Publiziert am: 09.08.2019

«Vielen Dank, keine Kontamination»

NUKLEARE ENTSORGUNG – Schweden, Deutschland und die Schweiz bei der Lagerung radioaktiver Abfälle: Wie es gemacht wird, wie es nicht hätte gemacht werden sollen und wo die Schweiz aktuell steht.

Kernenergie. Sie spaltet nicht nur Atome, sondern auch Meinungen. Mit der Energiestrategie 2050 wurde der schrittweise Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Die Nuklearforschung hingegen geht weiter. Genauso wie die Diskussion über Atomkraftwerke in Politik und Gesellschaft. So haben beispielsweise die Teilnehmer an der FDP-Klima-Umfrage zu 56 Prozent Ja oder eher Ja zum «Bau von neuen Kernkraftwerken der neusten Technologie» gesagt.

Die immerwährende Sicherheitsfrage dreht sich nicht zuletzt um die Entsorgung der radioaktiven Abfälle. Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich?

Den Menschen die Angst nehmen

Felslabor Äspö, schwedische Ostküste, 460 Meter tief im Boden: Eva Häll führt durch «ihr Baby». So nennt sie den gut dreieinhalb Kilometer langen Tunnel, der sich wie eine Spirale in den Boden schraubt. Häll kennt den Tunnel in- und auswendig, macht Besucherführungen. «Um den Menschen die Angst zu nehmen.»

Hier wird an langlebigen Lagerungsmethoden geforscht. Die ­Tiefenlagerung hat sich international als beste Option für die Entsorgung von radioaktiven Abfällen durchgesetzt. Unterschieden wird zwischen schwach- und mittelaktiven Abfällen sowie hochaktiven ­Abfällen.

Schwer vorstellbarer Zeithorizont

In Äspö wird der radioaktive Abfall in einen Kupferkanister gefüllt und dann mit Bentonit, einer Mischung aus Tonmineralien, umgeben. Schliesslich hält das Granitgestein die strahlenden Abfälle in sicherer Umgebung. Diese Methode wird in Finnland nächstes Jahr im weltweit ersten Lager für hochradioaktive Abfälle zum Ernst­einsatz kommen.

«Eigentlich würden wenige Meter Granitgestein die Strahlung abschirmen», sagt Eva Häll. Doch um auch zukünftige Generationen zu schützen, muss langfristig gedacht werden – sehr langfristig. Mindestens 100 000 Jahre soll ein Lager die Abfälle sicher verwahren.

Das ist nur möglich, wenn alle Eventualitäten miteinberechnet werden. Wie Erdbeben oder geologische Verschiebungen, ausgelöst beispielsweise durch Permafrost. Sprich: Die Tiefenlager müssen eine Eiszeit aushalten können. Utopisch? Nun, die letzte Eiszeit liegt gerade mal 10 000 Jahre zurück.

Ein riesiges Banner im Tunnel veranschaulicht die schwer vorstell­baren Zeitspannen. Im Vergleich zur Lebensdauer unseres Planeten (ca. 4,6 Milliarden Jahre), sind 100 000 Jahre ein Katzensprung. Zur Erinnerung: Zwischen dem letzten Dinosaurier und den ersten Urmenschen liegen ca. 60 Millionen Jahre ...

Der grosse Fehler

Zurück in die Gegenwart: Asse, Niedersachsen. Hier passierte, was nicht hätte passieren dürfen. In das ehemalige Salzbergwerk wurden von 1967 bis 1978 radioaktive Abfälle eingelagert. Seit 1988 dringt Grundwasser ein. Die Abfälle müssen zurückgeholt werden. Ein technisch enorm schwieriges Unterfangen – eine Rückholung war nämlich nie geplant.

Frank Ehrlich, Referent der Infostelle Asse, spricht Klartext: «Rückblickend war wohl der grösste Fehler, dass überhaupt Abfälle hier eingelagert wurden.» Heute würde ein stillgelegtes Bergwerk aus Stabilitätsgründen nicht mehr als Tiefenlager benutzt.

Täglich dringen 12 500 Liter Wasser ein. Das meiste wird rausgepumpt, der Rest zur Betonherstellung verwendet und somit die kontaminierte Lösung gebunden. Ein unkontrolliertes Volllaufen des Grubengebäudes (sogenanntes Absaufen) kann nicht ausgeschlossen werden. Zur Stabilisierung werden Hohlräume mit einem speziellen Salzbeton aufgefüllt.

Ende 2026 soll die Notfallbereitschaft erreicht sein. Die Rückholung ist nicht vor 2033 geplant. Sollte das Bergwerk absaufen, würde es mit einer Magnesiumchloridlösung gegengeflutet, um die Ausbreitung der radioaktiven Stoffe an die Oberfläche hinauszuzögern.

Das Gebiet wird seit Jahren strengstens auf Strahlung überwacht. Die Ergebnisse werden veröffentlicht und von einer unabhängigen Stelle geprüft. Erhöhte Werte gab es bisher aber noch nie.

Aus Fehlern lernen

«Es mag seltsam klingen, aber die Erfahrungen mit der Asse helfen, weitere solche Fälle zu verhindern», sagt Frank Ehrlich. Auch andernorts müssen Abfälle aus ungeeigneten Standorten zurückgeholt werden. Die sichere Rückholung der radioaktiven Abfälle und die anschliessende Stilllegung der Schachtanlage Asse sind ein weltweit einmaliges Projekt, welches noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird.

700 Personen sichern den Betrieb der Anlage. Kosten: 122 Millionen Euro jährlich, finanziert aus Steuermitteln.

Die Schweiz hinkt hintennach

Die Schweiz lagert ihre radioaktiven Abfälle grösstenteils im Zwischenlager Würenlingen/AG. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle Nagra sucht zwar schon länger nach geeigneten Standorten für ein Tiefenlager für schwach- und mittelaktive Abfälle. Trotzdem sei nicht vor 2050 mit diesem zu rechnen. Damit hinkt die Schweiz international deutlich hintennach.

Besser sieht es für ein Lager für hochaktive Abfälle aus, das ab 2060 in Betrieb gehen könnte. Das wäre internationales Mittelfeld.

Im Gegensatz zu Schweden, wo nur Granitgestein vorhanden ist, wurde für die Schweiz der Opalinuston als geeignetste Gesteinsformation für Tiefenlager erkoren. Dies aufgrund der geringen Wasserdurchlässigkeit dieses Gesteins.

Unaufschiebbar verschoben

Die Probleme bei der Entsorgung radioaktiver Abfälle ähneln sich in allen Ländern: Prozesse werden politisch verschleppt, Genehmigungen und Planungsverfahren in die Länge gezogen. Kritiker monieren, man wisse zu wenig, was mit den Abfällen über längere Zeit passiere. Und fordern Projekte über eine Zeitdauer von 100 bis 200 Jahren.

Was Eva Häll über ihre Landsleute sagt, könnte auch für Herrn und Frau Schweizer gelten: «Wir Schweden wollen immer noch einen Test und noch ein Projekt, um noch ein bisschen sicherer zu sein.»

Anders sieht es bei der Akzeptanz in der Bevölkerung aus. Stehen in den schwedischen Gemeinden weit über 80 Prozent der Menschen hinter ihren Tiefenlagern, ist der Aufschrei in der Schweiz jeweils riesig, wenn ein neues Gebiet infrage kommt.

Für Forschungsprojekte über Tausende von Jahren bleibt uns keine Zeit. Zwischenlager sind, wie es der Name schon sagt, nur Zwischenlösungen. Wie im CLAB, unweit vom Felslager Äspö, wo 6700 Tonnen verbrauchte Brennstäbe in Bassins ähnlich einem Hallenbad zwischengelagert werden. Ein Hochsicherheitstrakt. Beim Ausgang steht eine Maschine, vor die man sich stellen muss. Nach kurzer Zeit ertönt daraus eine Frauenstimme: «Vielen Dank, keine Kontamination.»

Keine Kontamination, das ist das Ziel der Tiefenlagerung. Und Ziele erreicht man nicht nur mit Zwischenlösungen. Deshalb müsste klar sein: Kein Lager ist auch keine Lösung.Adrian Uhlmann

Übersicht der drei Länder

Schweden

Anzahl Reaktoren:

in Betrieb: 8

ausser Betrieb: 5

Anteil Gesamtstromerzeugung: ca. 40 Prozent (2017)

Die KKW-Betreiber sind für die Entsorgung der Abfälle verantwortlich. In Forsmark ist seit 1988 ein Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle in Betrieb, welches noch weiter ausgebaut werden soll. In Oskarshamn befinden sich nebst dem Felslabor Äspö auch ein Kanister- sowie ein Bentonit-Labor.

Geplant sind ein geologisches Tiefenlager für hochaktive Abfälle in Forsmark und eine Brennelement-Verpackungsanlage in Oskarshamn.

Deutschland

Anzahl Reaktoren:

in Betrieb: 7

ausser Betrieb: 29

Ausstieg bis Ende 2022

Anteil Gesamtstromerzeugung: 11,6 Prozent (2017)

In Deutschland ist die Bundesgesellschaft für Endlagerung BGE für die Entsorgung zuständig. Zurzeit wird ein Standort für ein Endlager für hochaktive Abfälle gesucht. Das Gesetz schreibt vor, das der Abfall eine Million Jahre sicher sein muss.

Die Asse und das ehemalige DDR-Endlager in Morsleben werden stillgelegt. Im Bau befindet sich das Endlager Konrad, Deutschlands erstes nach Atomgesetz genehmigtes End­lager. Die Fertigstellung verzögert sich um fünf Jahre bis 2027. Das Genehmigungsverfahren dauerte 20 Jahre.

Schweiz

Anzahl Reaktoren:

in Betrieb: 5

ausser Betrieb: 0

Kein Ersatz bestehender KKW

Anteil Gesamtstromerzeugung: 33,3 Prozent (2017)

Es gilt das Verursacherprinzip: Die KKW-Betreiber (sie finanzieren die Nagra) bezahlen alle anfallenden Kosten. Dafür sorgt ein staatlich kontrollierter Fonds, dessen Kosten periodisch neu berechnet werden. Einberechnet sind die zukünftigen Mittel für die Stilllegung und die Langzeitlagerung samt Überwachung.

Nebst dezentralen Lagern direkt bei den Kraftwerken betreiben die KKW in Würenlingen/AG seit 2001 ein Zwischenlager. Dazu wurde eine eigenständige Aktiengesellschaft gegründet. Direkt daneben, auf dem Gelände des Paul Scherrer Instituts, betreibt der Bund sein Bundeszwischenlager, in welchem Abfälle aus Medizin, Industrie und Forschung gelagert werden.

2008 wurde der Sachplan «Geologische Tiefenlager» vom Bundesrat verabschiedet. Seither sucht die Nagra nach geeigneten Standorten, wobei Jura Ost, Nördlich Lägern und Zürich Nordost in der Auswahl verbleiben. Vor 2050 dürfte in der Schweiz kein Tiefenlager betriebsbereit sein.

In Grimsel/BE (seit 1984) und Mont-Terri/JU (1996) betreibt die Schweiz Felslabore mit internationalen Partnern.

www.nagra.ch