Publiziert am: 09.03.2018

«Sogar Überstunden gibt es»

HELVARTIS – Präsident Laurent Comte erklärt die Funktionsweise der Praxisfirmen und weshalb das Modell Sinn macht. Lehre, Wiedereingliederung und Weiterbildungen gehören zum Angebot.

Schweizerische Gewerbezeitung: Was genau ist eine Praxisfirma?

n Laurent Comte: Eine Praxisfirma ist die Abbildung eines Unternehmens, meistens einer Handelsfirma im Import/Export. Das Wirtschaftsgeschehen einer Firma wird realitätsgetreu erlebt. Jede unserer Praxis­firmen ist mit Patenfirmen verknüpft. In der Schweiz gibt es ca. 60 solcher Firmen. International arbeiten wir mit über 7000 zusammen.

Welche Bedingungen muss jemand erfüllen, um in einer Praxisfirma arbeiten zu können?

nMeistens entspricht es dem Wunsch der Stellensuchenden. Ihr RAV-Berater kann dies dann veranlassen. So wünschen wir es uns natürlich auch. Das Ziel ist eine schnelle und nachhaltige Wiedereingliederung. Die IV finanziert auch Arbeitsplätze in ­Praxisfirmen. Hierbei können Abklärung, eine Lehre, aber auch Wiedereingliederung das Ziel sein. Praxisfirmen gehören ausserdem zum Lehrplan in Handelsschulen. Hier entsprechen wir der Praxis auf dem Weg zum Eidgenössischen Fachzertifikat (EFZ).

Durch das Ausbildungsprogramm «sQills» kann man auch eine Weiterbildung absolvieren. Für Personen, die lieber an der Arbeitsstelle lernen als einen Kurs besuchen, ist das ideal.

Können die Beschäftigten wirklich ausblenden, dass sie in einer «künstlichen» Firma arbeiten?

nStellen Sie sich heute eine Import-Export-Firma vor. Zahlungen werden online gemacht, das Lager ist nicht einmal mehr in der Schweiz. Was ist hier anders als in der Praxisfirma? Wir machen genau das, was eine reale Firma täglich auch macht. In der Praxisfirma kann ich aber auch das erlernen, was mir sonst keine Firma zeigen würde. Zum Beispiel Löhne verarbeiten oder eine Projektgruppe leiten. Ja, sogar Überstunden gibt es, weil sich ein Teilnehmer so in die Arbeit vertieft, dass er die Zeit vergisst.

Kommt dazu, dass wir die Firmen mit dem höchsten Turnover der Welt sind. So organisiert wie eine Praxisfirma ist kaum eine andere Firma.

Würden Sie akzeptieren, dass ein Chirurg Sie anfasst, wenn er nicht zuerst eine Operation simuliert hat? Warum sollte das bei kaufmännischen Aktivitäten nicht auch so sein?

«Würden Sie akzeptieren, dass ein Chirurg Sie anfasst, wenn er nicht zuerst eine Operation simuliert hat?»

Ist die Dauer einer Anstellung befristet?

nBei Stellensuchenden wird die Stelle neu besetzt, sobald jemand eine Stelle gefunden hat. Praktika dauern höchstens 3 bis 6 Monate. Bei der IV kann die Dauer je nach Zieldefinition auch länger sein. Bei Schulen haben wir 2-wöchige Module, aber auch Halbtagsmodelle über die Dauer von ein bis drei Jahren. Die Dauer hängt aber immer von der Zieldefinition ab. Diese wird mit dem Kandidaten abgesprochen.

Welche Berufsfelder sind im Angebot?

nDie Abteilungen Einkauf, Verkauf, Buchhaltung, Marketing, Personalwesen und Sekretariat stehen zur Verfügung. Wir bilden aber zum Teil auch Informatiker, Kaderleute oder weitere Profile aus.

Wie finanzieren sich die Praxis­firmen?

nGenau wie bei anderen Schulungseinheiten auch, finanzieren, unter anderem, Staatsgelder die Praxisfirmen. Jeder Stellenlose, IV-Bezüger, Sozialhilfebezüger, der jedoch länger ohne Anstellung ist, kostet die Gemeinschaft viel mehr Geld als eine Stelle in der Praxisfirma. Unsere Resultate lassen sich sehen. Uns ist es wichtig, dass das Ausbildungsziel gegenüber den Kosten stimmt.

Wäre es nicht sinnvoller, wenn Praxisfirmen Dienstleistungen abdecken würden, die für die Privatwirtschaft nicht lohnenswert sind? So liesse sich immerhin ein Minimum an Wertschöpfung generieren…

nUnsere Wertschöpfung ist eine gut ausgebildete Person, die den Be­dürfnissen des Arbeitsmarktes entspricht. Das Ergebnis, welches hier im Vordergrund steht, ist der Auszubildende.

Versuche wurden in den letzten Jahren öfters gemacht. Leider ist es uns nie möglich, die ganze Palette der Ausbildungseinheiten zu nutzen. Wir bekommen meist niederschwellige Arbeiten wie die Bearbeitung von Mailings oder kleineren Buchhaltungen, aber sinnvolle Arbeiten, die wirklich schulischen Zwecken dienen, gibt es kaum.

Die IV-Strukturen werden oft als ­Zusatz zu reellen Arbeitstätigkeiten genutzt. Dies zeigt auf, dass dieses Konzept notwendig ist und dass es vieles erreicht, was der Markt nicht anzubieten hat.

Bei Arbeitslosigkeit ist ein Konkurrenzverbot die Norm. Wir profitieren hier nicht kostenlos von Auszubildenden.

Was bieten Sie sonst noch an?

nAls Non-Profit-Organisation wollen wir nur dort tätig sein, wo es uns auch wirklich braucht und unsere Erfahrung gewünscht ist. Wenn eines Tages die Wirtschaft diese Rolle übernimmt, die wir heute haben, dann würden wir uns freuen und andere Aktivitäten in Betracht ziehen. Von unseren Teilnehmern hören wir aber, wie wertvoll diese Ausbildung für sie war und wie wichtig sie auf dem Arbeitsmarkt ist.

Interview: Adrian Uhlmann