Publiziert am: 18.03.2016

Technische Revolution oder Hype?

Digitalisierung – Was genau ist die Digitalisierung? Ist sie nur eine Neuauflage des papierlosen Büros? Etwas komplett Neues oder gar lediglich die Anwendung längst bekannter Technologien und somit ein vergänglicher Trend?

In Publikationen stösst man heute fast zwangsläufig auf Schlagwörter wie Digitale Transformation, Digitale Revolution, Digitalisierung, Industrie 4.0, Internet of Things etc. Schlagzeilen wie «Wir sind auf dem Weg zu einer digitalen Bank» oder «CFO müssen digitaler werden» sind gang und gäbe. Doch was genau ist denn eigentlich die allgemein doch so bekannte Digitalisierung?

Eine Begriffsklärung

Wikipedia, der digitale Versuch einer Enzyklopädie, liefert in der deutschen Version keine hilfreiche Definition der Digitalen Revolution. In der englischen Version steht sinngemäss, die Digitale Revolution sei der Wandel von der mechanischen und elektronischen zur digitalen Technologie. Dieser Wandel habe in den späten Fünfziger- bis Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts begonnen und sei eng mit dem Aufkommen von digitalen Computern verbunden. Die Digitale Revolution ist also bestimmt nichts Neues, wir stecken schon seit fünfzig Jahren drin.

Industrie 4.0 ist eine Wortschöpfung, die erst 2011 in Deutschland entstanden ist und die Digitalisierung in der Fertigungstechnik und der Logistik bezeichnet. Die Fabrik soll dadurch intelligent werden (smart factory). Die Kunden und Lieferanten sollen in die Geschäfts- und Wertschöpfungsprozesse integriert werden. Technologische Grundlage dafür seien sogenannte «cyber-physische Systeme» und das «Internet of Things».

Alter Wein in neuen Schläuchen

Bei näherer Betrachtung sieht man nichts Neues. Die Integration von Kunden und Lieferanten mit CRM- beziehungsweise ERP-Systemen ist für viele Unternehmen Standard. Seit Jahrzehnten werden Mikrocontroller programmiert, die Sensorwerte lesen, verarbeiten und irgendwelche Aktoren wie zum Beispiel Motoren ansteuern. Um 1980 kamen verteilte Systeme auf, die mehrere dieser Embedded Systems über einen Kommunikationskanal (wie beispielsweise I2C, Feldbusse, Ethernet, Bluetooth oder RFID) verbinden.

Cyber-physisches System klingt gut, ist aber nichts anderes als ein Embedded System. Das Internet of Things ist ein Spezialfall eines verteilten Systems, das ausschliesslich über das Internetprotokoll kommuniziert – wobei das Internet nicht immer die beste Lösung ist, um diese «Things» miteinander zu verbinden.

Digitalisierung in einem KMU

An der HSR Hochschule für Technik Rapperswil wird so ziemlich alles erforscht, was die Technik hergibt; das ist auch eine der Aufgaben einer technischen Hochschule. Was von dieser ganzen Palette in einem bestimmten KMU eingesetzt werden soll, muss im Einzelfall analysiert werden. Ein KMU könnte seine Lieferanten noch enger einbinden, Computerintelligenz in die Fertigung bringen, das Bestellverhalten von Kunden analysieren, um daraus weitere Produkte zu empfehlen (Recommender Systems) und vieles mehr. Ein Unternehmen soll vor Inangriffnahme weiterer Digitalisierungsschritte eine seriöse Ist- und Potentialanalyse durchführen. Vor der Umsetzung muss der geplante Nutzen den Kosten gegenübergestellt und auch Sicherheits- und Unterhaltsaspekte müssen berücksichtigt werden.

Anwendung bekannter 
Technologien

Die Digitalisierung ist sicher keine Revolution, sie ist schlicht die Anwendung bekannter Technologien; teilweise zeigt sie Anzeichen eines Hypes. Viele KMU setzen schon seit Jahren etliche Digitalisierungstechnologien ein. Ein Unternehmen soll weitere Schritte evolutionär angehen und darauf achten, dass ein wirklicher Nutzen entsteht – sonst kann es schnell eine teure Übung werden, die wenig bis nichts bringt oder sogar nur Kosten verursacht.

Reto Bonderer,

HSR Hochschule für Technik
Rapperswil