Publiziert am: Freitag, 16. Juni 2017

Wann bloss kommt die Zinswende?

NEGATIVZINSEN – Negativzinsen sollen Kosten von bis zu 1,5 Milliarden Franken verursachen. Davon negativ betroffen sind die ­Vermögensverwalter, Pensionskassen – und damit die Kleinsparer.

Hunderte von Millionen von Schweizer Franken weltweit wurden durch die Null- oder Minuszinspolitik der Zentralbanken bis heute vernichtet. Das tönt abstrakt. In Tat und Wahrheit waren vor allem die Vermögen der Kleinsparer und die Renten der Altersvorsorge betroffen. Einige fragen sich nun, ob die Zinswende – endlich – kommt.

Die US-amerikanische Fed hat bereits Zinsanhebungen in kleinen Schritten angekündigt. Der Direktor der Europäischen Zentralbank EZB, Benoît Cœuré, forderte Regierungen und andere Wirtschaftsakteure auf, sich auf ein Ende der jahrelangen Phase ultra­niedriger Zinsen einzustellen. Er sinnierte noch im April: «Es ist offensichtlich, dass der Finanzsektor und andere Wirtschaftsakteure, vor allem Regierungen, sich vorbereiten müssen. Ich hoffe, dass alle wissen, dass die Zinsen nicht auf dem aktuellen Niveau bleiben werden.»

Negativzinsen hüben und drüben

Die EZB hält ihre Leitzinsen schon seit vielen Monaten auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent oder tiefer. Zudem pumpt sie über den Kauf von Anleihen und anderen Wertpapieren Woche für Woche Milliarden in das Finanzsystem des Euro-Währungsraums.

Mit den auf 2,28 Billionen Euro angelegten Käufen will sie Banken unter anderem dazu anregen, mehr Kredite an die Wirtschaft auszureichen. Das stützt die Konjunktur und soll so auch die – nach dem Geschmack der EZB immer noch zu niedrige – Inflation anheizen.

Die Schweizerische Nationalbank SNB führte Mitte des Jahres 2014 die Negativzinsen ein. Ihr ging es zunächst um den Kampf gegen die Geldaufwertung (Deflation). Nun geht es um die Abmilderung der Kursunterschiede zum Euro. SNB-Präsident Thomas Jordan hält diese Politik für angebracht und notwendig – noch.

Banken und Sparer bezahlen

Die Negativzinsen betreffen die Banken negativ. Und dies in mindestens zweierlei Hinsicht. Erstens machen diese Zinsen das Exportgeschäft vor allem der kleineren Banken weniger attraktiv. Zweitens verursachen Negativzinsen Kosten. Die Rede ist von bis zu 1,5 Milliarden Franken.

«HUNDERTE VON MILLIONEN FRANKEN WURDEN WELTWEIT VERNICHTET.»

Wer auch negativ betroffen ist, sind die Vermögensverwalter und Pensionskassen – und damit die Kleinsparer. Dass die Renditen gerade im obligatorischen Bereich der Altersvorsorge in den letzten Jahren mager ausfielen, hat mit den Negativzinsen zu tun. Und: Pensionskassen und AHV sind von den SNB-Negativzinsen nicht befreit. Sie bezahlen die gleichen Kosten, welche auch Banken tragen. Das Resultat: weniger Geld auf dem Konto der Versicherten.

Zinswende lässt auf sich warten

Seit dem Jahr 2015 spricht man von Zinswende. Damals prognostizierte die UBS eine solche «nicht vor 2017». Die SNB ihrerseits sagte damals, wenn die US-Fed ihre Zinsen aufsetze, werde auch die Schweiz nachziehen. Nun, im Jahr 2017, haben die Amerikaner gehandelt – in der Schweiz tönt es immer noch verhalten.

Die Unsicherheit bleibt bestehen. Zwar steigen die Zinsen in den USA, aber in der EU bleiben sie negativ. Und solange die EZB nicht an der Zinsschraube dreht, wird sich die SNB nicht bewegen. Trotz dem Sinnieren einzelner europäischer Zen­tralbanker sieht es derzeit nicht danach aus, dass die EZB ihre Geldpumpe einstellen würde.

Also: Der Negativzins ist gekommen, um zu bleiben. Und die Zinswende? Die lässt länger auf sich warten.

Henrique Schneider, 
Stv. Direktor sgv