Publiziert am: 14.08.2020

Nachhaltig ist anders

CORONA-GUTSCHEINE – Der Walliser Streit um eine Werbekampagne zur Gewerbeförderung zeigt überdeutlich: Nachhaltige Entlastung ist besser als kurzfristige Goodwill-Aktionen – und sei der Wille noch so gut.

Was ist das Gegenteil von gut? Gut gemeint! An dieses Bonmot erinnert eine auf den ersten Blick sympathische Aktion des Kantons Wallis. Dieser will das von der Corona-Pandemie gebeutelte lokale Gewerbe mit 16 Millionen Franken unterstützen, wie der «Walliser Bote» schreibt. Der Aktionsplan von Volkswirtschaftsminister Christophe Darbellay (CVP) sieht erstens vor, dass Eigentümer von Zweitwohnungen drei Gutscheine à 30 Franken zum Kauf von typischen Walliser Produkten wie Käse, Wein und Fleischprodukte erhalten. Zweitens bekommt, wer eine Kellerei an einem «Tag der offenen Tür» besucht, einen Gutschein für einen Skitag – sofern er mindestens zwölf Flaschen bestellt. Und drittens sollen Gäste bei einer Reservation von mindestens zwei aufeinanderfolgenden Nächten in einem Walliser Hotel einen Gutschein über 100 Franken erhalten, einzulösen bei Walliser Geschäften.

Grossverteiler subventioniert

Dieser dritte Punkt führt nun aber zu Streit. Denn die 100er-Gutscheine sind nicht nur im Detailhandel, sondern auch bei Tankstellen oder Coop und Migros einlösbar. Bei genau jenen Grossverteilern also, die schon während und dann auch beim Ausstieg aus dem Lockdown vom Staat bevorteilt worden sind und ihre Vorteile gegenüber den KMU teils schamlos ausgenützt haben.

Willy Stocker, Metzgermeister aus Gampel und Präsident des Oberwalliser Metzgermeisterverbands, echauffiert sich denn auch ob dieser Aktion und fordert eine Korrektur – nachdem er sich bereits dafür eingesetzt hatte, dass der Kanton nicht nur Wein- und Käsehändler sowie die Hotellerie, sondern auch Metzgereien und Bäckereien unterstützt. Darbellay musste einlenken – und kontert nun die neuen Vorwürfe heftig: «Es gibt anscheinend Leute, die die Konzepte nicht verstehen können oder wollen», giftelt der umtriebige Unterwalliser im «Walliser Bote».

In einem Kommentar unter dem Titel «Shopping auf Staatskosten» bezeichnet das Blatt die Aktion – sie allein kostet den Kanton zehn Millionen Franken – denn auch als das, was sie ist: wenig nachhaltig. Als «Lockvogel-Strategie für Feriengäste, die irritiert», bezeichnet sie Chefredaktor Armin Bregy. «Mit der Giesskanne Gutscheine für national oder international tätige Unter­nehmen zu verteilen, ist wenig nachhaltig.» Lokale Produzenten zu unterstützen sei durchaus sinnvoll, so Bregy weiter, «Feriengästen … eine Shoppingtour auf Staatskosten zu ermöglichen, weniger.»

Nach bekanntem Muster

Damit legt der «Walliser Bote» den Finger auf den wunden Punkt. Tatsächlich ist eine reine Goodwill-Aktion à la Valaisanne nicht das, was KMU brauchen – in der aktuellen Krise schon gar nicht. «Nachhaltig ist allein die langfristige Entlastung der KMU», sagt alt Nationalrat Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands. «Das sollte eigentlich auch der frühere CVP-Präsident wissen, schliesslich war Darbellay einst Mitglied der parlamentarischen Gewerbegruppe und müsste die entsprechenden, seit Jahren andauernden Diskussionen über das leidige Thema eigentlich mitbekommen haben.»

In der Tat ist ein solch unsensibles Vorgehen der öffentlichen Hand – ob auf Ebene Bund oder in den Kantonen wie hier im Wallis – ein veri­tabler Affront gegenüber den KMU. «Immer wieder werden die Grossverteiler bevorzugt, und die KMU haben das Nachsehen», kritisiert Bigler. «Ein entsprechendes Muster pflegte der Bund bereits bei der Belieferung mit Schutzmasken, als zunächst nur die Grossen bedient werden sollten und die Kleinen nicht. Erst nach dem Eingreifen des sgv wurde dies geändert.»

KMU unterstützen, nicht Konzerne

Seit dem Beginn der aktuellen Krise hat der sgv darauf bestanden, dass nach dem Prinzip «KMU first» gehandelt wird. Wenn staatliche Unterstützungsgelder für die Wirtschaft verteilt werden, so müssen sie ganz gezielt den bedrohten KMU zugutekommen, und nicht den Konzernen. Immerhin machen KMU über 99 Prozent der Unternehmen in der Schweiz aus und stellen etwa 66 Prozent der Arbeitsplätze. KMU wirken nicht nur als konjunkturelle und arbeitsmarktliche Stabilisatoren, sondern sie sorgen auch für die Feinverteilung der Güter und damit für die Versorgung der Bevölkerung – gerade auch in dezentralen Räumen wie dem Wallis. Damit sind sie, in unsicheren Zeiten ganz besonders, systemrelevant. Richtet sich die Politik – ob im Wallis oder auf Bundesebene – nach diesem Prinzip, bekämpft sie aktiv die Auswüchse der Bürokratie und lässt der Wirtschaft Luft zum Atmen, statt sie mit immer neuen Vorschriften zu belasten, dann hilft sie den KMU ganz real, die Covid-19-Krise zu überwinden. Weit weg von Giesskannen und Gutscheinen.

Gerhard Enggist

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