Publiziert am: Freitag, 2. Oktober 2015

Von wegen Alpenschutz!

Gotthard – In der Gewerbezone von Biasca könnten schon in wenigen Jahren die grössten Verladeanlagen für den Bahnverkehr Europas entstehen: Ein Landverschleiss sondergleichen.

«Die Verladelösung katapultiert uns quasi um 50 Jahre zurück», stellt Norman Gobbi, Regierungspräsident des Kantons Tessin, fest. Entstehen könnte dieses Szenario infolge der umfassenden Sanierung des Gotthard-Strassentunnels in rund zehn Jahren. Im Februar stimmt das Schweizer Stimmvolk darüber ab, ob – damit auch während dieser drei Jahre die Autos und Lastwagen den Gotthard durch­queren können – eine Sanierungsröhre gebaut werden soll. «Alle anderen Lösungen sind schlicht nicht akzeptabel», so Gobbi. Es gehe ihm dabei nicht in erster Linie um den nationalen Zusammenhalt, sondern vor allem um die Wirtschaft des Kantons Tessin. «Die Industrie braucht diesen Strassentunnel! Sollte sich die Schweiz gegen ein Ja zum Sanierungstunnel am Gotthard entscheiden, gehen Arbeitsplätze verloren und das Tessin verarmt.»

Firmenschliessungen und Arbeitslosigkeit

Falls die zweite Röhre beim Volk auf Ablehnung stossen würde, müssten in der Gewerbezone von Biasca und auf den Feldern die grössten Verladeanlagen für den Bahnverkehr Europas gebaut werden. Ausgerechnet unter dem Schlagwort Alpenschutz wollen die Gegner einer zweiten Röhre solch überdimensionierte Anlagen bauen. Insgesamt müssten im Kanton Uri und im Tessin für Personen­wagen und Lastwagen ganze vier Verladeanlagen gebaut werden. Nur schon deren Bau und Betrieb kosten bis zu einer Milliarde Franken. Nach der Sanierung müssen sie wiederum für teures Geld abgerissen werden. Mehrwert bleibt keiner. Im Gegenteil: Bei der nächsten fälligen Sanierung in 30 bis 40 Jahren bräuchte es neue Anlagen.

«Das ist nicht logisch gedacht! Der Norden der Schweiz ist für das Tessin der wichtigste Markt», sagt Luca Albertoni, Geschäftsführer des Tes­siner Gewerbe­verbands, dazu. «Studien zeigen, dass das Risiko von ­Verlagerungen von bestimmten Tätigkeiten besteht. Es stehen mehrere Tausend Arbeitsplätze auf dem Spiel. Die Hotellerie rechnet mit einem Millionenverlust, Raststätten müssten schliessen. Drei Jahre ohne Kundschaft sind nicht möglich. Logischerweise wird so auch die Arbeitslosigkeit ansteigen. Gewisse Firmen müssten schliessen.» Zudem würden die Kapazitäten in Erstfeld und Biasca gar nicht ausreichen. «Eine grosse Fläche des Talbodens in Biasca würde verschlungen, dasselbe gilt für den Kanton Uri.»

Enteignungen und 
ausbleibende Touristen

Dessen ist sich Hans Arnold bewusst. Er führt in Uri einen Landhof. Ihm gehört ein Teil des Landes, auf dem die Anlagen künftig stehen sollen. «Der Kultur­land­verschleiss wäre enorm. Der Urner Talboden ist einfach zu eng für eine Verladerampe.» Für ihn und viele weitere Anwohner hätten die Anlagen in erster Linie nicht nur wirtschaftliche, sondern vor allem auch private Auswirkungen. «Diverse Enteignungen stehen bevor. Aber ich bin bereit, für mein Land zu kämpfen!» Und damit nicht genug: Weil die Verladeanlagen bei jeder Sanierung immer wieder aufgebaut und abgerissen werden müssten, würden die besten Böden im Tal blockiert – jahrzehntelang.

«Ich bin bereit, für mein Land zu 
kämpfen!»

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Anbindung des Tessins an den Rest der Schweiz, dies auch im Hinblick auf den Tourismus. «Die Anbindung der Leventina an den Rest der Schweiz ist existenziell», weiss Elia Frapolli, Direktor von Tessin Tourismus. «Die Tessiner Unternehmen liefern teilweise mehrmals täglich Ware in die Deutschschweiz, Arbeitnehmende pendeln in beide Richtungen, und bei schönem Wetter im Süden profitieren wir von vielen Touristen aus dem Norden.» Dies wäre ohne Sanierungstunnel nicht mehr möglich.

Würde der Gotthard-Strassentunnel für längere Zeit geschlossen, wäre das für die ganze Schweiz, insbesondere aber für die Kantone Uri und Tessin eine Katastrophe.

Deshalb: JA zum Sanierungstunnel am Gotthard!

Stéphanie Jenzer

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