Publiziert am: Freitag, 11. August 2017

«Schuhhandel ist Knochenarbeit»

SCHUHSCHWEIZ – Dieter Spiess hat das Präsidium von schuhschweiz nach 33 Jahren abgegeben. Im Interview mit ihm und seinem Nachfolger Lukas Kindlimann geht es um die Zukunft des Verbands, den Handel allgemein und überflüssige Regulierungen.

Schweizerische Gewerbezeitung: Nach 33 Jahren ging Ihre Ära zu Ende. Welches war Ihr Highlight?

 Dieter Spiess: Es gab während dieser Zeit viele unvergessliche Erlebnisse. Wenn ich jedoch eines hervorheben möchte, dann der Nationale Schuh-Tag vom 22. August 2013. Wir konnten mit diesem Grossanlass das Schuhbewusstsein bei den Konsumenten erhöhen.

… und der Tiefpunkt?

 Spiess: Hier kann ich keinen nennen, denn es ist die Aufgabe, Tiefpunkte zu vermeiden, indem man frühzeitig agiert und nicht nur auf eine unliebsame Situation reagiert. Negative Erfahrungen sind sicher die rasant steigende Staatsquote oder die hohe Belastung der Wirtschaft mit staatlichen Regulierungen sowie Gebühren und Abgaben.

Herr Kindlimann, Sie treten in grosse Fussstapfen. Welche Erwartungen haben Sie?

 Lukas Kindlimann: Unser jetziger Ehrenpräsident Dieter Spiess hat in den vergangenen 33 Jahren als Präsident einen grossen Leistungsausweis erbracht. Mit dem Vorstand und unserer Geschäftsführerin zusammen möchte ich das Bisherige fortsetzen und auch im Dienste unserer Mitglieder arbeiten.

Einige behaupten ja, verkaufen oder ein bisschen handeln, das könne jeder. Einverstanden?

 Spiess: Das ist so sicher nicht zutreffend. Früher in der wirtschaftlichen Wachstumsphase waren gute Umsätze einfacher zu erzielen. Mindestens seit 2010 muss sich der Schuhdetailhandel enorm anstrengen, um seine Existenz zu behaupten. Es müssen neue Ideen und Konzepte einfliessen, ansonsten ist der stationäre Handel beliebig austauschbar.

 Kindlimann: Der Schuhdetailhandel ist Knochenarbeit, gespickt mit feinfühliger Psychologie. Die Kundenbedürfnisse müssen genauestens ermittelt und diese Informationen an die Lieferanten weitergegeben werden. Hinzu kommt, dass Situationen wie Wetter, Saison und Konsumentenstimmung täglich neu eingeschätzt und angepasst werden müssen.

Warum wird der Handel dann generell eher unterschätzt?

 Kindlimann: Dem ist nicht so! Wenn man mit dem Konsumenten ins Gespräch kommt, versteht dieser bald, dass sehr viel hinter einem Schuhverkauf steht. Eine fachkun­dige, freundliche und kompetente ­Beratung ist heute die Grundlage.

 Spiess: Am Beispiel Schuhe müssen wir endlich aufhören, alles auf den Preis zu reduzieren. Vielmehr sollten wir den Konsumenten auf die Wichtigkeit der Füsse sensibilisieren und die Schuhe als Fussbekleidung ins Zentrum stellen. Es gibt unzäh­lige Argumente, welche dem Konsumenten bei seinem Kauf von Schuhen nicht oder nur ungenügend vermittelt werden. Hier haben wir noch enorme Defizite aufzuholen. Die Schuhfachleute im Verkauf verfügen über ein grosses Fachwissen, das sie oft nicht einsetzen und ausschöpfen. Wenn wir dies realisieren, dann wird der Schuhdetailhandel nicht unterschätzt, sondern auf die richtige ­Ebene gestellt.

Wo muss in der Bildung in Zukunft der Hebel angesetzt werden?

 Spiess: Die Anforderungen an das Verkaufspersonal werden weiter steigen. schuhschweiz hat sich seit jeher den wirtschaftlichen Veränderungen auch in der Bildung angepasst und die Lernenden auf ihre Aufgabe im Geschäft gut vorbereitet.

 Kindlimann: Seinen Betrieb und die Produkte zu kennen, ist heute wie früher unerlässlich. Was aber wichtiger geworden ist, sind sämtliche Themen rund um die Sozialkompetenz. Wie muss der Lernende mit den Menschen umgehen? Was erwartet der Kunde?

«Wir müssen endlich aufhören, alles 
auf den Preis zu ­reduzieren.»

Sie haben die Sozialkompetenz erwähnt. Wo steht der Schuhhandel im Prozess der Digitalisierung, und welche Rolle spielt der Faktor Mensch?

 Spiess: Die Digitalisierung ist im Schuhhandel nicht neu, und es ist auch gefährlich, wenn alle Prozesse dem technologischen Fortschritt unterstellt werden. Im Zentrum stehen für den Schuhdetailhandel immer noch die Menschen, die Konsumenten. Schuhe gehören, wie von mir bereits angesprochen, zu den Konsumgütern, welche grossmehrheitlich vom Kunden eine persönliche Beratung und Bedienung verlangen. Da müssen wir den Hebel ansetzen.

 Kindlimann: Der Mensch ist wichtiger denn je. Viele Leute sind dem Stress des digitalen Tempos nicht gewachsen. Die Gefahr der digitalen Vereinsamung wächst. Dies merke ich im eigenen Geschäft täglich. Und genau dies ist die Chance für mittlere und kleinere Händler. Mit Persönlichkeit, Beratung, Service und Qualität können diese auftrumpfen. Das Internet als Informationsquelle zu nutzen, als Hilfsmittel, um den Kunden in das Geschäft zu holen, betrachte ich aber auch für kleine Händler als sehr sinnvoll.

Wo liegen die regulatorischen Stolpersteine in der Branche?

 Spiess: Bei den stetigen Lohndiskussionen bzw. den Arbeitsmarktkontrollen durch die Tripartiten-Kommissionen, welche wir als reine Schikane des Amtsschimmels betrachten. Der Gesetzgeber schiesst mit diesen Kontrollen über das Ziel hinaus. Im Schuhdetailhandel sind Schwarzarbeit und Lohndumping kein Thema!

 Kindlimann: Gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Verunsicherung sind die zunehmenden Regulatorien, speziell für kleinere Unternehmen, ein fast nicht zu bewältigender Mehraufwand. Und wie schon erwähnt die Arbeitsmarktkontrollen. Diese werden vermehrt als Profilierungsfeld von gewissen Kreisen missbraucht.

Braucht es in der heutigen Zeit überhaupt noch Verbände wie schuhschweiz?

 Spiess: Berufsverbände sind nach wie vor wichtig, wenn sie die Interessen ihrer Mitglieder auch aktiv vertreten. Damit man dies kann, braucht es einen Präsidenten, welcher selber in dieser Branche ein Geschäft führt und eine Geschäftsstelle, welche das Vertrauen der Mitglieder geniesst. Gerade bei der Regulierung setzt sich schuhschweiz mit aller Kraft gegen die Beamtenwillkür ein.

 Kindlimann: Sie sehen selbst, welche wichtigen Themen wir in diesem Interview angesprochen haben. In all diesen Themen unterstützen wir unsere Mitglieder. Die Bildung ist einer unserer Hauptpfeiler.

«Schuhschweiz setzt sich mit aller Kraft gegen die Beamtenwillkür ein.»

Herr Kindlimann, wie und wo kaufen wir in zehn Jahren Schuhe ein?

 Kindlimann: Im Schuhgeschäft wie auch im Internet. Ich bin überzeugt, dass der stationäre Handel an Bedeutung zunehmen wird. Das persönliche Gespräch, die Beratung, das Zuhören wird an Bedeutung gewinnen. Das Einkaufserlebnis wird in Zukunft wieder verstärkt geschätzt werden.

Und in welchen Schuhen und wo werden wir Sie dann antreffen, Herr Spiess?

 Spiess: Ich bin noch immer Unternehmer und besitze ein Schuhgeschäft. Ein Unternehmer bleibt immer ein Unternehmer, auch dann, wenn er ein Mandat aufgibt. Für mich sind Schuhe etwas ganz Wichtiges im Leben. Auch daran wird sich bei mir nichts ändern. Wie heisst es doch so treffend: «Zeig her Deine Schuhe, und ich sage, wer Du bist!»

Interview: Adrian Uhlmann

Goldener/Silberner Schuhlöffel 2017

Jedes Jahr werden alle Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger mit Note 5,3 oder höher von schuhschweiz mit dem Goldenen (Detailhandelsfachleute) bzw. Silbernen (Detailhandelsassistentinnen) Schuhlöffel ausgezeichnet. In diesem Jahr erreichten 23 junge Berufsleute die begehrte Auszeichnung.

Rangliste Detailhandelsfachleute, 
Goldener Schuhlöffel

5,6 Nathalie Stäger, 
My Shoes, Matten bei Interlaken

5,5 Fabio Figueiredo Pereira, 
Vögele Shoes, Interlaken

5,5 Nadine Fuchs, 
Swissbiomechanics, Einsiedeln

5,4 Melissa Baumann, 
Vögele Shoes, Schönbühl

5,4 Justine Geinoz,
Dosenbach, Fribourg

5,4 Rosa Nguyen,
Vögele Shoes, Emmenbrücke

5,4 Fanny Pena Fontan,
Ochsner Shoes, Avry-sur-Matran

5,4 Naomi Tanner,
Spiess Schuhe Freizeit Lifestyle AG, 
Gelterkinden

5,3 Claudia Natalie Bieri,
Vögele Shoes, Steinhausen

5,3 Sandra Vanessa Costa Moutinho,
Ochsner Shoes, Bulle

5,3 Marie Favre, 
Dosenbach Schuhe + Sport, Fleurier

5,3 Chiara Fuchs,
Vögele Shoes, Zweisimmen

5,3 Janine Odermatt,
Swissbiomechanics, Einsiedeln

5,3 Sandra Odermatt,
Tschümperlin & Co. AG, Schwyz

5,3 Patricia Reichmuth,
Dosenbach Schuhe + Sport, Lachen

5,3 Eliane Röösli,
Entlebucher Schuh-Märt, Entlebuch

5,3 Leyla Turan,
Vögele Shoes, La Chaux-de-Fonds

Rangliste Detailhandelsassistentinnen Silberner Schuhlöffel

5,6 Stephanie Unterlandstättner,
Vögele Shoes, Bachenbülach

5,5 Gaia Tonanti,
Vögele Shoes, Lugano

5,4 Dilara Tanilmis,
Vögele Shoes, Langendorf

5,3 Sabrina Forsthuber,
Schuhhaus Walder, Wädenswil

5,3 Sandra Rupp,
Berger Schuhe + Sport, Konolfingen

5,3 Isabelle Widmer,
Vögele Shoes, Rickenbach b. Wil