Publiziert am: Freitag, 16. September 2016

Ohne Computer geht es nicht mehr

Garagengewerbe – Die Digitalisierung beeinflusst die Mobilität und damit die Autoindustrie. Die neuen Technologien haben sich in den Werkstätten zum Teil etabliert. Die Betriebe dürfen aber den Anschluss nicht verpassen, um wettbewerbs­fähig zu bleiben.

Gemäss dem Zukunftsforscher Lars Thomsen wird die digitale Transformation die Autoindustrie in den nächsten 10 Jahren nachhaltiger verändern als in den vergangenen 50 Jahren. Davon betroffen sind auch das Garagengewerbe und dessen Ausbildung. Gemäss Olivier Maeder, Mitglied der Geschäftsleitung des Auto Gewerbe Verbandes Schweiz AGVS, sei die Entwicklung bezüglich neue Techno­logien in den Werkstätten recht weit fortgeschritten und der Computer bei einer Diagnose nicht mehr wegzudenken. Im Neuwagenverkauf sei die Durchdringung der Digitalisierung vom Hersteller abhängig – diese reiche vom einfachen Fahrzeugkonfigurator über die virtuelle Produktepräsentation bis hin zum Onlinevertrieb. «Einen zunehmend wichtigeren Platz nimmt die Digitalisierung ein, wenn es darum geht, das Fahrzeug immer stärker mit dem Fahrer (via «Mobile Devices») und der Infrastruktur zu verbinden», erklärt Maeder. Werden Informa­tionen über den Kunden und sein Fahrzeug richtig genutzt, können Produkte und zusätzliche Dienstleistungen verkauft werden. «Die Möglichkeit, 24 Stunden online Werkstatttermine zu vereinbaren, entspricht einem immer breiteren Kunden­bedürfnis», weiss Maeder. Als Potenzial der neuen Technologien in der Auto­industrie erachtet er auch den Sicherheits- und Komfortgewinn durch autonomes oder auch teilautonomes Fahren. «Durch die Vernetzung des Fahrzeuges mit anderen Verkehrsteilnehmern und Infrastrukturen können der Verkehrsfluss erhöht und das Strassennetz künftig effizienter ausgenützt werden», so Maeder.

«Das Auto wird immer stärker mit Fahrer und Infrastruktur verbunden.»

Die Digitalisierung in der Autobranche bringt auch Risiken mit sich. Dazu Maeder: «Durch den Onlinevertrieb von Neufahrzeugen und Serviceplattformen werden die Margen weiter unter Druck geraten.» Eine weitere Herausforderung sei die Sicherstellung der Datenhoheit und des Datenschutzes der Kunden- und Fahrzeugdaten. Zudem müsse die persönliche Beziehung durch den direkten Kundenkontakt trotz Digitalisierung aufrechterhalten werden. «Oftmals erfolgen Software-Updates der Fahrzeugsysteme direkt vom Hersteller, was eine Umgehung des Garagisten bedeutet», gibt Maeder zudem zu bedenken.

Technische Grundbildung 
überarbeitet

Alle Mitarbeiter, egal, ob sie in der Werkstatt, im Kundendienst, im Ersatzteillager oder im Verkauf tätig sind, werden mit dem Thema Digitalisierung konfrontiert. «Die Anforderungen an den Job ändern sich, umso wichtiger wird die stetige Weiter­bildung, um sich die neu geforderten Fähigkeiten aneignen zu können», stellt Maeder fest. «Dass wegen der Digitalisierung generell Jobs wegrationalisiert werden», glaubt er nicht. Der AGVS unterstützt seine Mitglieder in dieser Thematik mit einem aktuellen und zukunftsorientierten Grund- und Weiterbildungsangebot und entsprechenden Dienstleistungen. «Aktuell überarbeiten wir unsere technischen Grundbildungen. Themen wie alternative Antriebe, Infotainmentsysteme und das Diagnostizieren mechatronischer Systeme werden neu in den Bildungsplan des Automobilmechatronikers aufgenommen», konkretisiert Maeder, der im Verband für die Berufsbildung zuständig ist. «Auch in der Weiterbildung haben wir in den kürzlich überarbeiteten Leistungszielen für den Automobildiagnostiker unter anderem den Kompetenzbereich Fahrerassistenzsysteme neu aufgenommen und das Diagnostizieren von Komfort und Sicherheitssystemen stärker gewichtet.» Die Verkaufs- und Kundendienstberater werden zudem künftig auch hinsichtlich der Digitalisierung weitergebildet, beispielsweise in der Bedienung der Infotain­ment­systeme und den Cloud-Services. «Damit stellen wir sicher, dass unsere Fachkräfte heute und in Zukunft die gestellten Anforderungen durch den rasanten Technologiefortschritt erfüllen können», betont Maeder. Für ihn ist klar, die Garagenbetriebe können sich der Digitalisierung nicht verschliessen. «Sie müssen die Herausforderungen annehmen und die Bereitschaft haben, neue Dienst­leistungen anzubieten und die dafür notwendigen Investitionen zu tätigen, sonst sind sie weg vom Fenster.»

Mit dem Wandel Schritt halten

Die Digitalisierung gehört auch bei der Auto Graf AG – BMW- und MINI-Vertretung – in Meilen (ZH) zum Alltag. «Bei BMW werden die Systeme alle zwei Jahre vollständig ersetzt. Dazwischen gibt es aber auch ständig Updates», sagt Co-Geschäftsleiter Michel Graf. Bei der eigenen Firma und den Mitarbeitern sei man hingegen gezwungen, ständig zu digitalisieren. «Es wird sonst zu teuer», so Graf.

«Unsere Diagnostiker und Automobilmechatroniker müssen ganz neue Aufgaben übernehmen.»

Ein Paradebeispiel für eine moderne, digitalisierte Garage ist die Thal-Garage Frey AG im solothurnischen Aedermannsdorf. Als schweizweit erster Betrieb ist sie mit dem «Volvo Personal Service» ausgerüstet. «Dabei hat jeder Kunde seinen persönlichen Servicetechniker. Dieser wickelt den ganzen Serviceprozess von der Annahme des Auftrags über die Offerte bis hin zur Rechnung ab», erklärt Jenny Frey. Sie ist für Kundendienst, Werkstatt, Support und Organisation im Familienbetrieb zuständig. Der Computer ist ein fester Bestandteil eines jeden Arbeitsplatzes in der Werkstatt. «Er ist mit sämtlichen Volvo-Programmen und der Garagensoftware bestückt», so Frey. Diese digitalisierten Arbeitsplätze führten zu neuen Arbeitsabläufen: «Wir sind viel effizienter. 40 Prozent unserer Kunden, die aus der gesamten Schweiz kommen, warten bei uns, bis die Service­arbeit oder Reparatur erledigt ist», erklärt Frey. Die Digitalisierung sei für das gesamte Team eine neue Herausforderung: «Unsere Diagnostiker und Automobilmechatroniker müssen ganz neue Aufgaben übernehmen, wie beispielsweise mit den Kunden direkt kommunizieren, sich aber auch mit dem Computer und den verschiedenen Garagensystemen auskennen.» Die fortschrittliche Garage hat dank ihres Konzepts in der Schweiz Platz 1 bezüglich Kundenzufriedenheit After Sales erreicht. «Wir müssen immer am Ball bleiben, aber es macht Spass und wir lernen immer dazu», meint Frey lachend.

Corinne Remund

SYNERGY 2016

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Die Digitalisierung ist eine unaufhaltbare Entwicklung. Sie erfasst auch die gesamte KMU- Wirtschaft. Die digitale Transformation bedeutet für viele KMU neue Produkte für neue Märkte. Unter dem Titel «Digitalisierung – KMU4.0» widmet sich der diesjährige KMU-Anlass synergy diesem Thema. Dabei werden zahlreiche Referenten aus der KMU-Wirtschaft, darunter auch Jenny Frey der Thal-Garage Frey aus Aedermannsdorf über ihre Erfahrungen mit den neuen Technolo­gien berichten.

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