Publiziert am: Freitag, 2. Oktober 2015

Kann das Tessin aufatmen?

GOTTHARD-SANIERUNGSTUNNEL – Wird eine Sanierungsröhre gebaut, so bleibt die Verbindung ins Tessin jederzeit gewährleistet, sagt der Bundesrat.

Die Bau- und Sanierungsarbeiten am Gotthard können beginnen, ohne dass der Tunnel vorher gesperrt werden muss. Mit dieser brisanten Aussage bringt Verkehrsministerin Doris Leuthard rund fünf Monate vor der Abstimmung über eine Sanierungsröhre – voraussichtlich am 28. Februar 2016 – eine neue Dynamik in die Diskussion. Mit seiner Antwort auf eine Frage zur Gotthardsanierung von CVP-Nationalrat Fabio Regazzi sorgt der Bundesrat für Freude beim Schweizerischen Gewerbeverband sgv, der die nationale Ja-Kampagne führt. Und für rote Köpfe bei den Tunnel-Gegnern rund um die Alpen-Initiative. Die ­Verbindung ins Tessin bleibe somit – falls es einen Sanierungstunnel gibt – jederzeit gewährleistet, korrigiert Leuthard die ideologisch geprägte, beschönigende «Planung» ihres Vorgängers Moritz Leuenberger.

Sanierung wird günstiger

Bisher war der Bund davon ausgegangen, dass die bestehende Röhre für die dringliche Sanierung während mindestens 140 Tagen vollständig gesperrt werden muss – falls eine zweite Röhre gebaut wird. Damit würde das Tessin vollständig von der Schweiz abgeschnitten. Nun die Wende: Laut Bundesamt für Strassen (Astra) können die bis zur Gesamtsanierung für einen sicheren Betrieb nötigen Arbeiten «im Rahmen der regulären Sperrnächte» ausgeführt werden. Für doppelte Genugtuung beim sgv sorgt zudem, dass mit dieser Vorgehensweise das Kosten-Nutzen-Verhältnis der Arbeiten noch verbessert werden kann. Dazu sgv-Direktor Hans-Ulrich Bigler: «Die Sanierung mit der zweiten Röhre wird so günstiger, als wenn – wie von den Gegnern gefordert – teure Verladeanlagen gebaut und später ­ohne jeglichen Mehrwert abgerissen werden müssen.»

Ganz anders die Lage, wenn der Verkehr während der Sanierung auf eine «rollende Landstrasse» verladen würde, wie dies die Tunnel-Gegner fordern. Zusätzlich zu den bisher kalkulierten vier Verladeanlagen in den Urner und Tessiner Alpentälern fordern sie neu weitere grosse Anlagen in Basel und Chiasso. «Die Verlade­pro­visorien werden zu einem Fass ohne Boden, das weit über drei Milliarden verschlingen wird», gibt Bigler zu bedenken. So würden nebst den milliardenteuren Verladeanlagen kostspielige Arbeiten am Trassee durch die ganze Schweiz und immense Investitionen in Rollmaterial anfallen. Alles Kosten, die in der «Blackbox Verladeprovisorien» noch gar nicht einkalkuliert seien.

Das Tessin nicht abkoppeln

Auf eine sinnvolle Sanierung mit einer zweiten Tunnelröhre sei insbesondere das Tessin angewiesen. «Ohne zweite Röhre wäre die Strassenverbindung in den Süden während 980 bis 1050 Tagen komplett gesperrt und der Südkanton vom Rest der Schweiz abgeschnitten. Dies hätte nebst staatspolitischen auch gravierende Konsequenzen für die exportorientierte Schweizer Wirtschaft, die ihre Verbindung zu Italien, einem unserer wichtigsten Handelspartner, verlieren würde», betont Bigler.

Immenser Landverschleiss

Diese bundesrätliche Erkenntnis sorgt in den betroffenen Gemeinden im Tessin und Uri für Hoffnung. Für den Tessiner Regierungspräsidenten Norman Gobbi ist klar, dass «die Verladelösung die Sonnenstube der Schweiz um 50 Jahre zurück­kata­pultieren würde.» Und Luca Albertoni, Geschäftsführer des Tessiner Gewerbe­ver­bandes, konkretisiert: «Der Norden ist fürs Tessin der wichtigste Markt. Wir brauchen diesen Sanierungstunnnel zwingend, sonst stehen tausende von Arbeitsplätzen auf dem Spiel und das Tessin verarmt.»

Beidseits der Alpen sorgt man sich jedoch noch immer um den gigantischen Landverschleiss, den die geplanten Verladestationen nach sich ziehen würden. Ein grosser Teil des Talbodens in Biasca ebenso wie bei Erstfeld würde für Jahre verschwinden – und die Kapazität dennoch nicht ausreichen. «Dieser Kultur­land­verschleiss ist für uns inakzeptabel», sagt Hans Arnold, dem ein Teil des Landes gehört, auf dem die Anlagen künftig stehen sollen.CR

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