Publiziert am: 11.08.2023

«Ein Fonds für Unternehmer»

UKRAINE – Noch ist im der Ukraine von Russland aufgezwungenen Krieg kein Ende in Sicht. Dennoch machen sich sowohl ukrainische wie auch internationale Experten Gedanken zu einem späteren Wiederaufbau des vom Krieg gebeutelten Landes und dessen Wirtschaft.

Im Jahr 2022 fand die «Ukraine Recovery Conference» in Lugano statt. Das Schweizer Aussendepartement wollte die guten Dienste der Schweiz dem Wiederaufbau der Ukraine widmen. Der Schweizerische Gewerbeverband sgv war mit seinem Mitglied, der Ukraine Swiss Business Association, aktiv an der Organisation beteiligt.

Ein Jahr später, 2023, folgen zwei Konferenzen: eine für Unternehmen, wiederum in Lugano, und eine in London. Der sgv hat mit Anna Derevyanko – Exekutivdirektorin der European Business Association –, einer der grössten und einflussreichsten Wirtschaftsverbände in der Ukraine (vgl. Kasten), gesprochen. Sie hat an der Londoner Konferenz teilgenommen.

Stabil, aber nicht ruhig

Vor etwa einem Jahr erhofften sich manche ein Kriegsende noch 2022. Diese verfrühten Hoffnungen wurden bisher nicht erfüllt. Es ist nach wie vor kein Ende des von Russland vom Zaun gerissenen Krieges in Sicht. Zwar wird immer wieder von der ukrainischen Gegenoffensive gesprochen. Inwiefern diese von Erfolg gekrönt sein wird, steht in den Sternen. Was bedeutet diese anhaltende Unsicherheit für die ukrainische Wirtschaft?

«Trotz des Krieges arbeiten das Land und die Unternehmen weiter», sagt Anna Derevyanko. «90 Prozent der öffentlichen Dienstleistungen werden weiterhin erbracht, und nur vier Prozent der Unternehmen wurden geschlossen. Die wirtschaftliche Lage ist also stabil – auch wenn die Kriegslage nach wie vor viel Unruhe bringt.»

Vision fĂĽr den Wiederaufbau

Wie soll der Wiederaufbau des Landes dereinst stattfinden? Die Ukraine hat eine Vision dafür entwickelt. Sie will unter anderem eine zuverlässige Energiequelle für Europa sein, die Landwirtschaft zu einer Lebensmittel-Exporteurin aufbauen. Das Land plant, zu einem Hightech-Standort zu werden und hofft, dereinst der Europäischen Union sowie der NATO beizutreten.

Dafür setzt die Ukraine auf ein einfaches Programm: Deregulierung, wettbewerbsfähige Steuerpolitik, verbessertes Geschäftsklima, Rechtssicherheit – und Gleichheit, erläutert Derevyanko. «Das beginnt schon beim Einsatz der Wiederaufbauhilfe. Die Regierung will die Überwachung der Transparenz, der Durchführungsphasen und der Verantwortlichen für die verschiedenen Wiederaufbauprojekte sicherstellen.»

Fonds fĂĽr Unternehmen

Derevyanko weiss auch über finanzielle Mittel zu berichten: «Das ukrainische Wirtschaftsministerium hat zusammen mit BlackRock, McKinsey und J.P. Morgan die Gründung des Ukraine Development Fund (UDF) angekündigt. Der UDF wird sich darauf konzentrieren, öffentliches und privates Kapital für den Wiederaufbau der Nachkriegswirtschaft durch Mischfinanzierung zu gewinnen. Der UDF wird in Form von konzessioniertem Kapital in fünf Sektoren der ukrainischen Wirtschaft investieren: Energie, einschliesslich grünem Stahl und Wasserstoff, Infrastruktur, Landwirtschaft, verarbeitendes Gewerbe und IT.»

Verschiedene Länder haben in London angekündigt, in diesen Fonds einzuzahlen und darüber hinaus weitere Mittel für den Wiederaufbau einzusetzen. So hat die EU 50 Milliarden Euro zugesagt. Die USA kündigten zusätzliche Hilfe für die Ukraine in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar an. Über die Höhe des Fonds, seine Modalitäten und vor allem, wie Unternehmen an dieses Geld kommen, wird noch diskutiert.

Internationale Kreditgarantien

In verschiedenen Ländern werden immer mehr Mechanismen zur Unterstützung von Unternehmen eingeführt. Das Vereinigte Königreich kündigte an, dass es in den nächsten drei Jahren Kreditgarantien in Höhe von drei Milliarden Dollar für Unternehmen bereitstellen wird. Auch Frankreich ist dabei, Risikoversicherungsmechanismen für französische Unternehmen einzuführen. Dieses Instrument funktioniert bereits in Deutschland, Polen und den USA. Die Schweiz bereitet dies auch vor.

Die internationale Gemeinschaft initiierte die Einführung einer Kriegsrisikoversicherung für private Investoren in der Ukraine. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), die Europäische Kommission, die Schweiz, Norwegen, die Ukraine und der Taiwan Business Technical Cooperation Fund unterzeichneten eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit bei der Wiederherstellung des privaten Versicherungsmarktes in der Ukraine.

Wann kann der Wiederaufbau beginnen? Hier wird die sonst enthusiastische Anna Derevyanko eher nachdenklich. «Vermutlich erst, wenn der Krieg endet. Und wann das sein wird, weiss leider niemand.»

Henrique Schneider,

Stv. Direktor sgv

WIRTSCHAFT DER UKRAINE

Sprachrohr der KMU

Die European Business Association (EBA) ist seit 23 Jahren auf dem ukrainischen Markt tätig. Sie ist das Sprachrohr der ukrainischen Wirtschaft, und eine der grössten und einflussreichsten Wirtschaftsgemeinschaften des Landes, die mehr als 900 Mitgliedunternehmen aus verschiedenen Bereichen vereint.

www.eba.com.ua/en

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