Publiziert am: 02.06.2017

Weshalb Cash nicht gut sein soll

BARGELD – «Geld ist geprägte Freiheit», sagte der Dichter Fjodor Dostojewski. Heute wird der Zahlungsverkehr mit Bargeld immer mehr eingeschränkt – auch in der Schweiz.

Der Zahlungsverkehr mit Bargeld wird immer mehr eingeschränkt. Weltweit und in der Schweiz. Nur: In der Schweiz geschieht es viel subtiler – man kann schon sagen: versteckter – als anderswo.

Verschiedene EU-Länder kennen schon Maximalbeträge für den Verkehr mit Bargeld. In Italien beispielsweise dürfen Rechnungen von über 999.99 Euro nicht bar bezahlt werden. Spanien ist für Ausländer flexibel. Diese können Beträge bis 15 000 Euro bar bezahlen; Einheimische nur bis 3000 Euro.

«DER ZAHLUNGSVERKEHR MIT BARGELD WIRD IMMER MEHR EINGESCHRÄNKT. IN DER SCHWEIZ SUBTILER ALS ANDERSWO.»

Die Begründung für diese Einschränkung lautet offiziell: Damit soll Terrorismus bekämpft werden. Terroristen aber rennen allenfalls noch in alten James-Bond-Filmen mit Koffern voller Bargeld herum. In der Realität geht es diesen Ländern um ein Dreifaches.

Die wahren Gründe

Erstens wollen die Staaten die Schattenwirtschaft unterbinden. EU-Länder glänzen durch hohe Steuern und regulatorische Schikanen. Es verwundert nicht, wenn insbesondere KMU lieber im Schattenbereich tätig werden. In diesem Bereich erfolgen die meisten Zahlungen bar. Beschneidet man jetzt den Cash, so kappt man die Luftzufuhr in die Schattenwirtschaft. So die Hoffnung dieser Länder.

Zweitens geht es um die Überwachung der Zahlungsströme. Warum, fragt man sich? Eine Antwort bleibt offen. Möglicherweise geht es um die weitere Einschränkung des Steuerwettbewerbs.

Drittens geht es um die Konsumankurbelung. Wer mit Kredit- und Debitkarten bezahlt, tendiert dazu, mehr zu konsumieren. Was zu Lasten der Ersparnisse geht, was aber niemanden zu stören scheint.

Abschaffung per Salamitaktik?

Für die Schweiz sieht es auf den ersten Blick gut aus. Bargeld ist hierzulande immer noch der Liebling. Schweizerinnen und Schweizer halten nicht nur grosse Bestände an Bargeld, sie sind auch europaweit jene, die am häufigsten bar bezahlen.

Doch hinter den Kulissen läuft auch hier ein rabiater Kampf gegen das Bargeld. Vor Kurzem erst wurde 
eine obere Limite für Bargeldtransaktionen eingeführt. Sie beträgt 100 000 Franken. Was darüber liegt, muss mit einem Intermediär er-
ledigt werden. Auf den ersten Blick scheint die Limite hoch. Doch im Land der Salamitaktik ist es nur 
eine Frage der Zeit, bis sie ge-
senkt wird. Und dann gibt es im 
Land der Musterschüler bereits 
viele, die eigenmächtig die Limite runtersetzen.

Das Musterschüler-Syndrom

«Die Bank hat mein Konto gekündigt», sagt eine Rentnerin. «Ich lebe von Rente und von meinem Vermögen. Zu Monatsbeginn hebe ich immer einen grösseren Betrag bar ab. Denn alle meine Ausgaben bezahle ich bar.» Die ganz gewöhnlichen Ausgaben dieser Rentnerin sind: Miete, Essen, Ärzte, Medikamente usw. «Wegen des regelmässigen Abhebens grösserer Beträge hat meine Bank von mir verlangt, ich solle meine Ausgaben darlegen oder meine Steuerdeklaration einreichen. Als ich mich weigerte, es zu tun, wurde mein Konto gekündigt. Jetzt habe ich nicht einmal mehr ein Bankkonto für meine AHV-Rente.»

Ein Anwalt macht ähnliche Erfahrungen: «Wenn ich Bargeld international überweisen will, verlangt die Post eine sogenannte Feststellung des wirtschaftlich Berechtigten. Das heisst, ich muss zeigen, dass der Empfänger existiert, dass es die Person ist, die das Geld letztlich bekommt und dass diese Steuern bezahlt. Dieser Nachweis kostet oft mehr als der Betrag, den ich überweisen will.»

Kein vorauseilender Gehorsam

sgv-Direktor und Nationalrat Hans-Ulrich Bigler urteilt kritisch: «Es gibt weder einen Auftrag des Volkes noch einen parlamentarischen Willen, den Verkehr mit Bargeld einzuschränken. Dass einige Institute im vorauseilenden Gehorsam und alleine, um sich zu schützen, solches tun, ist schlicht inakzeptabel.»

Henrique Schneider, 
Stv. Direktor sgv