Publiziert am: 07.10.2022

Inflation beginnt im Kopf

MARKTWIRTSCHAFT – Die Ökonomie ist keine exakte Wissenschaft. Dennoch steht fest: Staatliche Eingriffe in die Marktwirtschaft, in Angebot und Nachfrage, in das freiheitliche Geschehen der Preisbildung, führen zu keinen nachhaltigen Lösungen. Der Preis muss wieder Ausdruck der Knappheit werden.

Im Vergleich zum Ausland liegt die Inflation in der Schweiz gemäss Konsumentenpreisindex mit 3,5 Prozent noch tief. Aber die Preise für Importgüter, insbesondere für Energie, werden in den kommenden Monaten weiter steigen. Die Endverbraucher stellen sich auf einen «kalten» Winter ein. Horten und Vorbeugen mit Ersatzgeräten greifen um sich. Auch wenn das Cheminée seit Jahren nicht mehr angefeuert wurde, kauften die Leute schon im Sommer Holz ein. Der Preis für Brennholz steigt. Angesichts einer möglichen Energiekrise will man gewappnet sein. Der kluge Mann baut vor, sagte schon Schiller. Die Preise für Benzin, Heizöl, aber auch für Lebensmittel reissen Löcher ins Portemonnaie. Logische Folge: Der Konsumentenpreisindex weist nach Norden. Die Endverbraucher erachten die Zeit als ungünstig, dauerhafte Konsumgüter einzukaufen. Der Index der Konsumentenstimmung sinkt auf ein Rekordtief. Fällt die Wirtschaft in Europa in eine galoppierende Inflation? Reichen die Löhne zum Leben noch aus? Fallen wir in eine Lohn-Preis-Spirale? Oder sogar in eine Stagflation? Wir wissen es nicht.

Keine exakte Wissenschaft

Die Ökonomie ist keine exakte Wissenschaft. Anders als im Chemielabor können für die Wirtschaft keine Experimente im stillen Kämmerlein vorgenommen werden. Die Wirtschaftssubjekte – Konsumenten, Produzenten, Politiker – handeln nicht nach der reinen Lehre der Marktwirtschaft. Sie sind von Gefühlen, Emotionen, Zeitgeist, äusseren Einflüssen, vom Klima im weitesten Sinne des Wortes beeinflusst.

Wendepunkte kaum fassbar

Die Wirtschaftswissenschaft hat zwar mit statistischen Methoden versucht, die Abläufe des Geschehens zu eruieren. Mit Zahlen, Umfragen, Korrelationsanalysen versucht die Ökonometrie Zusammenhänge zu erforschen. Das gelingt zur Erklärung des Verhaltens der Wirtschaftssubjekte und deren Folgen im Nachhinein. So kann die Vergangenheit vielleicht rekonstruiert werden. Werden diese Erkenntnisse mit einer reinen Trendextrapolation in die Zukunft fortgeschrieben, versagen sie jedoch – insbesondere in Wendezeiten. Und das sowohl am oberen wie am unteren Wendepunkt einer Konjunkturphase.

Vom Einzelnen zum Gesamten

Warum sind Prognosen zur Wirtschaftsentwicklung so schwierig? Weil die Wirtschaftssubjekte, der Mensch unberechenbar ist. Was läuft zum Beispiel angesichts der bevorstehenden Reorganisation momentan in Hirn eines CS-Bankers ab? Wird mir gekündigt? Soll ich zur Konkurrenz wechseln? Will ich die Umstrukturierung mit allen möglichen Folgen für mich ertragen? Mit welchen Lohneinbussen muss ich rechnen? Je nach Abwägung der Chancen und Risiken fällt der eine den Entscheid zum Verbleiben, der andere zum Gehen. Das hat Folgen für den Konsum. Nicht bauen, bauen, Zweitauto verkaufen, Tesla jetzt kaufen, Ferien verschieben, Ferien buchen, den alten Laptop behalten, günstig jetzt noch einkaufen?

Die Summe dieser Einzelentscheidungen haben ihre Auswirkungen nicht nur auf den Konsum, sondern auch für den Arbeitgeber. Verlassen zu viele kluge Köpfe die Bank, wirkt sich dies auf ihre Dienstleistung am Kunden aus. Der Sparer, Investor wechselt das Finanzinstitut. Die Bank wird Übernahmekandidat. Bezahlen Konkurrenten höhere Löhne oder stellen auch sie wegen der unsicheren Zeiten keine neue Mitarbeiter ein? Dieses Beispiel einer einzelnen Branche demonstriert für alle anderen die Wirkungen der Einzelentscheide mit Folgen auf die Gesamtwirtschaft.

Die ökonomische Mechanik

Wie verhalten sich die Unternehmer angesichts der Lieferengpässe, steigender Energie- und Rohstoffpreise? Halten sie sich mit Preiserhöhungen weiter zurück? Steigen wegen der höheren Konsumentenpreise der Energieprodukte und der Lebensmittel unter dem Druck der Gewerkschaften die Löhne? Werden auch die Preise der Güter und Dienstleistungen stärker anziehen? Wie reagieren Notenbanken und die Politik darauf? Wird das Zinsniveau angehoben, wie verhalten sich die Unternehmer, die Investoren? Wird die Produktion gedrosselt? Werden Arbeitnehmer entlassen? Droht der Gesamtwirtschaft eine Stagflation, also eine Rezession verbunden mit hohen Inflationsraten?

In den letzten zehn Jahren haben Notenbanken und die Politik mit der Anhäufung von Schulden und dem Einspritzen von Billionen von Geldern alle anstehenden Infrastruktur- und Energie-Herausforderungen überschwemmt. Entgegen der ökonomischen reinen Theorie entstand auf den Gütermärkten keine Inflation. Die Wohlstandsgesellschaften überstanden auch alle negativen Effekte der Coronawelle. Überhöhte Preise, Inflation erlebten lediglich die Börsen und Immobilien. Erst mit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges brach die virulente Energiekrise aus und zündete die allgemeine Teuerung an.

Gleichgewicht wiederherstellen

Nun steht die gesamte Weltwirtschaft vor einer Zeitenwende. Die Regierungen in den USA und in Europa setzen auf Staatsinterventionen mit weiterem Schuldenausbau: Abfederung der steigenden Energiepreise über staatliche Hilfen an Einzelhaushalte, Subventionen an Unternehmungen, die nachhaltige und systemimmanente Produkte herstellen, in Infrastrukturen, in Rüstungsindustrien, in soziale Sicherungsnetze usw. Was zur Lösung der anstehenden Probleme den Notenbanken mit der Überschwemmung von Geldern in den letzten 15 Jahren misslungen ist, wird auch mit einer Überschuldung der Staaten zur Überwindung der aktuellen Krisen nicht gelingen. Geld und Güterhaufen müssen wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Das geht nur über Einbussen. Die Weltwirtschaft muss durch das Tal der Tränen hindurch. Darunter wird auch die Schweizer Wirtschaft, insbesondere die Exportwirtschaft, leiden.

Das BIP, die Wirtschaftskuchenstücke werden kleiner. Das politische Umverteilen wird schwieriger. Die Auseinandersetzungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften, zwischen markt- oder kollektivistisch orientierten Politikern werden gehässiger. Soziale Konflikte sind nicht ausgeschlossen.

ZurĂĽck zur Marktwirtschaft

Nur über eine Verminderung der Geldmenge, über eine Magerungskur, können Lohn-Preis-Spiralen und Stagflation ursächlich bekämpft und besiegt werden. Schwierige Monate, wenn nicht Jahre stehen uns bevor. Je «marktwirtschaftlicher» wir uns verhalten, umso rascher kann die Krise bewältigt werden.

Ökonomie ist zwar keine exakte Wissenschaft, aber einige Grunderkenntnisse gelten seit Adam Smith über alle Zeiten hinweg: Jeder Mensch kämpft individuell um sein Überleben. Dieser Eigennutz sorgt dafür, dass über den Markt und den Wettbewerb Wohlstand für alle erzeugt wird. Und: Der Preis muss wieder Ausdruck der Knappheit werden. Staatliche Eingriffe in die Marktwirtschaft, in Angebot und Nachfrage, in das freiheitliche Geschehen der Preisbildung, führen zu keinen nachhaltigen Lösungen.Werner C. Hug

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