Publiziert am: 04.03.2022

Zu Fuss auf die «Bähnli-Berge»

BERGBAHNPARADIES – Es gibt 2427 Anlagen im Tourismusland Schweiz. Allerdings werden immer wieder Bergbahnen stillgelegt, wie der Alpinjournalist Daniel Anker in seiner neuen Publikation «Après-Lift» aufzeigt. Hier ein Überblick, welche Bahnen (noch) in Betrieb sind.

Was wäre die Schweiz ohne Bergbahnen. Kein Alpinskifahren, weniger Touristen auf den Berggipfeln, Totenstille auf dem Säntis, dem Titlis oder dem Niesen. Bereits im Sommer 1879 wurde die erste touristische Anlage in Betrieb genommen: eine Standseilbahn vom Brienzersee hinauf zum Hotel Giessbach.

Der erste Skilift wurde am 24. Dezember 1934 in Davos eröffnet. Der 1930 einsetzende Skiboom förderte den Seilbahnbau so, dass heute über 2400 eidgenössisch oder kantonal bewilligte Seilbahnanlagen in Betrieb sind. Über die Hälfte aller Bergbahnen befinden sich – wenig überraschend – in den Kantonen Wallis, Graubünden und Bern. Die touristische und volkswirtschaftliche Bedeutung der Seilbahnbranche ist entsprechend gross und vor allem für die ländlichen Gebiete und die Berggebiete wichtig: Der Gesamtumsatz beträgt jährlich 1,3 Mrd. Franken, im Winter 2020/2021 wurden 20,1 Mio. Franken Ersteintritte in den Schweizer Skigebieten gezählt, und die Anzahl der Beschäftigten beträgt über 17 000 Mitarbeitende.

Aber auch die Seilbahnbranche unterliegt dem Strukturwandel: Anlagen werden gebaut und verschwinden wieder. Auf rund 60 Gipfel in den Schweizer Bergen fährt heute keine Bahn mehr. Mangels genügenden Schnees – vor allem in tieferen Lagen –, nachlassender Nachfrage oder aus wirtschaftlichen Gründen mussten die Ski- und Sessellifte, aber auch Gondeln und Seilbahnen abgestellt und teils abgebaut werden.

Wer weiss schon, dass früher am Chasseral im Jura, am Schwyberg beim Schwarzsee oder am Lasenberg beim Stockhorn dem Pistenfahren gefrönt wurde?

Alles Schnee von gestern, heute muss man zu Fuss oder mit den Tourenski hochsteigen – nachzulesen in der soeben erschienenen und hervorragend recherchierten Publikation von Daniel Anker «Après-Lift – 49 Skitouren auf Ex-Bahn-Berge der Schweiz». Anhöhen und Gipfel, die früher mit Liften erschlossen wurden, eignen sich grundsätzlich gut zum Abfahren, die Steilheit und damit auch die Lawinengefahr hält sich in engen Grenzen. Also Felle aufziehen und nichts wie los auf die früheren «Bähnli-Berge,» viel Vergnügen! Ruedi Horber

www.seilbahnen.org

NACHGEFRAGT BEI dem nidwaldner Ständerat HANS WICKI und dem Alpinjournalisten DANIEL ANKER

Schweizerische Gewerbezeitung: Wie ist die Branche bisher durch die Corona-Pandemie gekommen, und wie sieht das laufende Jahr aus?

Ständerat Hans Wicki, Präsident Schweizerischer Seilbahnverband: Die Bergbahnen in der Schweiz haben die Corona-Pandemie verhältnismässig gut überstanden. Ferien und Aktivitäten in den Bergen wurden neu entdeckt. Besonders den Schweizern wurde dabei bewusst, wie wichtig die Bergbahnen für die Freizeitgestaltung innerhalb der Schweiz sind. Die grossen, international ausgerichteten Seilbahnen befinden sich aber noch immer in einer schwierigen Situation, weil die fehlenden Einnahmen aus dem internationalen Geschäft nicht von den Schweizer Gästen kompensiert werden können. Im laufenden Geschäftsjahr werden wir hoffentlich das Ende der Covid-Massnahmen erleben, das Reisen wird weltweit wieder attraktiver und dadurch werden wir auch eine leichte Zunahme der internationalen Gäste sehen. Ich erwarte, dass es insgesamt für die Bergbahnen ein etwas besseres Geschäftsjahr geben wird als 2020/21.

Was sind die grössten Projekte der nächsten Jahre, respektive sind neue Anlagen in noch unerschlossenen Gebieten geplant?

Neue Anlagen in noch unerschlossenen Gebieten sind die Ausnahme bzw. praktisch inexistent. In den allermeisten Fällen geht es um die Erneuerung, Verbesserung und Optimierung der bestehenden Anlagen und des entsprechenden Angebots auf dem Berg. Neben den jüngsten Vorzeigeprojekten der Jungfraubahnen (V-Bahn) und Zermatt (3S Bahn), die bereits in Betrieb genommen werden konnten, freuen wir uns auf die Eröffnung der neuen Anlagen in Zermatt (Alpine Crossing) und auf dem Titlis (Projekt TITLIS 3020). Mit diesen Projekten wollen die Bergbahnen den hohen Qualitätsansprüchen der Gäste gerecht werden und den Fahrkomfort, aber auch die Sicherheit erhöhen.

Wo steht die Seilbahnbranche in zehn Jahren, welche Auswirkungen hat der Klimawandel?

Aktuell gibt es weltweit so viele Skifahrer wie noch nie. Nicht zuletzt aus diesem Grunde sehen wir positiv in die Zukunft. Klar wird es Marktverschiebungen geben, auch aufgrund des Klimawandels. Eine Zunahme des Sommertourismus wird aber nur erreicht werden können, wenn die Attraktivität für den Sommergast erhöht werden kann. Investitionen in Bike Trails, Erlebnisparks, Familienspielplätze oder in die Qualität der Gastronomie werden unerlässlich sein. Grundsätzlich dürfen die Bergbahnen aber selbstbewusst und positiv in die Zukunft schauen, weil der Ausflug in die Berge zunehmend wichtiger für den physischen und psychischen Ausgleich der Bevölkerung wird.

Schweizerische Gewerbezeitung: Wie ist die Idee entstanden, ein Buch über 49 Skitouren auf ehemalige mit Bergbahnen erschlossene Gipfel zu schreiben?

Daniel Anker, Buchautor und Alpinjournalist: Bei der Arbeit für die SAC-Skitourenführer «Berner Alpen West» (2006) und «Freiburger und Waadtländer Alpen» (2008) entdeckte ich mehrere ehemalige Ex-Bahngipfel. In der SBB-Zeitschrift «Via» erschien 2005 mein Artikel «Lustvolles Schwingen an liftfreien Hängen» mit elf Touren. 2017 stellte ich im «Naturfreund» eine Auswahl von 20 Skitouren auf Ex-Bahn-Berge vor.

Wie viel Zeit haben Sie für die aufwendig recherchierte Publikation aufgewendet, für das Rekognoszieren vor Ort und das Schreiben?

Das wirkliche Schreiben des Buches startete ich im August 2021. Aber da hatte ich schon viel Material zusammengetragen. Neue Après-Lift-Skitouren begann ich im Winter 2016/17 zusammenzustellen mit elf Touren. Im schneereichen Winter 2020/21 konnte ich die Ex-Lift-Liste dann endlich ganz abhaken, zum Beispiel mit dem Monte Lema im Südtessin; im Winter zuvor und auch jetzt war bzw. ist es dort oben einfach grün.

Verraten Sie uns Ihre drei liebsten «Ex-Bähnli-Gipfel»?

Der Lasenberg beim Stockhorn im Simmental, aus nostalgischen Gründen: Dort fuhren wir winterlang Ski, meistens allerdings neben der Piste; dank des Lifts lernten wir sozusagen das Tiefschneefahren. Zweitens die Tourenziele im Ex-Pistengebiet Confin von San Bernardino: Da ist alles noch da, nur läuft nichts mehr – eine ganz eigene Szenerie. Drittens der Regelstein zwischen Toggenburg und Linth-Ebene: Er wurde gleich von zwei Seiten erschlossen – mehr Après-Lift geht nicht. Interview: ho

www.bergliteratur.ch

www.asverlag.lesestoff.ch

Daniel Anker, Après-Lift, 49 Skitouren auf Ex-Bahn-Berge der Schweiz, AS-Verlag, Zürich 2022

Meist Gelesen