Publiziert am: 14.12.2018

Viel Schnoddrigkeit im VBS

SOMMER-RS UND LEHRABSCHLÜSSE – Noch unterstützt die Wirtschaft die Armee. Doch wenn beim zu frühen Beginn der Rekrutenschule keine rasche Einigung gefunden wird, so dürfte dieser Goodwill bald zu bröckeln beginnen.

Die Schweiz funktioniert dank des Milizsystems. Das gilt im Zivilen ebenso wie im Militär. Die Unternehmen unterstützen die Armee, indem sie ihre Angestellten für militärische Ausbildungen freistellen. Dort können die jungen Männer und Frauen Verantwortung übernehmen – für sich selbst und für die Gruppe.

So weit die Theorie. In der Praxis sieht die Sache anders aus. Alkohol-, Zigarren- und Spesenorgien scheinen die Armee mehr zu beschäftigen als der korrekte Umgang mit ihren Untergebenen und deren Chefs. Denn scheinbar hält es die Armeespitze nicht für nötig, auf die Bedürfnisse der Unternehmen einzugehen, wie der andauernde Streit um den Beginn der Sommerrekrutenschule zeigt.

Armeespitze stellt sich taub

Im Sommer 2017 traf sich Hans-Ulrich Bigler, der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands und Oberst i Gst a. D. mit der Armeespitze. Thema: das Problem der Vorverschiebung der Sommer-RS 2018 in die Kalenderwoche 26. «Viele Betriebe hatten sich darüber beklagt, dass dadurch die Lehrverträge vorzeitig beendet werden müssen, was zulasten der Unternehmen geht», erinnert sich Bigler. «Uns wurde zugesagt, dass bis zur Frühjahrssession 2018 Kompromissvorschläge unterbreitet würden. Die wurden aber nie geliefert; und zu einem zweiten Treffen im November erschienen die VBS-Verantwortlichen völlig unvorbereitet.»

Unternehmer sind unzufrieden

Nicht nur der Dachverband, auch die Unternehmen selbst versuchten, den Verantwortlichen im VBS die Lage zu erklären – ohne Erfolg. In einem Brief an Korpskommandant Daniel Baumgartner, Chef Kommando Ausbildung, hielt Victorinox-CEO Carl Elsener fest: «Die Armee ist ein wichtiger Pfeiler unseres Landes und zusätzlich ein geschätzter Kunde.» Trotzdem habe er «mit Erstaunen» festgestellt, «dass unsere Lernenden ab 2018 die Sommer-RS noch eine Woche früher beginnen müssen als bis anhin.» Ihre Lehrverträge liefen bis Ende Juli, hielt der für 53 Lehrlinge zuständige Messerschmied und Chef von 1200 Mitarbeitenden fest. Durch den zu frühen RS-Beginn verliere sein Betrieb junge Leute, deren Beitrag an das Unternehmen genau in dieser Zeit, gegen Ende ihrer Ausbildung, am höchsten sei. Der heute schon «schwerwiegende Arbeitsausfall» werde mit dem neuen System noch verschärft.

Baumgartners schnoddrige Antwort kam in einem Zehn-Zeilen-Wisch: Man versuche, die Überschneidungen zwischen Lehrabschlussprüfungen und RS-Beginn «so gering wie möglich» zu halten. Auf das Hauptargument Elseners, das Fehlen der jungen Berufsleute am Ende ihrer Lehrzeit, ging der Herr Korpskommandant mit keinem Wort ein.

Ein Herz für Akademiker

Mit Blick auf die akademischen Ausbildungen – hier ist eine Abstimmung auf den Studienbeginn, anders als bei den Lernenden, für das VBS sehr wohl möglich – hielt Victorinox fest: «Bei uns kommt auch der Eindruck auf, dass man den RS-Beginn vor allem auf die Hochschulen ausgerichtet hat.» Das sei falsch, da ein Grossteil der Jugendlichen eine gewerbliche Ausbildung absolvierten.

«DIE BETRIEBE VERLIEREN ihre LEHRABGÄNGER – JUST DANN, WENN SIE AM PRODUKTIVSTEN ARBEITEN.»

Tatsächlich besteht ein Vertrag zwischen der Armee und den Hochschulen, wonach erstere den RS-Beginn im Sommer auf den Studienbeginn abstimmt. Mit der Berufsbildung hingegen – obwohl laut Verfassung gleichwertig – ist ein solcher Vertrag noch nicht einmal angedacht. Offenbar wollen die Verantwortlichen im VBS in erster Linie den Offiziersnachwuchs aus den akademischen Reihen sicherstellen, während ihnen jener aus dem wichtigsten Herkunftsbereich – 80 Prozent gehen aus der Berufsbildung hervor – egal zu sein scheint. «Dies ist umso erstaunlicher», so sgv-Direktor Bigler, «als die Armee anteilmässig mehr junge Männer aus der akademischen Linie schliesslich an den Zivildienst verliert.»

Politik macht Druck

Ob so viel bornierten Unverständnisses seitens der VBS-Oberen regt sich nun auch Unwille in der Politik. Für den Zürcher FDP-Nationalrat Bigler ist klar: «Eine Lehre ist beendet, wenn der Lehrvertrag endet.» Und er hält fest: «Armeechef Phi­lippe Rebord kümmert sich kaum um seinen Laden, nimmt seine Verantwortung nicht wahr, und es scheint, als führten die Generäle den Chef VBS an der Nase herum.»

Auch der Appenzeller Unternehmer, SVP-Nationalrat und Sicherheitspolitiker David Zuberbühler verlangt in seiner Motion eine Korrektur: «Gerade weil es so schwierig ist, Rekrutenschule und Studium zu organisieren, besteht zwischen der Armee und den Hochschulen eine Vereinbarung zur entsprechenden Koordination.» Bei den angehenden Rekruten seien die Studierenden aber klar in der Minderheit, so der Vizepräsident des Schuhhändlerverbands schuhschweiz. «Der Termin für die Sommer-RS 2019 (24. Juni) wurde noch immer nicht auf die Bedürfnisse der Berufsbildung abgestimmt. Für Unternehmen mit Auszubildenden ist diese Situation ärgerlich und absolut stossend.»

Auf dem politischen Weg braucht Zuberbühlers Vorstoss mehrere Jahre, bis er umgesetzt ist. Noch hat es die VBS-Spitze in der Hand, das Problem RS-Beginn selbst zu lösen – doch lange dürfte der Goodwill in Wirtschaft und Politik nicht mehr anhalten.

Gerhard Enggist

ZIRKULAR DES SGV

Die Armee schläft – der sgv handelt

Mit der jüngsten Armeereform wird der Zeitpunkt für den Beginn der Sommerrekrutenschule nochmals vorgezogen. Berufslernende werden in den meisten Fällen aufgeboten, bereits Anfang Juli mit der Rekrutenschule anzufangen. Damit gehen den Ausbildungsbetrieben und den Lernenden bis zu vier Wochen verloren (vgl. Haupttext).

Das Problem scheint für die Verantwortlichen im VBS noch immer allzu profan zu sein, um nach einer Lösung schon nur zu suchen. Es verschwindet aber nicht einfach von selbst, nur weil die Herren im militärischen Elfenbeinturm darüber hinwegsehen. Der Schweizerische Gewerbeverband sgv unterstützt die ihm angeschlossenen 500 000 KMU deshalb ganz direkt.

«Als Sofortmassnahme», so der Dachverband in einem Zirkular, das er seinen Mitgliedverbänden noch vor Weihnachten verschickt, empfiehlt der sgv den Unternehmen, den Lehrvertrag mit folgender, von einer Anwaltskanzlei erarbeiteten und mit geltendem Recht kompatiblen Klausel zu ergänzen:

«Der Auszubildende hat die Mitwirkungspflicht, den Zeitpunkt des Beginns der militärischen Grundausbildung so zu legen, dass er sich terminlich nicht mit diesem Vertrag überschneidet. Der Auszubildende stellt dafür einen Antrag auf Verschiebung der militärischen Grundausbildung an die zuständige Behörde.»

Der sgv empfiehlt seinen Mitgliedern, den Sachverhalt samt Textbaustein ihren Mitgliedsunternehmen zu kommunizieren.En

www.sgv-usam.ch

NEIN zur radikalen Zersiedelungsinitiative!
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Am 10. Februar 2019 stimmt der Souverän über die radikale Zersiedelungsinitiative ab. Eine Annahme würde zu einem Entwicklungsstopp in einzelnen Regionen führen. Insbesondere in den Zentren würden Bodenflächen rar. Die Folge: Immer mehr Personen und Unternehmen müssten auf Raum ausserhalb der Zentren ausweichen. Zudem würde die Initiative der jungen Grünen grosse Rechts- und Planungs­unsicherheit in Kantonen und Gemeinden schaffen und den Föderalismus gefährden.

Machen Sie sich ein Bild über alle guten Argumente gegen die radikale Initiative in der Abstimmungszeitung (PDF).