionssumme von rund 20 Milliarden Euro.

Rohstoffhandel wichtig

Ein bisschen anders sieht es beim Geld aus. Die Schweizerische Nationalbank beziffert den Bestand der schweizerischen Direktinvestitionen in Russland per Ende 2012 auf 12,5 Milliarden Franken, was in Russland zu 73 000 Jobs geführt hat. Die Schweiz ist damit der zwölftwichtigste ausländische Investor in Russland. Immer noch gemäss der Nationalbank belaufen sich die Guthaben von Russen bei Schweizer Banken auf 13,8 Milliarden Franken, bei den Grossbanken allein sind es 6,2 Milliarden. Noch sind das erst 0,01 Prozent der Guthaben weltweit.

Im Rohstoffhandel jedoch spielt die Schweiz für Russland eine wichtige Rolle: Laut Grundlagenbericht Rohstoffe des Bundes vom 2013 werden rund 75 Prozent des russischen Erdöls über Genf gehandelt. Dieser Transithandel ist wichtig: Betrugen seine Einnahmen noch im Jahr 2000 etwa 1,4 Milliarden, lagen sie im 2012 bereits bei 19 Milliarden Franken. Das macht mehr als drei Prozent des Schweizer BIP aus.

Wie wirken Sanktionen?

Bisher ist die russische Wirtschaft faktisch nicht unmittelbar von den angedrohten Sanktionen betroffen, weil sich diese momentan direkt gegen Personen richten und nicht gegen einen bestimmten Wirtschaftszweig. Aber wie können Sanktionen Unternehmen treffen?

Zunächst sackt der Wechselkurs mit Einführung der Sanktionen ab. Das entwertet den Gewinn und beschert den Exporteuren Verluste. Wegen der unberechenbaren Währung sind Banken weniger gewillt, Kredite zu geben, und die Zinsen steigen. Dann können sich Sanktionen wie faktische Exportverbote auswirken. Das wiederum führt Unternehmen zu einer Abwanderung. Heute schon steuern viele Firmen – vor allem im Automobilsektor – stärker auf Asien zu.

Sanktionen bergen aber vor allem die Gefahr, dass Russland reagiert. Enteignungen sind genauso möglich wie Importverbote oder Sondersteuern auf ausländische Unternehmen.

Im Verhältnis zu Russland ist derzeit nur etwas sicher: Die Lage bleibt angespannt.

Henrique Schneider,

Ressortleiter sgv