Publiziert am: 04.09.2015

Riesige Chancen – grosse Probleme

INDIEN – Viele Junge, gute Ausbildung und relativ tiefe Löhne: Im Vergleich zu China schneidet Indien generell gut ab. Wären da nicht Bürokratie, Protektionismus und Korruption.

Selbst die härtesten Kritiker müssen es zugeben: China ist eine Erfolgsgeschichte. Was ist aber mit Indien? Kann der bengalische Tiger es mit dem Drachen aufnehmen? Einige Asien-Experten fragen pointierter: Gehört die Zukunft etwa Indien?

«DIE IN EUROPA UND IN CHINA ERWARTETE ‹VERGREISUNG› SETZT IN INDIEN SPÄTER EIN.»

Gute Ausgangslage

Zweifelsohne. Indien verfügt über diverse Vorteile, gerade im Vergleich zu China. Es ist ein relativ freies Land mit einer jungen Bevölkerung und lebendigem Unternehmertum. Aber es ist auch ein protektionistisches und kompliziertes Land. Indien verfügt – auch im Vergleich zu China – über eine günstige Altersstruktur. Die derzeit hohe Zahl junger Menschen an der Bevölkerung wird in den nächsten Jahrzehnten für einen grossen Anteil von Menschen im erwerbsfähigen Alter sorgen. Die in Europa und auch in China zu erwartende «Vergreisung» der Bevölkerung wird in Indien deutlich später einsetzen. Die junge indische Bevölkerung ist auch ausgebildet. Schon heute ist ein grosses Angebot an qualifizierten Arbeitskräften vorhanden. Laut der Unternehmensberatung McKinsey verfügt Indien über insgesamt 14 Millionen junge Universitätsabsolventen aller Fachrichtungen mit bis zu sieben Jahren Berufserfahrung. Allerdings kann gleichzeitig rund ein Drittel der Bevölkerung über 15 Jahre nicht lesen und schreiben. Aufgrund des niedrigen Lohnniveaus wird Indien bei den Arbeitskosten noch lange Vorteile gegenüber ausländischen Konkurrenten haben. Hohe Währungsreserven und die relativ niedrigen Auslands- und Privatschulden machen Indien dabei gegenüber weltwirtschaftlichen Krisen wenig anfällig.

Private tragen den Aufschwung

Der indische Aufschwung wird – anders als in der staatlich gelenkten chinesischen Wirtschaft – von privaten Unternehmen getragen. Oliver Müller, ein erfahrener Asien-Analyst, sieht darin die Gewähr für eine bessere Lenkung des Kapitaleinsatzes: «Das Misstrauen von Pekings Kadern gegenüber unternehmerischem Engagement ausserhalb ihrer Kontrolle leistet Verschwendungen und Fehlinvestitionen Vorschub. Inder werden dafür sofort vom Wettbewerb bestraft, ihre Wirtschaft geht mit Kapital umsichtiger um.» Mit Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung und einem funktionierenden Rechtssystem bietet Indien mehr Stabilität und weniger Risiken als China. Dass Indien – trotz ungleicher Einkommensverteilung, hoher Arbeitslosigkeit und vieler ethnischer und religiöser Gegensätze – über eine bemerkenswerte soziale und politische Stabilität verfügt, ist nicht zuletzt der Integrationskraft der indischen Demokratie zu verdanken. Ein Preis der indischen Demokratie ist allerdings die lange Dauer der politischen Entscheidungsprozesse.

Protektionismus überall

Doch Indien leidet auch unter gewaltigen Problemen. Behindert werden das Wachstum und die Investitionen insbesondere durch die mangelhafte Infrastruktur, Eingriffe und Auflagen der staatlichen Bürokratie und die weitverbreitete Korruption. Hinzukommen Arbeitsmarktregulierungen, die in einigen Bereichen der Wirtschaft zum Beispiel betrieblich notwendige Kündigungen von Arbeitskräften sehr erschweren. Vor allem aber: Protektio­nismus und damit Import- und Exportzölle sind allgegenwärtig, und in einigen Bundesstaaten herrscht mehr oder weniger Planwirtschaft. Vermutlich ist Indien das «sozialdemokratischste» Land der Welt. Nur, dass dort Sozialdemokratie lediglich als staatlicher Schutz und Umverteilung verstanden wird. Allerdings gibt es in Indien nicht viel zu Verteilen. Ob Indien also den gleichen Weg wie China einschlagen kann, hängt davon ab, ob es gelingt, die guten Rahmenbedingungen zu behalten und die Hemmnisse abzubauen, die das Land im asiatischen Subkontinent noch immer zu lähmen vermögen.

Henrique Schneider,

Ressortleiter sgv