Publiziert am: 20.01.2023

«Da kann einem die Galle hochkommen»

Staatsstellen – Klaus W. Wellershoff machte in Klosters einen konjunkturellen Ausblick. Im Anschluss diskutierten Verbandsvertreter über aktuelle Herausforderungen. Dabei wurde klar: Das Wachstum bei den Staatsstellen ist ein enormes Problem.

«Wir befinden uns derzeit in einer sehr seltenen Situation», erklärte Ökonom Klaus W. Wellershoff. Diese zeichne sich dadurch aus, dass die Inflationsraten über den Zinsen lägen. Der ehemalige Chefökonom der UBS warf unter dem Titel «Angst vor Rezession?» in Klosters einen konjunkturellen Ausblick auf das noch junge Jahr.

Der selbstständige Unternehmer kam zum Schluss, dass «wir vor einer globalen Rezession stehen» und sich die Inflationsraten auf erhöhtem Niveau zu verstetigen drohten. Weiter gab er die Prognose ab, dass der langfristige Zinszyklus gedreht hat und damit Anlagepreise bestenfalls langsam steigen, schlimmstenfalls aber weiter sinken werden. Und schliesslich: «Der Franken droht sich deutlich aufzuwerten.»

60 000 neue Staatsstellen

Interessant – und erschreckend – war eine Folie, auf welcher der Ökonom das Beschäftigungswachstum in der Schweiz seit dem vierten Quartal 2019 zeigte. Im Staat und Sozialwesen sind seither rund 60 000 (!) Stellen (Vollzeitäquivalente) geschaffen worden. Damit ist dieser Bereich absoluter Spitzenreiter. «Da kann einem die Galle hochkommen», meinte Wellershoff. Zum Vergleich: Im Bausektor wurden in derselben Zeit gut 10 000 Stellen geschaffen. Wie problematisch diese Entwicklung ist, zeigte auch die darauffolgende, interessante Diskussion, in der Branchenvertreter aufzeigten, wie ihre Verbände die anstehenden wirtschaftspolitischen Herausforderungen meistern wollen.

«Das muss aufhören!»

Matthias Baumberger, der Direktor des Verbands der Schweizerischen Lack- und Farbenindustrie VSLF, sagte: «Die Industrie und das Gewerbe haben keine Chance mehr, mit den Anstellungsbedingungen bei den Bundesstellen zu konkurrenzieren. Das muss aufhören!» Ausserdem dürfe das Umweltthema nicht Links-Grün überlassen werden.

Für Peter Bruggmann, Präsident ASMAS Verband Sportfachhandel Schweiz, ist in diesem Zusammenhang klar, dass die Berufslehre und deren Möglichkeiten stärker in den Fokus gerückt werden müssen. «Ansonsten haben wir in zehn Jahren zehn arbeitslose Akademiker, die auf einen einzigen Handwerker warten.»

Gian-Luca Lardi, Zentralpräsident des Schweizerischen Baumeisterverbands, erklärte, dass die Verwaltung heute ein Bremser sei. «Dabei sollte sie das Leben der Menschen vereinfachen.» Das liege an einer mangelnden Fehlerkultur. Die Politik erwarte eine fehlerfreie Verwaltung. Das wiederum ziehe mehr Kontrolleure nach sich.

Silvio Ponti, der Präsident von KUNSTSTOFF.swiss, plädierte für den Abbau von Regulierungen. Ihm bereitete vor allem die Energie-Situation Sorgen. «Tiefe Energiekosten waren immer ein Standortvorteil der Schweiz. Diesen müssen wir wieder zurückgewinnen.»

Anschliessend gab es ein Streitgespräch zum Thema «Sinn und Unsinn von Verbandsarbeit». Die Klingen kreuzten sgv-Präsident und Unternehmer Fabio Regazzi und Unternehmer Seby Elsener, Inhaber und Geschäftsführer der gleichnamigen Schreinerei im zugerischen Finstersee.

Elsener sagte, dass der sgv eine Grundsatzdebatte ĂĽber Sinn und Zweck des Verbands fĂĽhren mĂĽsse. Auf mehrmaliges Nachhaken von Regazzi und Moderator Markus Somm, Verleger und Chefredaktor des Nebelspalters, was genau die konkreten Probleme seien, wurde Elsener jedoch nicht viel konkreter.

Für Regazzi ist klar, dass der sgv gut unterwegs ist. So habe die Mitgliederzahl gesteigert werden können. Dass der Verband Einfluss hat, zeigt auch das Beispiel der Regulierungskostenbremse, wo nach langem Kampf eine Vorlage auf dem Tisch liegt. Der Präsident erwähnte ausserdem die Kampagne «Perspektive Schweiz», in der sich die vier Dachverbände der Wirtschaft und Landwirtschaft mit Blick auf die nationalen Wahlen im Herbst zusammengeschlossen haben. Diese hat zum Ziel, dass bei den eidgenössischen Wahlen im Herbst wirtschaftsfreundlich gesinnte Kandidatinnen und Kandidaten ins Parlament gewählt werden.hug

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