Publiziert am: 11.12.2015

Zukunftsweisende Berufswahl

ANFORDERUNGSPROFILE – Seit diesem Frühling können rund 190 Berufe bezüglich ihrer Kompetenzen miteinander verglichen 
werden. Nun müssen Schüler, Eltern, Lehrer, Berufsberatungen und Berufsverbände dafür sensibilisiert werden.

Bereits seit diesem Frühjahr können die schulischen Anforderungen in den Fächern Mathematik, Naturwissenschaften, Standardsprache und Fremdsprachen von rund 190 Berufen auf der Homepage www.anforderungsprofile.ch bezüglich ihrer Kompetenzen miteinander verglichen werden. Dies ermöglicht ein vierjähriges Projekt des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv. Er führte dies zusammen mit der kantonalen Erziehungsdirektorenkonferenz EDK und Vertreterinnen und Vertretern aus Lehrerkreisen, Berufsberatungen sowie mit verschiedenen Berufsverbänden durch.

«Die Anforderungsprofile sind ein wichtiges Instrument und Orientierungshilfe für Jugendliche.»

Diese Anforderungen haben über 500 Expertinnen und Experten aus den ausbildungs- und prüfungsverantwortlichen Organisationen der Arbeitswelt OdA zusammen mit Fachleuten aus den Bildungswissenschaften erarbeitet. Sie stützen sich dabei auf die 2011 von der EDK verabschiedeten Grundkompetenzen. Diese sollten 95 Prozent der Schülerinnen und Schüler am Ende ihrer obligatorischen Schulzeit erreichen. «Mit den Anforderungsprofilen ist so erstmalig eine systematische, (fast) alle Berufe umfassende Darstellung der berufsspezifischen Anforderungen geschaffen worden», betont Christine Davatz, sgv-Vizedirektorin und Berufsbildungsverantwortliche. Zudem umfassen sie weitere wichtige Anforderungen wie beispielsweise motorische Fähigkeiten, Sozialkompetenz, die in einem Beruf ausgeprägter gefordert sein könnten als in einem anderen.

Berufliche Grundausbildungen vergleichen

Was kann man mit dieser Darstellung der Anforderungen erreichen?

n Die Anforderungsprofile eignen sich in erster Linie für den Vergleich von beruflichen Grundausbildungen. Erstmals ist es dank den Anforderungsprofilen möglich, einfach und über alle erfassten Berufe zu erkennen, wie hoch die schulischen Kompetenzen zu Beginn einer Berufslehre sind, welche der Fächer wichtiger sind und welche weniger hohe Anfoderungen stellen. Und man erkennt: Es gibt keine nur «einfachen» oder nur «anspruchsvollen» Berufe – jeder Beruf hat seine spezifischen Anforderungen.

n Zentral bei dieser Zusammenstellung ist, dass diese von den Unternehmen und den konkreten Branchen selber stammen. Die Wirtschaft deklariert mit den Anforderungsprofilen erstmals umfassend und vergleichbar zwischen den Berufen, was man aus ihrer Sicht mitbringen muss, wenn man beispielsweise Polygraf oder Buchbinder werden will.

«Erstmals ist eine systematische, alle Berufe umfassende Darstellung der berufsspezifischen Anforderungen geschaffen worden.»

n Zentraler Mehrwert der Zusammenstellung ist, dass diese Erwartungen und Anforderungen der Betriebe und Branchen nicht losgelöst für sich stehen, sondern über die EDK mit den nationalen Bildungszielen abgestimmt sind. Mit anderen Worten: Was in den Profilen an Anforderungen formuliert ist, ist erreichbar und realistisch mit dem abgeglichen, was die jungen Menschen über die Schule vermittelt erhalten.

«Die Anforderungsprofile sind ein wichtiges Instrument und eine Orientierungshilfe für Jugendliche, Eltern, Berufsberatende und die Lehrmeister. Sie alle können mit diesen verlässlichen Informationen die berufliche Zukunft der Schulabgänger besser planen und umsetzen», erklärt Davatz. Die Anforderungsprofile seien aber auch für die Wirtschaft, für die einzelnen Branchen und Unternehmen sehr wichtig. In der Schweiz herrsche Fachkräftemangel. Viele Unternehmen hätten Mühe, den geeigneten Nachwuchs zu finden und zu qualifizierten Fachkräften auszubilden. Viele Betriebe erhielten gar nicht erst die geeigneten Bewerbungen auf offene Lehrstellen. Auch Lehrabbrüche oder Lehrstellenwechsel seien ein Thema. «Dies ist häufig der Fall, weil die Vorstellungen über den Beruf und was man dort können muss, nicht mit der Realität übereinstimmen. Manchmal sind aber auch die Erwartungen der Betriebe nicht klar definiert und es ist unklar, welche Nachwuchsleute rekrutiert werden sollen», konkretisiert die Bildungsfachfrau.

Fachkräftemangel vermindern

Eine zentrale Rolle spielten die Anforderungsprofile auch bezüglich des Fachkräftemangels. Wenn die Zahl der Lehrabbrüche vermindert und die richtigen Leute mit den für sie geeigneten Berufen zusammengeführt würden, könne diesem entgegengewirkt werden. «Zu wissen, was genau gefordert ist, und die einzelnen Kompetenzen und Anforderungen der jeweiligen Berufe miteinander vergleichen zu können, ist Grundlage für eine gute und zukunftsträchtige Entscheidung bei der Berufswahl», bringt es Davatz auf den Punkt.

Corinne Remund

NACHGEFRAGT BEI Peter THEILkäs, STV. Direktor DER VISCOM

Positives Feedback

Schweizerische Gewerbezeitung: Im Frühjahr wurden die Anforderungsprofile als Orientierungshilfe für Jugendliche, Eltern, Berufsberatende und Lehrmeister geschaffen. Welche Bilanz können Sie ziehen?

n Peter Theilkäs: Wir haben die Anforderungsprofile anlässlich unseres Berufsbildner-Kongresses den Bildungsverantwortlichen vorgestellt. Dabei hat es viele positive Rückmeldungen gegeben. In einem nächsten Schritt werden wir sie auf unserer Website aufschalten, wo sämtliche Informationen zu unseren Berufsbildern zu finden sind.

Wie und von wem werden die Anforderungsprofile in Ihrer Branche angewendet?

n Bis heute haben wir noch keine ­grossen Erfahrungen. Sicher werden wir aber auch in Zukunft die HR-Verantwortlichen und die Verantwortlichen für die Auswahl der zukünftigen Lernenden auf dieses zusätzliche Tool aufmerksam machen. Sicher ist, dass es unsere vier bewährten Schritte zum Lehrvertragsabschluss im Schritt 1 «Berufserkundung» gut ergänzen wird. Klar ist aber auch, dass diese Anforderungsprofile einen berufsspezifischen Eignungstest und eine Schnupperlehre nicht ersetzen.

Was ist für die laufende Bewirtschaftung dieser Profile wichtig?

n Im Moment haben wir noch wenig Erfahrungen in diesem Bereich. Sicher ist, dass die Profile dann angepasst werden müssen, wenn an den Handlungskompetenzen in den einzelnen Berufsbildern Änderungen vorgenommen werden.

Sind die Anforderungsprofile so anwenderfreundlich oder gibt es noch Verbesserungspotenzial?

n Aus meiner Optik sind sie genügend anwenderfreundlich. Spannend finde ich auch die Möglichkeit, verschiedene Anforderungsprofile über­einander legen zu können. Hinter dem ganzen Konstrukt steht zudem eine Philosophie. Wenn da im Einzelnen daran geschraubt wird, fällt alles auseinander.

Wie könnte man Jugendliche, Eltern, Berufsberatende und Lehrmeister noch mehr sensibilisieren, mit diesen Anforderungsprofilen zu arbeiten?

n Dieses «Nachgefragt» geht in die richtige Richtung. Sicher lohnt es sich auch, bei den Berufs- und Laufbahnberatungsstellen und den einzelnen Branchenverbänden nachzufassen. Ein Interview in der Branchenzeitschrift «Panorama» könnte da ebenfalls mithelfen, die Idee weiter in die Berufsberaterszene hinauszutragen.

Interview: CR