Publiziert am: 04.09.2015

«Unser Recht wird beschnitten»

HEINRICH VILLIGER – Für den Patron der Villiger Söhne AG ist das neue Tabakgesetz völlig 
unnötig – die unternehmerische Freiheit der Tabakindustrie wird damit massiv beeinträchtigt.

Schweizerische Gewerbezeitung: Sie sind 85 Jahre alt und rauchen seit über 60 Jahren. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

n Heinrich Villiger: Es geht mir dem Alter entsprechend überdurchschnittlich gut. Ich halte mich mit Gartenarbeit sowie mit wöchentlich vier bis fünf Stunden Mountainbike-Fahren fit.

Wie läuft das Geschäft mit Zigarren in der Schweiz heute?

n Im Moment stagniert der Markt ein wenig. Doch man darf nicht vergessen, Zigarren und Zigarillos sind ­Nischenprodukte. Besonders handgemachte Zigarren aus Kuba und Nicaragua sind sehr im Trend. Daher dürfte sich die Nachfrage künftig ­positiv entwickeln.

Wird die zu erwartende Aufhebung des Wirtschaftsembargos gegen Kuba den weltweiten Zigarrenmarkt neu aufmischen?

n Mit der Revolution von 1958 wurde die kubanische Tabakindustrie nach kommunistischem Vorbild verstaatlicht. Später erfolgte das Embargo von US-Präsident John F. Kennedy. Kuba exportiert heute rund 100 Millionen handgemachte Zigarren pro Jahr. Bei einer Aufhebung des Embargos wird befürchtet, aufgrund der grossen Nachfrage in den USA gäbe es nicht mehr genug Zigarren für die Schweiz. Denn Kuba kann seine Tabakproduktion rein schon allein aus infrastrukturellen Gründen nicht von einem Tag auf den anderen steigern. Dazu benötigt es ein bis zwei Jahre. Man darf aber nicht vergessen, dass eine Öffnung Kubas nicht gleichbedeutend mit der Aufhebung des Embargos ist. Ich habe diesbezüglich keine Bedenken, da wir nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland, Österreich und Polen sehr eng mit Kuba zusammenarbeiten.

«ein totles Tabakverbot ist für mich un-realistisch.»

Die WHO-Chefin sagt, dass sie bis 2040 «die Tabakindustrie zerstören» will. Was sagen Sie zu solchen Aussagen?

n Die Generaldirektorin Margarete Chan will eine ganze Branche auslöschen, weil sie der Meinung ist, der Tabakkonsum sei die wichtigste vermeidbare Todesursache. Der organisierte Kampf der WHO begann vor zehn Jahren mit dem Inkrafttreten der «Framework Convention on Tobacco Control» FCTC. 178 Vertragspartner, einschliesslich der EU und der Schweiz, sind diesem «Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakkonsums» beigetreten. Allerdings ist dieses Abkommen von mehreren Ländern – darunter auch der Schweiz – noch nicht ratifiziert worden. Mit immer neuen Gesetzen, Verboten und Verkaufseinschränkungen will die WHO Konsumenten vom Rauchen abhalten. Die Lobby der WHO ist stark und unter anderem in der Pharma-Industrie vertreten. Paradoxerweise wirft die WHO der Wirtschaft und Industrie Lobbyarbeit vor. Ein totales Tabakverbot ist für mich unrealistisch. Dies schon nur wegen den wirtschaftlichen Konsequenzen, die aber von der WHO völlig ausgeblendet werden. Die Tabakbranche ist eine Industrie, die viel Arbeit und Wohlstand bringt. Es gibt weltweit rund 30 Millionen Tabakbauern – mehrheitlich in ärmeren Ländern. Sie erzielen durch den Anbau ein gutes Einkommen. Der Tabak als sehr arbeitsintensives Produkt bringt ihnen höchste Erträge, die mit keiner anderen Pflanze erzielt werden können. Verbietet man Tabak, so hätte dies schwerwiegende volkswirtschaftliche Folgen mit Millionen von Arbeitslosen – gerade in Entwicklungsländern. Zudem wirft die Tabakindustrie weltweit Milliarden an Steuern für den Fiskus ab.

In der Herbstsession kommt ein neues Tabak-Gesetz vors Parlament. Was will das Gesetz?

n Das Tabak-Gesetz war in der Schweiz bisher Teil des Lebensmittelgesetzes. Nun will der Bundesrat dies separat regeln. Das BAG will ein totales Werbeverbot für Tabakprodukte einführen. Zudem differenziert das neue Gesetz im Gegensatz zu den EU-Richtlinien nicht mehr zwischen Zigarren, Pfeifentabak und anderen Tabakwaren. Ferner will es wichtige Entscheide durch zahlreiche «Kann-Vorschriften» dem demokratischen Prozess vorenthalten und an das BAG und den Bundesrat delegieren. Begründet wird das neue Bundesgesetz über Tabakprodukte mit der Behauptung, der Tabakkonsum verursache jährlich fast 9000 Todesopfer. Das ist bloss eine Schätzung und zur Begründung eines Gesetzes unzulässig. Es braucht überhaupt kein neues Tabak-Gesetz, weil das bestehende Gesetz alle Anforderungen aus Sicht des Gesundheitsschutzes genügend regelt. Es besteht absolut kein Handlungsbedarf.

Was tun Sie, wenn das Gesetz wie geplant beschlossen wird? Droht dann ein Referendum?

n Dann hoffe ich, dass die gesamte Branche, inklusive Swiss Tobacco, das Referendum ergreift. Wir werden dieses unterstützen. Wir können dies alleine jedoch nicht finanzieren. Mit dem neuen Tabakgesetz wird die unternehmerische Freiheit massiv eingeschränkt und über Jahrzehnte von Familienunternehmen aufgebaute Markenwerte werden vernichtet. Das können wir nicht zulassen. Wir sind da auf der gleichen Linie wie der Schweizerische Gewerbeverband sgv: Wir setzen uns für zielführende und ausgewogene Massnahmen ein, wie ein nationales Abgabeverbot von Tabakprodukte an Minderjährige. Jede weitere Einschränkung ist unverhältnissmässig.

«Wir würden ein allfälliges REferendum unterstützen.»

Was halten Sie von rauchfreien E-Zigaretten?

n Das Produkt kommt mehrheitlich aus China. E-Zigaretten beinhalten eine künstliche Flüssigkeit mit Aromastoffen, die verdampft wird. Es gibt keine Teerrückstände. Wie gesundheitsschädigend das besagte Liquid allerdings ist, ist fraglich. Es ist aber keine Konkurrenz für uns. Zigarren- und Zigarilloraucher bleiben dem Tabak treu. Zudem ist das System meines Erachtens zu kompliziert und kann sich langfristig nicht durchsetzen.

Diätenwahn, Veganismus, Verteufelung jeglichen Genusses: Ist die zunehmend verbreitete Lustfeindlichkeit ein Religionsersatz?

n Es geht in diese Richtung. Was das Tabak-Gesetz bzw. die Verteufelung des Rauchens betrifft, so werden die Freiheitsrechte eines jeden nicht mehr respektiert und mündige Konsumenten werden unnötig bevormundet. Das BAG interessiert sich nicht für Genuss. Es findet immer etwas, das «ungesund» oder schädlich sein kann. Nach dem Tabak ist es der Alkohol, dann der Zucker usw. Das BAG muss ja irgendwie seine Existenz rechtfertigen!

Interview: Corinne Remund

ZUR PERSON

Schweizer 
Tabak-Dynastie

Der Besitzer Heinrich Villiger (85) arbeitet seit 1950 im Unternehmen. Bis sein Bruder Kaspar Villiger 1989 Bundesrat wurde, führten sie das Unternehmen gemeinsam. Heinrich Villiger ist seit 1959 verheiratet und hat vier Kinder. Er wohnt im aargauischen Full-Reuenthal und hat sein Büro im Villiger-Werk im deutschen Tiengen.

Die Zigarrenfabrik Villiger Söhne AG beschäftigt weltweit 1450 Mitarbeitende, davon rund 150 im Schweizer Werk im luzernischen Pfeffikon, und macht einen jährlichen Umsatz von 210 Millionen Franken. In der Schweiz hat Villiger einen Marktanteil von 47 Prozent und ist damit zweitgrösster Zigarrenhersteller. Das Unternehmen verkauft pro Jahr weltweit rund 
1,5 Milliarden Zigarren und Zigarillos, davon 70 Millionen in der Schweiz. Villiger gründete gemeinsam mit der staatlichen kubanischen Cubatobacco 1989 das erste Joint-Venture für den Import und Vertrieb von Havanna-Zigarren in Deutschland. CR