Publiziert am: 21.02.2020

Scheitern an sich selbst

FRANKREICH – Die Grande Nation war auch einmal eine Wirtschaftsmacht.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 2020 wird sie deklassiert.

Noch im Jahr 2010 war Frankreich die fünftgrösste Volkswirtschaft der Welt. Ihr Bruttoinlandprodukt BIP betrug 2651,7 Milliarden US-Dollar. Knapp zehn Jahre später hält sich die Grande Nation knapp auf dem sechsten Platz. Ihr BIP stieg kaum an und beträgt 2780 Milliarden Dollar. In der Zwischenzeit wurde Paris von London überholt. Im Jahr 2020 wird es von Delhi überholt.

Auch die anderen Indikatoren zeigen in die gleiche Richtung. Die Arbeitslosenquote von 8,4 – unter Jugendlichen sogar 18,8 – Prozent ist in Frankreich höher als jene der Europäischen Union EU. Sie beträgt dort 7,4 Prozent.

Die Staatsverschuldung Paris ist fast 100 Prozent des BIP. In der EU beträgt die Zahl «nur» 87,9 Prozent. Der Bevölkerung geht es nicht nur job- und schuldenmässig schlechter, sie verliert auch mehr an Kaufkraft als in anderen Europäischen Wirtschaften.

Während die Inflationsrate in Frankreich etwa 1,6 Prozent beträgt, liegt sie im EU-Mittel bei 1,4 Prozent.

Hohe Staatsquote

Die Zahlen sehen schlecht aus; doch noch negativer ist die Botschaft auf der Zeitachse. In den letzten zehn Jahren haben sich alle europäischen Wirtschaften verbessern können – ausser Griechenland und Frankreich. Was diese beiden Länder verbindet, ist nicht nur das problematische wirtschaftspolitische Abschneiden, sondern auch die hohe Staatsquote. In Frankreich gehen über 56 Prozent des BIP auf die Staatsaktivität zurück. Dabei gilt die 40-Prozent-Marke als besonders problematisch, und selbst die EU liegt im Durchschnitt viel tiefer, nämlich bei 47 Prozent.

Etwa 35 Prozent des französischen BIP gehen auf Umverteilungsausgaben zurück. Hier mag auch der Schlüssel liegen, um die Situation zu verstehen. Der Niedergang Frankreichs wird von der Reformunfähigkeit einer staatlichen Wirtschaftslenkung begleitet. Die Streiks Ende 2019 und auch dieser Tage sind dabei eine ideale Fallstudie.

Fallstudie Rentenreform

Präsident Emmanuel Macron wollte die 42 Rentensysteme für die einzelnen Berufsgruppen durch ein einheitliches, transparenteres System ersetzen und das Renteneintrittsalter von 62 auf 64 Jahre anheben. Dabei gehen aktuell einige Berufsgruppen sogar noch deutlich früher in Pension – Eisenbahner etwa, die vor dem Jahr 2000 ihren Job begonnen haben, können in Frankreich schon mit 52 Jahren regulär aus dem Berufsleben ausscheiden. Allein für die Altersbezüge der Eisenbahner zahlt der französische Staat drei Milliarden Euro pro Jahr.

Im EU-Vergleich hat Frankreich deshalb ein teures Rentensystem: Im Jahr 2017 erreichten die staatlichen Rentenausgaben einen Wert von 13,4 Prozent des BIP, noch höher sind die Quoten nur in Griechenland und Finnland mit jeweils 13,8 Prozent.

Zum Vergleich: Im Schnitt wenden die Länder des Euroraums 10,7 Prozent des BIP für staatliche Renten und Pensionen auf. Nach den Streiks musste der Präsident zurückkrebsen. Die Situation bleibt, wie sie ist.

Wenig Hoffnung

Der Streit um die Pensionen ist nur eine der vielen Baustellen Frankreichs. Ein überholtes Arbeitsrecht, ein Dickicht bürokratischer Regulierung, Tätigkeitsverbote und erlahmende Regulierungskosten brechen der französischen Wirtschaft den Mut – und auch das Genick.

Angesichts dieser Lage ist es ein Wunder, wenn die Grande Nation im Jahr 2020 überhaupt ein Prozent Wirtschaftswachstum schafft.

Sc

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