Publiziert am: 20.01.2017

Neuerungen nicht gleich ersticken

INNOVATION UND rEGULIERUNG – Moderne, digitalisierte Unternehmen wie Uber, Start-ups wie Noonee oder arrivierte Firmen wie die Ems-Chemie brauchen vor allem eines: Viel Freiheit und nicht zu viele Regulierungen.

Ob Start-up, wachsendes Unternehmen oder internationaler Konzern – gute Rahmenbedingungen sind wichtig für alle. So weit, so gut, aber was sind eigentlich gute Rahmen-bedingungen? An der Gewerblichen Winterkonferenz in Klosters stellte Rasoul Jalali, General Manager Uber Schweiz, klar: «Wir sind da, um Probleme zu lösen. Mit Ride-sharing verringern wir Staus, leisten einen Beitrag gegen die Umweltverschmutzung und erhöhen die Lebensqualität der Menschen.»

Was hat das nun mit Rahmenbe-
dingungen zu tun? Jalali: «Städte und Länder sollen bitte erst einmal zuschauen, bevor sie Inno­vationen 
regulieren oder gar ver­bieten.» An vielen Orten werde Uber nämlich durch Regulierungen aus dem Markt gedrängt. Störend sei dabei, dass vorher nicht einmal evaluiert werde, welchen Nutzen die Technologieplattform bringen könne.

Klar sei indes: Auch neue Unter-
nehmensmodelle müssten sich an Regeln halten. Doch wenn die Regeln Innovation systematisch verhinderten, müssten sie doch hinterfragt werden.

Der Stuhl ohne Stuhl

«Produktivitätssteigerung muss nicht unbequem sein,» sagte Olga Motovilova, eine der Gründerinnen des Start-ups Noonee, in Klosters. Ihre Firma stellt einen «Stuhl ohne Stuhl» her. Das Produkt ist eine Struktur, die an der Hüfte und den Beinen der Menschen angebracht wird. Man muss nur die typische Sitzbewegung machen und schon nimmt diese Struk-tur eine Form an. Das ganze wird Exo-Skelett genannt. Damit spart man Platz und gewährt individuelle Ruhe- und Pausenmöglichkeiten für Mitarbeitende. Und ist erst noch ergonomisch gesund. Kunden von Noonee sind grosse Unternehmen der Industrie. Diese müssen ihre Produktivität steigern und trotzdem für Mitarbeitende attraktiv bleiben.

«WENN REGELN INNO-VATION VERHINDERN, MÜSSEN SIE HINTERFRAGT WERDEN.»

«Forschung, Bildung und möglichst wenig Bürokratie: Das sind für uns gute Rahmenbedingungen», stellte die Noonee-Gründerin fest. Ohne die Unterstützung der Schweiz, vor allem der ETH, gäbe es ihre Firma nicht. «Als Student weiss man einfach nicht, was es heisst, eine Firma aufzubauen. Der praxisorientierte Transfer aus der Forschung ist deshalb wichtig.» Aber die Firma könne auch nicht überleben, wenn sie sich allzu viel mit Bürokratie abgeben müsse. «Dann würde uns die Lust ausgehen – und wohl auch das Geld», sagte Olga Motovilova.

Nicht zu starre Regeln

SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher, Chefin der Ems-Chemie, ist überzeugt: «Rechtssicherheit, tiefe Steuern und Föderalismus – das sind die Rahmenbedingungen, die wir uns wünschen.» Aber sie warnte in Klosters auch. Denn nicht alles stehe zum Besten in der Schweiz. Die Politik tue vieles, was direkt oder indirekt diese Rahmenbedingungen verschlechtere.

Probleme bereiteten nicht nur neue Regulierungen und mehr Staatseingriffe. Auch der Arbeitsmarkt werde immer weniger flexibel. «Wenn die Regeln starr sind, ist Innovation nicht möglich», urteilte Martullo. «Die Politik muss den Mut haben, nicht zu regulieren. Firmen finden dann schon ein Einvernehmen mit den Mitarbeitenden und den Kunden. Auch das ist Innovation.»

Der Mensch im Mittelpunkt

Doch Martullos Äusserungen blieben nicht unwidersprochen: «Rahmenbedingungen sind das eine. Aber es ist der Mensch, der im Mittelpunkt stehen muss – auch bei der Innovation,» sagte Doris Bianchi, stellvertretende Sekretariatsleiterin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. «Ein flexibler Arbeitsmarkt bedeutet nicht, dass man die Arbeitnehmenden ausnehmen kann», sagte Bianchi mit Blick auf Uber. «Wer Angestellter ist, ist eben nicht Unternehmer. Das ist ein bewusster Entscheid, den es zu respektieren gilt. Man kann die unternehmerischen Risiken nicht an die Mitarbeitenden auslagern.» Für Doris Bianchi ist es klar, dass Arbeitnehmende auch in den innovativsten Firmen Rechte haben müssen. Dazu gehören das Recht auf Arbeitssicherheit, auf klar definierte Arbeitszeiten und auf Mitbestimmung. «Auch das gehört zu den guten Rahmenbedingungen.»

Als Fazit der Diskussion bleibt in Erinnerung: Gute Rahmenbedingungen sind wichtig. Die Frage lautet, wie sie sich in der Realität umsetzen lassen.

Henrique Schneider, Stv. Direktor sgv