Publiziert am: 20.09.2019

«Keine objektiv richtige Zahl»

NICOLO PAGANINI – Der St. Galler CVP-Nationalrat ist Direktor der Olma-Messen St. Gallen. Wollen KMU Messen als Chance nutzen, so brauchen sie dreierlei: ein gutes Standkonzept, kompetenteMitarbeitende und eine Nachbearbeitung, die mit anderen Marketingaktivitäten abgestimmt ist.

Schweizerische Gewerbezeitung: Sie sind nebst vielem anderen ausgebildeter Schweizer Biersommelier. Was fasziniert Sie an diesem Getränk?

Nicolo Paganini: Vor allem die riesige Vielfalt an verschiedenen Bierstilen. Es gibt wohl für jede Situation das richtige Bier.

In der Schweiz scheint sich eine neue Bierkultur auszubreiten, das Gebräu ist beliebter denn je. Welche Gründe sehen Sie für diese Entwicklung?

Natürlich war die Aufhebung des Bierkartells Anfang Neunzigerjahre eine Voraussetzung dafür. Und wie so oft kommt ein Trend aus Nordamerika zu uns. Die Menschen interessieren sich bei Lebens- und Genussmitteln heute für gute Geschichten dahinter. Beim Bier passiert jetzt, was beim Whisky vor zwanzig Jahren anfing.

Als Olma-Direktor sind Sie auch ein Fachmann, was Messen betrifft. Welchen Stellenwert haben diese heute für die Schweizer Wirtschaft?

Ich rede eigentlich lieber von der Live-Communication-Branche als nur vom Messegeschäft. Messen, Events, Kongresse – viele Formate fliessen ineinander. Diese Branche hat einen hohen wirtschaftlichen Stellenwert. Man weiss auch, dass zum Beispiel Messen eine grosse Multiplikatorwirkung haben. Auf einen Franken bei der Messegesellschaft kommen fünf bis acht Franken bei Hotels, Restaurants, Verkehrsbetrieben, Standbauern etc.

Die Basler Muba hat nach mehr als 100 Jahren ihre Tore endgültig geschlossen, die Züspa war 2018 nach knapp 70 Jahren am Ende – und der Olma in St. Gallen geht’s bestens. Weshalb solch unterschiedliche Entwicklungen?

Der Olma geht es gut, auch wenn wir schon spüren, dass die Negativschlagzeilen von anderen Messeplätzen die Aussteller verunsichern. Die Olma ist in der Ostschweiz gesellschaftlich viel mehr verankert, als es die Muba und Züspa zuletzt in ihren Städten waren. Und wir investieren beträchtliche Summen ins Messeerlebnis. Ein Tag an der Olma muss für die Besucherinnen und Besucher einen Erlebnismehrwert gegenüber dem Einkaufszentrum bieten.

Publikumsmessen kämpfen schweizweit mit einem Besucherschwund. Was sind die Erfolgsfaktoren, die ihr Überleben sichern können?

Es sind sicherlich diese Investitionen ins Erlebnis, die zentral sind. Dann können in Zukunft dank der Digitalisierung Angebot und Nachfrage wohl noch besser zusammengebracht werden als heute. Die Messeinfrastruktur muss zeitgemäss sein, und wir müssen auf unsere Ausstellerschaft hören und deren Bedürfnisse aufnehmen.

Die BEA in Bern, die Luga in Luzern, die Olma in St. Gallen, dazu unzählige kleinere Publikumsmessen und Fachmessen wie Swiss-Moto oder Giardina, Hochzeitsmessen und viele mehr: Gibt es in der Schweiz zu viele Messen?

Es gibt keine objektiv richtige Zahl an Messen. Bei den meisten Messeformaten ist es letztlich die Branche, die über die Zahl entscheidet. Wir haben zum Beispiel gesehen, dass die Autobranche nicht bereit ist, in eine Ostschweizer Mehrmarken­messe zu investieren. Die Automesse St. Gallen ist deshalb Geschichte. Die allgemeinen Publikumsmessen sind häufig auch gesellschaftliche Fixpunkte. Sie sind beliebt, oft regional verankert und konkurrenzieren sich eher weniger.

Worauf müssen KMU achten, wenn Sie an regionalen oder nationalen Messen teilnehmen und dabei Kunden gewinnen wollen?

Messen sind ein erfolgversprechendes, aber auch anspruchsvolles Marketinginstrument. Für mich stehen drei Punkte im Vordergrund. Es braucht sicherlich ein gutes Standkonzept. Zentral sind aus meiner Sicht die Personen auf dem Stand. Sie müssen kompetent, freundlich und offen sein und andere Menschen mögen. Eine grosse Rolle spielt zudem die Vor- und Nachbereitung einer Messeteilnahme. Diese sollte mit anderen Marketingaktivitäten des Unternehmens synchronisiert werden.

Welche Bedeutung messen Sie den Berufsmessen zu?

Die Berufsmessen haben vor allem für die duale Berufsbildung sehr wichtige Funktionen: Den künftigen Lernenden helfen Sie, nicht irgendeine, sondern die richtige Lehre zu finden. Den Unternehmen und Branchen bieten die Berufsmessen eine viel beachtete Plattform, um im «war for talents» für ihre Berufsbilder und die entsprechenden Lehrstellen zu werben.

Sie fordern stabile Rahmenbedingungen für die Schweizer Wirtschaft. Wie sollen diese Ihrer Ansicht nach aussehen?

Unsicherheit ist Gift für die Unternehmen. Das gilt für Konzerne genauso wie für KMU. Stabilität setzt voraus, dass wir für die grossen Herausforderungen wie internationale Wettbewerbsfähigkeit, das Verhältnis zur EU, die Sicherung der Altersvorsorge, Klimapolitik oder die Explosion der Gesundheitskosten im Parlament Lösungen beschliessen, die an der Urne mehrheitsfähig sind. Für solche Lösungen braucht es eine starke Mitte.

Als St. Galler vertreten Sie in Bern eine Randregion. Was wollen Sie für die KMU in Ihrem Kanton erreichen?

Als Parlamentarier auf Bundesebene mache ich in erster Linie Politik für die Schweiz. In Bern wird aber auch entschieden, in welche Regionen der Schweiz die finanziellen Ressourcen fliessen. Ich setze mich dafür ein, dass die Ostschweiz beim öffentlichen Verkehr, bei der Strasseninfrastruktur oder bei der Innovationsförderung die Mittel bekommt, um eine attraktive Arbeits- und Wohnregion zu bleiben.

Interview: Gerhard Enggist

ZUR PERSON

Nicolo Paganini (53) vertritt seit März 2018 die St. Galler CVP im Nationalrat. Er studierte in Bern und St. Gallen Wirtschaft und Recht, bevor er das Thurgauer Anwaltspatent erwarb. Von 1996 bis 1999 war er Mitglied der Geschäftsleitung einer Weinkellerei in Münsterlingen, danach widmete er sich bis 2002 der selbstständigen Anwaltstätigkeit als Rechtsanwalt. Paganini war von 2002 bis 2007 Leiter des Amts für Wirtschaft des Kantons St. Gallen, anschliessend bis 2011 Abteilungsleiter für die St. Galler Kantonalbank. Im Jahr 2011 wurde er vom Verwaltungsrat der Olma-Messen St. Gallen zum neuen Direktor gewählt. Von 1992 bis 2002 sass Paganini im Grossen Rat des Kantons Thurgau. Von 1994 bis 1996 war er Gemeindepräsident der Gemeinde Zihlschlacht (TG).

www.nicolo-paganini.ch

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