Publiziert am: 06.09.2019

«Weltfremde Idealisten»

ROLAND RINO BÜCHEL – Der St. Galler SVP-Nationalrat kandidiert am 20. Oktober für den Ständerat und den Nationalrat. Der Unternehmer aus dem Rheintal setzt sich für eine starke Schweizer Industrie ein – und gegen staatliche Eingriffe in die Wirtschaft.

Schweizerische Gewerbezeitung: Sie stammen aus dem St. Galler Rheintal und wohnen noch heute dort. Welche Bedeutung hat die Industrie in Ihrem Wohnort Oberriet und in der Rheinebene generell?

Roland Büchel: In den letzten Jahrzehnten hat sich das Rheintal enorm entwickelt. Dies auf beiden Seiten des Rheins, also in der Schweiz, dem österreichischen Vorarlberg und dem Fürstentum Liechtenstein. Man sieht: Konkurrenz belebt das Geschäft. «St. Galler Rheintal» und «Hightech-Industrie» sind quasi zu einem Synonym geworden – und dies völlig zu Recht. Dass diese Spitzenleistungen in ­einer wunderschönen Landschaft erbracht werden, ist ein zusätzlicher Vorteil.

Welchen Stellenwert hat die Industrie in der gesamten Schweiz?

Der Wohlstand unseres Landes beruht zu einem grossen Teil auf den Industrieprodukten, die wir herstellen. Im letzten Jahr exportierte die Schweizer Industrie Maschinen, Apparate, Elektronik, Präzisionsinstrumente und Metalle für 65 Milliarden Franken.

Die Wertschöpfung ist eineinhalbmal höher als im Dienstleistungssektor. Einzig die Finanzbranche übertrifft die Industrie bei ­dieser Kennzahl. Die Schweizer Industrie beschäftigt fast 600 000 Personen.

«ZU VIELE IM PARLAMENT HABEN NOCH NIE MIT IHREN HÄNDEN GEARBEITET. DAS SPÜRT MAN IN DEN ENTSCHEIDEN.»

Mehr als 70 Prozent aller Schweizer Arbeitsplätze finden sich im Dienstleistungssektor, Tendenz steigend. Heisst dies umgekehrt, dass die Industrie immer weiter an Bedeutung verlieren wird?

Der Trend ist da. Wir müssen dagegen ankämpfen. Den Träumern von einer reinen Dienstleistungsgesellschaft muss klargemacht werden, dass es keinem Land langfristig gut gehen kann, wenn es keine funktionierende Industrie mit bestens ausgebildeten Menschen hat.

Gewisse Kreise scheinen sich über einen schrumpfenden Anteil der Industrie fast schon zu freuen – Stichwort: Weniger Industrie heisst weniger Umweltbelastung. Ist an dieser Behauptung etwas dran?

Man hat in den letzten Monaten tatsächlich viel derartigen Unsinn gehört. Wollen diese weltfremden Idealisten, dass unsere Hightech-Produkte in Ländern produziert werden, wo die Umweltstandards massiv tiefer sind als bei uns?

Setzt sich die Politik Ihrer Meinung nach genügend für den Industriestandort Schweiz ein?

Nein. Wir haben zu viele Leute im Parlament, die ihre Hände noch nie für manuelles Arbeiten gebraucht haben. Deren Laufbahn hat sie, etwas spitz ausgedrückt, aus dem Kreisssaal über den universitären Hörsaal direkt in den Ratssaal geführt. Das spürt man in den Entscheiden.

Stets striktere Umweltgesetze, die Verschärfung der Vorschriften in der Raumplanung, eine Schwächung der Flexibilität des Arbeitsmarktes: Aus Sicht vieler Firmenchefs erschwert die Politik eher die Rahmenbedingungen, als dass sie die Industrie unterstützt. Was kann die Politik denn tun, damit es der Schweizer Industrie wieder besser geht?

Auch hier gilt: Weniger ist mehr. Weniger unnötige Statistiken, weniger Quoten, weniger Formulare, weniger Perfektionismus von den Behörden. Wir müssen den Staat schlank halten. Nur so bleibt der Wirtschaft und den Menschen die notwendige Luft zum Atmen.

«WIR MüSSEN DEN STAAT SCHLANK HALTEN. NUR SO BLEIBT LUFT ZUM ATMEN.»

Ein zunehmend schwächerer Euro erhöht den Druck auf die hiesige Industrie weiter. Setzt die Währung hier der Politik Grenzen?

Nehmen wir das Beispiel meiner Heimat: Das St. Galler Rheintal ist die Industrie-Exportregion der Schweiz. Ich höre hier höchst selten, dass wegen des schwachen Euros gejammert wird. Die Firmen passen sich an und verbessern sich tagtäglich. Sie forschen, sie entwickeln neue Produkte. Sie tun, was zu tun ist, und beklagen sich nicht über Dinge, die sie nicht ändern können.

«UNSERE FIRMEN BEKLAGEN SICH NICHT ÜBER DINGE, DIE SIE NICHT ÄNDERN KÖNNEN.»

Kaum ist der Euro unter die Grenze von 1.10 Franken gerutscht, ertönt schon wieder der Ruf nach einer «Industriepolitik». Was könnte eine solche konkret bringen?

Wenig bis nichts. Strukturerhaltung zahlt sich langfristig nicht aus. Es mag Sinn machen, wenn der Staat bei Beschaffungen und Investitionen hier und da leicht antizyklisch handelt. Insgesamt bin ich dafür, staatliche Eingriffe in die Wirtschaft möglichst zu vermeiden.

Der Bundesrat setzt sich für Freihandelsverträge ein, um die Schweizer Wirtschaft im internationalen Wettbewerb zu ­stärken. Was ist von diesen Bemühungen zu erwarten?

Wir müssen vorwärts machen mit dem Abschluss neuer Freihandelsverträge. Die Schweiz ist hier recht gut unterwegs. Wir können selbstständig oder im Rahmen der EFTA einigermassen frei und schnell agieren. Solche Abkommen sind nicht nur für die Exporteure äusserst wichtig, sondern auch für die vielen gewerblichen Zulieferer.

Was kann ein weiterer Abbau von Regulierungen dazu beitragen, die Probleme der Schweizer Industrie zu verringern?

Abbau von Regulierungen? Bei diesem Parlament? Sie sind mir aber optimistisch! Wir müssen schon froh sein, wenn die Politik nicht immer noch mehr reguliert und meint, sie und die Bürokraten würden alles besser wissen als die Unternehmer. Wenn wir da und dort tatsächlich deregulieren können, dann hilft das der Industrie, dem Gewerbe, den Dienstleistern und damit auch den Arbeitnehmern. Weniger Bürokratismus ist nur möglich, wenn wir im Herbst ein bürgerliches Parlament wählen.

«WENIGER BÜROKRATIE wird NUR möglich, WENN EIN BÜRGERLICHES PARLAMENT GEWÄHLT WIRD.»

Grossfirmen und ihre politischen Vertreter wollen uns glauben machen, ein Rahmenvertrag mit der EU würde den Druck auf die Schweiz mit einem Schlag mildern und die Chancen der Industrie stärken. Wie schätzen Sie solche Aussagen ein?

Ich staune manchmal schon, mit welcher Nonchalance Manager von Grosskonzernen und Technokraten gewisser Verbände bereit sind, Grundpfeiler des helvetischen Erfolgs wie Föderalismus und Unabhängigkeit zu opfern. Diese Selbstaufgabe, verbunden mit einer fast blinden EU-Gläubigkeit, macht mir Sorgen. Gut, dass kantige Grossunternehmer, wie zum Beispiel Swatch-Chef Nick Hayek, hier klar dagegen halten und für die Souveränität unseres Landes einstehen.

Interview: Gerhard Enggist

ZUR PERSON

Der 53-jährige St. Galler Roland Rino Büchel vertritt seit März 2010 die SVP im Nationalrat. Seine Familie führt seit über 50 Jahren zwei Autogaragen im St. Galler Rheintal. Am 20. Oktober steigt der mehrsprachige Ex-Diplomat, Sportmanager und Unternehmer ins Rennen um einen Ständerats- und um einen Nationalratssitz.

En

www.rolandbuechel.ch