Publiziert am: 12.08.2016

(Noch) kein Land der KMU

SINGAPUR – Staatsbesuch in der Löwenstadt: Auch der Schweizerische Gewerbeverband sgv war Teil der von Bundespräsident Schneider-Ammann geführten Wirtschaftsdelegation.

Im Juli fand ein offizieller Staatsbesuch der Schweiz in Singapur statt. Bundespräsident Schneider-Ammann führte eine über 20-köpfige Wirtschaftsdelegation ins südostasiatische Land. Mit von der Partie waren auch Vertreter des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv, denn KMU und Berufsbildung standen im Mittelpunkt der Diskussionen.

Singapur ist kein Land der KMU. Und auch die Berufsbildung geniesst dort keinen hohen Stellenwert. Doch das soll sich ändern. Laut der Regierung soll der Stadtstaat diese beiden Schweizer Erfolgsrezepte übernehmen.

Die Wirtschaft stagniert

Singapur kennt viele Erfolge, aber ein grosses Problem: Die Wirtschaft stagniert. Das hat damit zu tun, dass die Mehrheit der Bevölkerung sich nicht gewohnt ist, Verantwortung zu übernehmen. Der Staat plant das meiste zentral. Von den wichtigsten Unternehmen und ihren Tätigkeiten bis zur durchschnittlichen Gehdistanz eines Haushalts zum nächsten öffentlichen Park (10 Minuten): In Singapur ist alles staatlich geplant.

«Ihre KLUMPENRISIKEN 
ZU REDUZIEREN, BRINGT NEUE CHANCEN 
FÜR DIE SCHWEIZ.»

Das hat zwar eine grosse Mittelschicht hervorgebracht und einige Grossunternehmen bevorzugt, doch es gibt auch Schattenseiten. Das eine ist die wenig innovative Wirtschaft, das andere die wenig produktive Bevölkerung. Beides ist eng miteinander verbunden. Denn dort, wo eine Arbeitsbevölkerung berufspraktisch ausgebildet ist, entstehen Innovationen von alleine, weil die einzelnen Mitarbeitenden auch viel produktiver sind. Am wichtigsten ist: Sie sind sich gewohnt, Risiko und Verantwortung zu tragen.

Von der Schweiz lernen

Hier will Singapur von der Schweiz lernen. Die Regierung hat sogar zwei Kommissionen auf höchster Ebene einberufen. Die eine kümmert sich um Rahmenbedingungen, die für KMU förderlich sind. Die andere fragt sich, wie ein Berufsbildungssystem im südostasiatischen Stadtstaat aussehen könnte.

Singapur will nicht etwa die Schweiz kopieren. Das wäre auch unrealistisch. Doch einige Charakteristiken des Schweizer Systems sollen erkannt und an die südostasiatische Realität angepasst werden. Bundespräsident Schneider-Ammann signalisierte den Willen der Schweiz, Erfahrungen auszutauschen. Und der sgv trat in eine offizialisierte Beziehung zu Ministerin Ann Kim, welche beiden Kommissionen verantwortet.

Kooperation mit Südkorea

Auf seiner Reise besuchte der Bundespräsident auch Südkorea. Dort stand die Wissenschaft, konkret die Biotechnologie, im Mittelpunkt. Und auch dort waren viele Schweizer KMU präsent. Biotech ist nämlich KMU-geprägt. Diese konnten ihr Wissen und Können in Seoul zur Schau stellen. Darüber hinaus wurden Kooperationsvereinbarungen zwischen Universitäten und wissenschaftlichen Forschungsinstituten abgeschlossen.

Ostasien im Allgemeinen und Singapur sowie Korea sind wichtige Handelspartner der Schweiz. Vor allem: Sie sind stabil, wohlhabend – und nicht Teil der EU. Eine Diversifizierung der Schweizer Aussenhandelsbeziehungen kann der Schweiz nur nützen: Sie reduziert vorhandene Klumpenrisiken und öffnet neue Möglichkeiten.

Henrique Schneider, 
Stv. Direktor sgv