Publiziert am: 20.03.2015

Mehr als bloss ein Geheimtipp

ASEAN-STAATEN – Der Verband Südostasiatischer Nationen mit Sitz in der indonesischen Hauptstadt Jakarta hat eine der erfolgreichsten Wachstumsgeschichten der letzten Jahre geschrieben.

Beim Gedanken an Thailand kommt den meisten von uns sofort der Tourismus in den Sinn. Mit den Philippinen verbinden viele von uns Armut. Und Vietnam ist für manche nicht fassbar. Was dabei oft vergessen geht: All diese Länder sind Mitglieder der ASEAN – einer der grössten Freihandelsräume der Welt.

«DER ANTEIL DER ASEAN AM WELTHANDEL WIRD UNTERSCHÄTZT.»

Der Verband Südostasiatischer Nationen, kurz ASEAN (aus dem Englischen Association of Southeast Asian Nations) ist mehr als ein Geheimtipp. Er ist eine der erfolgreichsten Wachstumsgeschichten der letzten Jahre. Dabei handelt es sich um eine Gemeinschaft von zehn Staaten in Südostasien, die im Jahr 1967 von Indonesien, Malaysia, den Philippinen, Singapur und Thailand gegründet wurde. Heute gehören Brunei, Papua-Neuguinea, Vietnam, Myanmar, Laos sowie Kambodscha auch dazu.

Zu Beginn der Kooperation standen Aspekte wie gemeinsame wirtschaftliche Hilfe und Koordination der Industriepolitik im Vordergrund. Das hat sich gewandelt. Das neue vorrangige Ziel ist die Schaffung eines gemeinsamen Binnenmarktes, die Abschaffung der Zölle und die Personenfreizügigkeit.

Mehrere Trümpfe

ASEAN verfügt dabei gleich über mehrere Trümpfe. Die Nähe zu China und die günstige Demografie gehen Hand in Hand. Während die Lohnkosten in China stark gestiegen sind, bleiben sie in den ASEAN-Staaten tief. Arbeitsintensive Herstellungsprozesse werden vermehrt dorthin ausgelagert. Die Nachbarn sind dem Reich der Mitte auch bezüglich Demografie voraus.

China beginnt an den Folgen der Ein-Kind-Politik zu leiden, die über Jahre verordnet wurde. Bereits beginnt sich eine Überalterung abzuzeichnen, ohne dass ein tragendes Sozialversicherungssystem besteht. Dies schmälert den Konsum: Denn viele junge Chinesen arbeiten nur mit dem Ziel, den eigenen oder den Lebensabend ihrer Eltern zu finanzieren. In ASEAN-Ländern sieht die Sache anders aus: Die junge Bevölkerung arbeitet auch für den eigenen Konsum.

Weitere Trümpfe sind die Nähe zu Indien und die geostrategische gute Positionierung. Rund 60 Prozent der weltweit hergestellten Güter müssen die Seewege von ASEAN-Staaten passieren.

Pulsierende Wirtschaften

Die ASEAN-Länder legen ihr Augenmerk vorerst auf das Binnenwachstum. Mit Indonesien, den Philippinen und Malaysia bestehen auch grosse Märkte. Indonesien ist dabei eines der verkannten Talente, denn dort werden weitrechende Reformen in Richtung einer Marktwirtschaft gemacht. Statt nur Rohstoffe zu exportieren, will sich das grosse Land zu einem Produktionsstandort wandeln.

Zu den Wachstumssektoren in der ASEAN-Region zählen insbesondere erneuerbare Energien, «Green & Clean Tech», Infrastruktur, Maschinen-/Anlagenbau sowie die Automobil- und die Chemieindustrie. Weitgehend politisch stabile Verhältnisse sowie ein wirtschaftsfreundliches Klima und eine wachsende kauffreudige Mittelschicht tragen zu günstigen Rahmenbedingungen für Exporteure und Investoren bei.

Der Anteil der ASEAN am Welthandel wird häufig unterschätzt. ASEAN liegt mit einem Anteil von knapp sechs Prozent am Welthandel nur leicht hinter dem neuen Exportweltmeister China, der rund zehn Prozent des Welthandels bestreitet – und vor Indien mit einem Anteil von knapp zwei Prozent. Insgesamt bietet die ASEAN-Region einen Wirtschaftsraum mit mehr als 590 Millionen Menschen und einem Bruttoinlandprodukt von 1,5 Billionen US-Dollar.

Risiken sind auch dabei

Allerdings sind ausländische Unternehmen auch in einigen ASEAN-Ländern mit besonderen Herausforderungen konfrontiert; insbesondere durch Bürokratie, Korruption, Mangel an Fachkräften sowie nichttarifären Handelshemmnissen. Darüber hinaus gelten innerhalb der ASEAN weiterhin Ausnahmebestimmungen für sensitive Wirtschaftssektoren in einzelnen Ländern zum Schutz der heimischen Märkte.

Die grosse Verschiedenheit der ASEAN-Staaten punkto wirtschaftlicher Entwicklungsstand, politischer Systeme sowie ethnischer und religiöser Vielfalt können das unternehmerische Engagement zusätzlich erschweren.

Henrique Schneider,

Ressortleiter sgv