Publiziert am: 11.08.2017

KMU kurbeln die Exporte an

INNOVATION – Trotz Schweizer Exportrekord bleiben die Margen unter Druck. Die Schweizer KMU schlagen die internationale 
Konkurrenz vor allem dank grosser Flexibilität, unserem einzigartigen Bildungssystem und starker Innovationskraft.

Das erste Halbjahr 2017 hat der Schweiz einen neuen Exportrekord beschert. Wie aus den Zahlen der Eidgenössischen Zollverwaltung hervorgeht, sind auch die Exporte in die für die Schweiz sehr wichtigen Märkte USA, China und Deutschland stark gewachsen. «Es besteht in allen drei Märkten eine hohe Konkurrenz in nahezu allen Branchen. Doch viele Schweizer Nischenprodukte finden hier auch die nötige kritische Masse an Nachfrage und eine hohe Kaufkraft», erklärt Alberto Silini, Leiter Beratung bei Switzerland Global Enterprise (S-GE). Schweizer Produkte sind nicht zuletzt dank der hohen Innovationskraft von KMU und Universitäten (siehe «Nachgefragt») sehr gefragt – auch in eher gesättigten Märkten. Gerade die KMU als Rückgrat der Schweizer Wirtschaft ruhen sich nicht aus, sondern suchen nach immer neuen Wegen, um ihre Produkte und Dienstleistungen zu verbessern.

Mehrwert für Kunden schaffen

Bei den Ausfuhren nach Warengruppen erreichten die Textilien, Bekleidungen und Schuhe den grössten Zuwachs gegenüber dem 1. Halbjahr 2016. In dieser Branche ist auch Lantal Textiles aktiv. Das Langenthaler Unternehmen stellt modernste Sitzbezüge für Flugzeuge und andere Transportmittel her. Man beschäftige sich bei Lantal tagtäglich mit der Frage, wie das grösstmögliche Wohlbefinden des Reisenden gewährleistet werden könne, sagt Ermira Fetahu von der Brand Communication. «Unser Ziel ist es, den Kunden Mehrwert zu verschaffen, indem wir Gewohnheiten in Frage stellen und den Blick weit hinter das Offensichtliche führen.» Dieses Verständnis von Innovation, dem Kunden einen Mehrwert zu bieten, teilt auch Rolf Sonderegger, CEO der Kistler Group, die sich auf Messtechnik spezialisiert hat. «Produkte werden gekauft, weil sie dem Kunden einen Mehrwert bieten», sagt Sonderegger, «entweder eine bessere Funktionalität oder einen günstigeren Preis. Die Differenzierung über den Preis ist als Schweizer Unternehmen schwierig, denn im internationalen Wettbewerb findet sich immer ein günstigerer Hersteller.» Deshalb biete sich der Standort Schweiz für die Produktion innovativer Qualitätsprodukte an. Hinzu komme, dass es «in etablierten Märkten per se keine schlechten Produkte mehr gibt».

Duales Bildungssystem ist eine Schweizer Trumpfkarte

Nebst den drei zuvor erwähnten, mehrheitlich bekannten und bewährten Märkten, sind es vor allem asiatische Märkte, die sich sehr dynamisch entwickeln. Beispiele dafür sind Indonesien und der Iran. In solch aufstrebenden Märkten treffen Schweizer KMU auf harte Widersacher aus der ganzen Welt. Die Innovationsleistung der kleinen und mittleren Unternehmen sei da ein grosser Vorteil, meint Fetahu von Lantal Textiles. «Dieser Erfolg ist sicherlich auf die Wissens- und Wirtschaftsnetzwerke in bestimmten Fachbereichen zurückzuführen.» Ausserdem könne sich die Schweiz auf die Innovation des Bildungssystems verlassen. «Das duale Bildungssystem spielt eine bedeutende Rolle bei der Aus-und Weiterbildung von qualifizierten Fachkräften, auf die die Wirtschaft angewiesen ist.» Ausserdem hätten KMU den zusätzlichen Vorteil, dass sie kleiner und dadurch deutlich flexi­bler seien als Grossunternehmen. Sie können sich dadurch schneller an politische und wirtschaftliche Veränderungen anpassen.

Know-how vor Ort nutzen

Die Schweizer Exportstimmung ist also im Hoch. Dennoch tritt Alberto Silini auf die Euphoriebremse. Die Situation bleibe für viele Unternehmen schwierig, sie hätten wenig Spielraum, und die Margen stünden unter Druck. «Wir raten Exporteuren deshalb, auch Märkte ausserhalb des Euroraums zu prüfen.» Es wirke auch nicht so, dass sich der Franken deutlich abschwächen würde. Einer der wichtigsten Märkte für Schweizer KMU ist und bleibt deshalb derjenige in den USA.

Das sehen auch Lantal Textiles und die Kistler Group nicht anders. Die USA sei laut Rolf Sonderegger traditionell der erste Standort für interkontinentale Aktivitäten von Schweizer Unternehmen, «gleichzeitig aber auch ein sehr anspruchsvoller». Es sei vor allem wichtig, vor Ort präsent zu sein. «Wir produzieren in Buffalo NY und haben ein Technologiezen­trum in Detroit. Damit sind wir ganz in der Nähe unserer Kunden.» Und Lantal Textiles? «Bei uns wurde North Carolina als Standort für die Lantal Weberei auserwählt, weil dort ein wichtiger Sitz der amerikanischen Textilindustrie ist. Das dortige Know-how können wir dann für unsere Produktion nutzen.» Adrian Uhlmann