Publiziert am: Freitag, 16. Oktober 2015

«Toleranzen gibt es bei uns keine»

GOTTHARD-SANIERUNGSTUNNEL – Die F. Murpf AG in Hägendorf transportiert Lebensmittel zwischen dem Tessin und der Deutschschweiz. Eine flexible Strassenverbindung durch den Gotthard ist Bedingung, um pünktlich und frisch liefern zu können.

Es ist 15.30 Uhr: Im Transport- und Logistikunternehmen F. Murpf AG in Hägendorf herrscht emsiges Treiben: Lastwagen bringen Waren, werden ausgeladen oder mit Lebensmitteln beladen, um Kunden zu beliefern. «Wir erhalten jeweils kurzfristig um 14 Uhr die Aufträge für die Transporte ins Tessin oder unbekehrt von dort in die Deutschschweiz. Sie müssen noch am selben Abend oder in der Nacht pünktlich ihren Bestimmungsort erreichen», betont Thomas Murpf, Geschäftsleitungsmitglied des Familienunternehmens. Auf dem Wochenplan des Logistikdienstleisters stehen rund 80 Fahrten durch den Gotthard in die Sonnenstube der Schweiz sowie ca. 80 Fahrten vom Tessin in die Deutschschweiz. Dabei muss der vorgegebene Zeitplan unter allen Umständen eingehalten werden. «Wir transportieren ausschliesslich Lebensmittel aus dem Norden in Detailhandelsgeschäfte sowie Gastronomie­­betriebe im Tessin. Aus dem Südkanton sowie Norditalien werden wiederum Früchte und Gemüse, Käse, Salamiprodukte sowie andere Spezialitäten aus verschiedenen Produktionsbetrieben in die Deutschschweiz transportiert», erklärt Murpf. «Diese Produkte sind alle nur kurz haltbar, somit sind die Anlieferzeiten bei den Kunden zum grössten Teil fix terminiert. Dies mit einem Zeitfenster von plus und minus 60 Minuten. In unserem Gewerbe sind die beiden Faktoren konstante, korrekte Kühlung bei +3 Grad sowie die Einhaltung der Zeiten ein absolutes Muss», bringt es der Fuhrhalter auf den Punkt.

«Wir leben in unserer Branche von der 
Flexibilität des 
Systems.»

Spielraum gebe es keinen, deshalb sei das Unternehmen auf eine gut funktionierende, zuverlässige und schnelle Nord-Süd- respektive Süd-Nord-Achse angewiesen. Und diese führe nur durch den Gotthard-Stras­sentunnel. «Eine Bedingung in unserer Branche ist die Flexibilität des Systems. Ein Gemüsehändler auf dem Grossmarkt in Zürich benötigt seine Produkte bis um 02.00 Uhr. Eine Anlieferung etwas später, am Morgen, nützt nichts mehr, da die Käufer bereits wieder zu Hause sind und der Markt geschlossen ist», so Murpf. Verderbliche Lebensmittel würden «just in time» geliefert. Würde der Zeitplan nicht eingehalten, könne die frische Ware nicht mehr verkauft werden und sei wertlos. «Dann haben wir keine Chance. Wir, unsere Kunden und deren Kunden sind alle voneinander abhängig – eine Verzögerung führt bei allen Beteiligten unweigerlich zu Umsatzeinbussen», konkretisiert Murpf. Ohne den Bau eines zweiten Gotthardtunnels sei die Belieferung des Tessins nicht im gleichen Masse sichergestellt wie jetzt. «Die Bevölkerung im Tessin wird so benachteiligt und kann nicht mit gleich frischen Produkten versorgt werden», so Murpf. Zudem würden die Produktions- und Handelsbetriebe im Tessin die Kunden in der übrigen Schweiz nicht zu den gewünschten Terminen beliefern können. «Dies wird insbesondere kleinere Betriebe – die es in einer grenznahen Region mit dem Einkaufstourismus schon genug schwer haben – stark benachteiligen. Da werden Kundenkreise wegbrechen», ist Murpf überzeugt.

Transportweg muss frei sein

Eine Umfahrung des Gotthards via San Bernardino ist um rund 100 km länger und erhöht die Transportkosten um 50 Prozent. Dies würde dann auch auf die Produktepreise abgewälzt. Ebenso ist die Variante «Rollende Landstrasse ROLA» für Murpf keine Lösung: «Toleranzen gibt es keine, eine Verlagerung auf die Schiene wird nicht möglich sein.» Bereits 2001, als der Gotthard-Strassentunnel wegen des schweren Unfalls mehrere Wochen gesperrt war, hätte sich gezeigt, dass dies keine Lösung ist. «Wir könnten so unsere Termine bei den Kunden nicht einhalten. Der Transportweg via Zug ist starr und umständlich. Die Planbarkeit und Flexibilität, wovon unsere Branche lebt, fällt damit weg.» Die Züge würden nur zu bestimmten Zeiten fahren, und je nach Andrang hätte man Wartezeiten vor und nach dem Gotthard. «Dadurch steigen sicher die Kosten durch die zusätzlichen Einsatzstunden. Der Transportweg muss für uns frei und flexibel sein, und das ist nur mit dem Bau der zweiten Sanierungsröhre am Gotthard möglich», hält Murpf fest.

Corinne Remund

NACHGEFRAGT

«Ohne geht es nicht!»

Für die Chauffeuse Regula Rickenbacher gehört der Gotthard zum Alltag. Seit zwei Jahren fährt sie mit einem 36-Tonnen-Sattelschlepper für die F. Murpf AG und beliefert die Kunden in der ganzen Schweiz mit Lebensmitteln. Sie fahre zwei bis drei Mal pro Woche durch den Gotthard. «Ich bin immer wieder froh, wenn ich durch bin. Ich habe vor dem einspurig geführten Tunnel Respekt, man muss stets konzentriert am Steuer sein, denn es besteht immer ein Risiko», so Rickenbacher. In den letzten zwei Monaten sei es besonders mühsam gewesen, durch den Gotthard zu fahren. «Es hat immer Stau oder Unfälle. Dies macht es schwierig, einerseits die Termine beim Kunden und andererseits die gesetzlich vorgegebenen Präsenzzeiten hinter dem Steuer einzuhalten», konkretisiert die erfahrene Lastwagenfahrerin. In ihrem Job sei sie darauf angewiesen, dass der Verkehr möglichst flüssig sei, «sonst gibt es eine ­Verzögerung nach der anderen — eben ein Dominoeffekt», erklärt sie und betont: «Ich bin in meinem Gewerbe auf die zweite Sanierungsröhre angewiesen — ohne geht es nicht!» CR