Publiziert am: Freitag, 4. April 2014

«Nahe an der Arbeitswelt»

JOSEF WIDMER – Der stellvertretende Direktor des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI setzt auf ein Bildungssystem, dass alle Qualifikationsbedürfnisse abdeckt.

Schweizerische Gewerbezeitung: Sie gelten als profunder Kenner des dualen Bildungssystems. Wo liegen denn die Stärken unserer Berufsbildung?

nJosef Widmer: Unsere Berufsbildung ist nahe an der Arbeitswelt. Jugendliche werden frühzeitig in ein berufliches Umfeld eingebunden und finden eine Vielfalt attraktiver Berufe. Gleichzeitig bringt die hohe Durchlässigkeit des gesamten Schweizer Bildungssystems der Wirtschaft und der Gesellschaft einen konkreten Nutzen: Qualifizierte Fach- und Führungskräfte, tiefe (Jugend-)Arbeitslosigkeit und soziale Stabilität.

Bundesrat Johann Schneider-­Ammann hat 2014 als das offizielle «Jahr der Berufsbildung» ausgerufen. Was bedeutet dies für das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI)?

n Mit seiner starken Arbeitsmarktausrichtung und dem hohen Engagement der Wirtschaft ist das duale Berufsbildungssystem der Schweiz ein Erfolgsmodell. Seine Stärken – Durchlässigkeit, direkter Bezug zum Arbeitsmarkt, Karrieremöglichkeiten – nimmt die breite Öffentlichkeit jedoch teilweise zu wenig wahr. Dies soll sich 2014 ändern. Wir wollen die zahlreichen geplanten Berufsbildungsveranstaltungen dazu nutzen, die breite Öffentlichkeit über die Berufsbildungsvorzüge zu informieren und Aufklärungsarbeit zu leisten.

Hat sich das SBFI im «Jahr der Berufsbildung» ein Ziel gesetzt?

n Ziel ist es, den Nutzen der Berufsbildung für alle Beteiligten – Individuum, Wirtschaft und Gesellschaft – aufzuzeigen. Insbesondere soll auch das Engagement von Kantonen und Wirtschaft sichtbar gemacht werden. Unter www.berufsbildung2014.ch werden wir dazu Informationen und Instrumente aufschalten und rufen alle Verbundpartner dazu auf, sich an den Aktivitäten im Berufsbildungsjahr 2014 im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu beteiligen.

Sie sind seit rund einem Jahr neuer Berufsbildungs-Chef beim Bund. Wo setzten Sie die Prioritäten in der Berufsbildungspolitik?

n Wesentlich für mich ist, dass wir ein Bildungssystem haben, das sämtliche Qualifikationsbedürfnisse abdeckt. Damit unsere Wirtschaft floriert, brauchen wir einen optimalen Mix von Bildungsangeboten auf allen Qualifikationsstufen: exzellente Hochschulen, eine arbeitsmarktorientierte höhere Berufsbildung, attraktive Berufslehren und ein profiliertes Gymnasium. In meinem Direktionsbereich arbeiten wir deshalb mit unseren Partnern laufend daran, die Bildungsangebote auf die sich wandelnden Bedürfnisse der Menschen in unserem Land, der Wirtschaft, des Arbeitsmarktes und des internationalen Umfeldes auszurichten. Dabei muss es möglich sein, unser System so weiterzuentwickeln, dass sich Berufsbildung und akademische Bildung auch künftig nicht konkurrenzieren, sondern optimal ergänzen.

«Berufsbildung und akademische Bildung dürfen sich nicht konkurrenzieren!»

Die Verbundpartnerschaft von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt hat laut Insidern an Schwung verloren.

Woran liegt das?

n Zum einen an übersteigerten Erwartungen an die Verbundpartnerschaft und – damit zusammenhängend – einem natürlichen «Ernüchterungseffekt». Zum andern haben divergierende Interessen in der höheren Berufsbildung die Zusammenarbeit zunehmend erschwert. Um diese Blockade zu lösen, haben wir 2013 ein Strategieprojekt mit den Schwerpunktthemen Finanzierung und Positionierung der höheren Berufsbildung gestartet. Was mich besonders freut, ist, dass das Projekt von allen Seiten mitgetragen wird und die Verbundpartner einen Blick fürs gesamte System entwickeln. Wir werden darüber hinaus aber noch mehr tun müssen, um die Verbundpartnerschaft weiter zu dynamisieren. Entsprechende Ideen werden wir den Partnern in den nächsten Monaten vorlegen.

«Wir brauchen 
englischsprachige ­Titel, die international attraktiv sind.»

Ausländische Firmen und ihre HR-Verantwortlichen kennen sich zu wenig mit dem dualen System aus. Kann da ein Professional Bachelor helfen?

n Das ist eine echte Herausforderung. Wir dürfen es nicht hinnehmen, dass CEOs oder HR-Chefs Fachkräfte ausschliesslich im Hochschulbereich rekrutieren, nur weil sie die Qualitäten des Schweizer Berufsbildungssystems nicht kennen. Es ist stossend, dass Bewerber mit einem Tertiär-B-Abschluss nicht oder nicht in der adäquaten Position angestellt werden, bloss weil die Verantwortlichen ihre Fähigkeiten und Kompetenzen nicht einschätzen können.

Das Problem wird allerdings mit einem neuen Titel allein nicht behoben. Deshalb brauchen wir neben den bewährten und im Arbeitsmarkt akzeptierten Schweizer Titeln einen zusätzlichen englischsprachigen Titel, der auch international etwas aussagt und attraktiv ist. Einen wesentlichen Mehrwert verspreche ich mir auch vom nationalen Qualifikationsrahmen für Abschlüsse der Berufsbildung (NQR-CH-BB) sowie den dazugehörigen Diplomzusätzen und Zeugniserläuterungen. Die Inkraftsetzung einer entsprechenden Verordnung planen wir für diesen Sommer.

Was sagen Sie dazu, dass ausländische Arbeitskräfte mit einem Bachelorabschluss teilweise schlechter ausgebildet sind als Schweizer Absolventen der höheren Berufsbildung?

n Es ist nicht generell so, aber solche Fälle gibt es. Das Problem ist dabei, dass «Bologna» nur etwas über den betriebenen Ausbildungsaufwand aussagt, nicht aber über die erworbenen Kompetenzen. Ich glaube, die Unternehmen werden in Zukunft immer mehr beachten, an welcher Universität jemand seinen Abschluss erworben hat. Der Bachelor irgendeiner ausländischen Universität ist nun mal etwas anderes als ein Bachelor an der ETH Zürich oder Lausanne, die in internationalen Rankings Spitzenplätze einnehmen.

«die Höhere BErufsbildung ist das Juwel der Berufsbildung.»

Wo soll die Höhere Berufsbildung (HBB) in ein paar Jahren stehen?

n Die Höhere Berufsbildung soll auch in 10 bis15 Jahren ein attraktives und arbeitsmarktnahes Bildungsangebot auf Tertiärstufe sein und einen wesentlichen Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz leisten. Denn die HBB macht die Attraktivität der gesamten dualen Berufsbildung aus, weil sie ambitionierten Berufsleuten die nötigen Perspektiven bietet. Andere Länder kennen dies nicht im selben Ausmass. Ich werde mich deshalb dafür einsetzen, dass die HBB wieder vermehrt zur valablen Alternative wird. Wir müssen sie als praxisorientiertes und sehr flexibles Element der Tertiärstufe viel selbstbewusster propagieren und ihre Abschlüsse weiterentwickeln und modernisieren. Die Höhere Berufsbildung soll in der öffentlichen Wahrnehmung nicht bloss ein Anhängsel der Grundbildung sein, sondern einen eigenständigen Platz im Bildungssystem einnehmen. Die Tertiär-B-Stufe ist das Juwel der Berufsbildung und darf gegenüber der Tertiär-A-Stufe nicht benachteiligt werden.

Was erhoffen Sie sich vom Mega­event SwissSkills Bern 2014?

n Berufsmeisterschaften, sei dies auf nationaler oder internationaler Ebene, sind ein hervorragendes Schaufenster. Sie zeigen einem breiten Publikum eins zu eins, zu welchen Spitzenleistungen die Berufsbildung fähig ist. Diesen Effekt werden wir mit SwissSkills 2014 hoffentlich verstärken können. Im besten Fall trägt die Grossveranstaltung sogar dazu bei, die Schweizer Medienlandschaft für eine intensive, umfassende Berichterstattung zu gewinnen. Damit würde es uns gelingen, den Stellenwert und den Bekanntheitsgrad der Berufsbildung flächendeckend zu erhöhen.

Interview: Corinne Remund

Grosse Erfahrung in der Berufsbildung

ZUR PERSON

Josef Widmer, lic. phil. (geb. 1958), ist seit Januar 2013 stellvertretender Direktor und Leiter des Direktionsbereichs Berufsbildung und allgemeine Bildung beim SBFI. Davor war er während 22 Jahren beim Kanton Luzern tätig, zuletzt 14 Jahre als Leiter der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung und Mitglied der Geschäftsleitung des Bildungs- und Kulturdepartements des Kantons Luzern. Josef Widmer ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter.