Publiziert am: 20.03.2015

Wird China nicht mehr wachsen?

ENTWICKLUNG – Die Ausdehnung der mittleren Einkommensschichten und die Eliminierung der absoluten ­Armut bedingt ­Wachstum. Das Reich der Mitte möchte an die Spitze gelangen: Politisch und ökonomisch.

Am jüngsten Volkskongress präsentierte die chinesische Führung die neuesten Wachstumszahlen. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) im Reich der Mitte wächst nur noch um 7 Prozent pro Jahr. Eine Katastrophe – sagen die einen. Eine Chance – sagen die anderen. Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen.

Es lohnt sich, der Sache auf den Grund zu gehen: Warum muss China überhaupt um 7 Prozent wachsen? Nach dem Menschenrechtsbericht der UNO lebten im Jahr 2014 ein Viertel der Chinesen mit einem Einkommen (bei Kaufkraftparität zu Europa) von weniger als zwei US-Dollar pro Tag und um 5 Prozent 
mit einem Einkommen von weniger als einem US-Dollar pro Tag. Das ist Armut.

Wachstum und Sozialpakt

Der grosse Sozialpakt in China ist in etwa so zu beschreiben: Während Marktinstrumente zugelassen werden, akzeptiert die kommunistische Führung die soziale Differenzierung in Reiche, Mittelschicht und Arme. Allerdings müssen die mittleren Einkommensschichten ausgedehnt und die absolute Armut eliminiert werden. Alleine um die Mittelschicht zu vergrössern und um die Armut zu bekämpfen, muss Chinas BIP jährlich um 3 bis 4 Prozent wachsen.

«China soll nicht länger die Werkbank der Welt sein, sondern innovationszentrum.»

Dazu kommt: China hat einen Führungsanspruch – und zwar nicht nur im politischen, sondern auch im ökonomischen Bereich. Das Reich der Mitte möchte zur Spitze gehören. Das bedingt aber auch, den lohnmässigen Aufstieg der eigenen Bevölkerung zu ermöglichen. Um der bestehenden Mittelschicht diesen Aufstieg zu gewährleisten, muss China um weitere 2 bis 3 Prozent jährlich wachsen.

Und so ist die magische Zahl von 5 bis 7 Prozent erreicht. Wächst China langsamer, dann kann die Armut nicht reduziert werden oder die Mittelschicht bleibt stecken. Wächst China schneller, dann kann es die eigene ökonomische Vormachtstellung ausbauen.

Zwei weitere Sprünge geplant

Peking kann es sich aber leisten, die Zahl nach unten zu korrigieren. Erstens ist 7 Prozent bereits das obere Band. Zweitens haben die Systemänderungen bereits 50 Prozent der Bevölkerung aus der Armut gehievt. Drittens werden die Arbeitskräfte produktiver, und das bedeutet automatisch höhere Löhne. Mit wachsender Bildung werden die chinesischen Arbeitnehmer zunehmend innovativ; auch das schlägt sich in den Löhnen nieder.

Zwei grosse Sprünge sind noch fällig. Zum einen möchte die chine­sische Führung die Industrie des Landes verändern. China soll nicht länger die Werkbank der Welt sein, sondern wie Japan und USA ein Innovationszentrum. Dafür sind aber hohe Produktivität und Innovationskraft notwendig. Zum anderen möchte China den Binnenmarkt stärken. Aus der Investitionsgesellschaft soll eine Konsumgesellschaft werden. Dafür muss aber die Mentalität der Menschen geändert werden.

Ob beides gelingen kann, wird die Zukunft zeigen. Fürs Erste werden Weichen gestellt. Und wie bei jeder Umstellung gilt auch hier: Die Anpassung braucht Zeit und verlangsamt Entwicklungen. Aber der potenzielle Ertrag dieser Anpassungen kann überwältigend sein.

Sc