Publiziert am: Freitag, 5. Juni 2015

Verdichten mit konkreten Taten vor Ort

RAUMPLANUNG – Die Siedlungsentwicklung der Schweiz geht in eine neue Phase. Aus Sicht des sgv bedeutet dies für Wirtschaft und Gewerbe verdichtetes Bauen in all seinen Facetten, unter anderem durch eine radikale Vereinfachung der Bauvorschriften.

Seit gut einem Jahr ist das neue Raumplanungsgesetz in Kraft. Es fordert «Siedlungsentwicklung nach innen», kompakte Siedlungen und Wohnqualität. Landesweit sind unzählige Fachleute, Politikerinnen und Politiker, Wissenschafter, Investoren, Gewerbetreibende und Grundeigentümer daran, diese Ziele umzusetzen – kein leichtes Unterfangen. Sobald es um Verdichtung vor der eigenen Haustüre geht, werden viele Leute skeptisch. Ein Grund dafür ist falsch verstandene Verdichtung, die einzig die bauliche Dichte erhöht. Am Kongress «Siedlungen hochwertig verdichten», den die Schweizerische ­Vereinigung für Landesplanung 
VLP-ASPAN in Solothurn durchführte, ging es daher um die Frage, wie eine Verdichtung aussehen muss, welche die Qualität der Siedlungen erhöht und von der Bevölkerung mitgetragen wird.

Mehr Stadt für alle

Agglomerationen sollen zu urbanen Quartieren mit hoher Lebensqualität umgebaut werden – so die Quintessenz des Nationalen Forschungsprogrammes «Neue urbane Qualität» (NFP 65). «Die Stadtwerdung der Agglomeration wird zur Kernaufgabe des 21. Jahrhunderts werden», sagte Jürg Sulzer, Präsident der Leitungsgruppe des Forschungsprogramms NFP 65. Der ehemalige Stadtplaner von Bern und Professor an der Universität Dresden hat den ersten von zwei Syntheseberichten verfasst. Die Schweiz habe sich in den letzten hundert Jahren zu einem «Stadtland» entwickelt und das Siedlungsgebiet werde immer grösser. Es müsse aber auch qualitativ dazugewinnen. Die heutigen Menschen wünschten sich Geborgenheit, das Gegenteil von Anonymität. Von der hohen Lebensqualität in den historischen Innenstädten profitierten jedoch nur wenige, vor allem mittelständische Bürger, erklärte Sulzer. «Der Slogan könnte sein: Mehr Stadt für alle.»

Selbst in die Hand nehmen

Auch die Tripartite Agglomerationskonferenz TAK, eine politische Plattform von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden, präsentierte ihren Bericht «Das 3x3 der nachhaltigen Siedlungsentwicklung» mit neun ­Forderungen. Zentral ist ihr Aufruf an Kantone und Gemeinden, die ­Verdichtung selbst in die Hand zu nehmen.

Gemeinden müssen vermehrt die Initiative ergreifen und die operative Verantwortung übernehmen.»

Die Planungsbehörden sollen sich von der Rolle des passiven Verwaltens lösen, stattdessen die Innenentwicklung gezielt und aktiv lenken und dabei Qualität und Identität in den Vordergrund stellen. Dies bedingt eine neue Planungs- und Baukultur, die den Dialog mit der Bevölkerung sucht und Kooperationen von Privaten und Behörden beinhaltet, etwa städtebauliche Verträge. «Die Gemeinden müssen vermehrt die Initiative ergreifen und die operative Verantwortung übernehmen», fordert Beat Suter, Raumplaner und Mitverfasser des Berichts. Die Gemeinden sollen das öffentliche Interesse an Qualität vertreten. Die Kantone wiederum müssen der Siedlungsentwicklung klare Grenzen setzen und die Gemeinden unterstützen. Aufgabe des Bundes ist es laut der TAK, für kohärente nationale Raumstrategien zu sorgen. Zudem sei ein nationaler Dialog über Baukultur anzustossen.

Erfolgsrezept innere Verbauung

Auch die Wirtschaft setzt sich für die Siedlungsentwicklung nach innen ein. Der Schweizerische Gewerbeverband sgv fordert in seinen politischen Zielsetzungen 2014–2018 «eine Förderung des verdichteten Bauens in all seinen Facetten». Für sgv-Direktor Hans-Ulrich Bigler ist die innere Verdichtung DAS raumplanerische Gebot der Stunde: «Da sind sich praktisch alle einig, denn damit lassen sich mehrere Probleme gleichzeitig lösen, es gibt praktisch nur Gewinner: Eindämmung des Kulturlandverlustes, weniger Zersiedelung, Stärkung von Zentren und Ortskernen, tiefere Erschliessungskosten, weniger Verkehr etc.» Es gäbe schon viele Beispiele von gelungenen Projekten hochwertiger Verdichtungen. Dabei verweist Bigler auf die Revitalisierungsbroschüre des sgv. «Wie verschiedene Studien aufzeigen, ist das Potenzial dazu riesengross, und was besonders bemerkenswert ist – die gesetzlichen Grundlagen auf Bundesebene sind vorhanden, für eine hochwertige Verdichtung braucht es keine neuen Gesetzesartikel aus Bern, auch keine weitere Revision des Raumplanungsgesetzes.»

«Kantone und Gemeinden sind aufgerufen, das Baurecht zu vereinfachen.»

Anhand einer Studie der Zürcher Hochschule für Wirtschaft aus dem Jahr 2013 veranschaulichte der sgv-Direktor, wie durch Aufstockungen und Ersatzneubauten in den Städten deutlich mehr Wohnraum geschaffen werden könnte. «Wussten Sie, dass schweizweit nur zehn Prozent aller Wohnungen auf die Geschosse vier oder höher entfallen?», fragt Bigler. Immobilientechnisch sei die Schweiz noch ein Flachland. Gemäss der zitierten Studie könnte ein zusätzliches Stockwerk in bereits vierstöckigen zürcherischen Stadtkreisen rund 
20 Prozent des zukünftigen kantonalen Bevölkerungswachstums aufnehmen. Noch mehr Potenzial besteht in den Städten Basel und Bern, wo so für einen Grossteil oder für das gesamte Bevölkerungswachstum Wohnraum geschaffen werden könnte – ohne einen zusätzlichen Quadratmeter Land zu verbauen und ohne an den historischen Stadtkernen etwas zu verändern. «Wichtig ist, dass die Bevölkerung von Anfang an miteinbezogen wird und die regionalen und lokalen Gegebenheiten berücksichtigt werden», betont Bigler.

Enges Korsett lockern

«Es braucht konkrete Taten vor Ort. Die Kantone und Gemeinden sind daher aufgerufen, das Baurecht zu vereinfachen», so die Erwartungen von Bigler an die Politik. Die Umsetzung der ersten Revision des Raumplanungsgesetzes sei DIE Gelegenheit, das enge Korsett zu lockern. «Damit werden die notwendigen Freiräume geschaffen, um die hochwertige Siedlungsverdichtung zu erleichtern», ist Bigler überzeugt.

«Es braucht keine NEUEN Gesetze aus Bern.»

Die Kongressteilnehmenden vertieften in neun Workshops Themen wie spezifische Ortsanpassung, der Umgang mit öffentlichem Raum, Freiräume sowie der Nutzungs- und Bevölkerungsmix, aber auch Planungs-, Partizipations- und Rechtsfragen. Dabei strich der sgv mittels eines Workshops hervor, wie zentral auch die Stärkung der Ortskerne – gerade zugunsten der KMU-Wirtschaft – ist.

Corinne Remund

DAS FORDERT DER SGV

Drei Hauptanliegen

Wachsende Regulierungsdichte: Allein im Bereich Raumplanung und Bau gibt es 140 000 Gesetzes- und Verordnungsartikel. Hier gilt es auszumisten. Ständige Gesetzesanpassungen sind Gift für die Wirtschaft und überfordern die Vollzugsorgane.

Innere Verdichtung: Dazu braucht es eine radikale Vereinfachung des Baurechts und der Verfahren vor allem auf kantonaler und kommunaler Ebene. Wichtig ist insbesondere eine Anpassung der entsprechenden Bauordnungen in den Gemeinden.

Berücksichtigung der Anliegen der Wirtschaft: Der sgv verlangt im Hinblick auf die weiteren Arbeiten für eine allfällige spätere Gesetzesrevision zumindest bei den Zielen und Grundsätzen einen Artikel, welcher der Wirtschaft bzw. den Unternehmen die notwendigen Flächen zusichert.

VLP-ASPAN

Nationaler Verband

Die VLP-ASPAN ist seit 1943 der ­nationale Verband für Raumentwicklung in der Schweiz. Sie ist die Informations- und Beratungsplattform für Kantone, Städte, Gemeinden und Private in Raumplanungs- und Umweltfragen. Alle Kantone und die Hälfte der Schweizer Gemeinden sind Mitglied der VLP-ASPAN, ebenso viele Unternehmen, Vereine, Verbände sowie Fachleute aus Raum- und Verkehrsplanung, Architektur und Jurisprudenz.