Publiziert am: 17.04.2026

Mit Mut, Weitblick und Beharrlichkeit

KMU FRAUEN – WĂ€hrend Martha LĂŒthy-Zobrist zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Pionierin die ersten BerufsverbĂ€nde fĂŒr Frauen grĂŒndete, prĂ€gte Christine Davatz-Höchner Jahrzehnte spĂ€ter die Berufsbildungspolitik und baute tragfĂ€hige Netzwerke fĂŒr KMU Frauen auf. Das Engagement der beiden Frauen steht exemplarisch fĂŒr 150 Jahre weibliche Gestaltungskraft im Schweizer Gewerbe.

Martha LĂŒthy-Zobrist hĂ€tte am 16. August dieses Jahres ihren 150. Geburtstag gefeiert. Die gebĂŒrtige Winterthurerin war eine wahre Pionierin des Schweizer Gewerbes. Als Tochter eines Schuhmachers wuchs sie bei strengen Pflegeeltern auf und absolvierte eine hauswirtschaftliche Schule in ZĂŒrich. Anschliessend erlernte sie das Handwerk der Damenschneiderin und arbeitete als Kundenhausschneiderin. Mit 23 Jahren heiratete sie den BrieftrĂ€ger Jakob LĂŒthy. Das Paar bekam drei Kinder und lebte in Elgg. Nach dem frĂŒhen Tod ihres Ehemannes musste sie ihre drei kleinen Kinder allein durchbringen. Sie zog nach Winterthur und eröffnete dort ihr eigenes Schneideratelier. Mit grossem Engagement widmete sie sich ihrem Beruf und erkannte frĂŒh die Bedeutung eines starken Netzwerks fĂŒr gewerbetreibende Frauen.

Erste Frau im Vorstand des sgv

1914 grĂŒndete sie in Winterthur den Verband selbststĂ€ndiger Damenschneiderinnen – den ersten Frauenberufsverband der Schweiz. Daraus entstand 1918 der Frauengewerbeverband Winterthur, den Martha LĂŒthy-Zobrist prĂ€sidierte. Doch damit nicht genug: 1920 initiierte sie die GrĂŒndung des Schweizerischen Frauengewerbeverbandes, dem sie ab 1923 als zweite ZentralprĂ€sidentin vorstand. Sie setzte sich mit Nachdruck fĂŒr MeisterprĂŒfungen, berufliche Weiterbildungen sowie fĂŒr die Reglementierung der Berufslehren im Frauengewerbe ein. Ihr ausserordentliches Engagement fĂŒhrte dazu, dass sie 1924 als erste Frau in den Vorstand des Schweizerischen Gewerbeverbandes gewĂ€hlt wurde; 1938 ernannte man sie zum Ehrenmitglied. PrĂ€sident des sgv war damals der Berner Regierungs- und Nationalrat Dr. Hans Tschumi.

Starke Stimme fĂŒr starke Frauenberufe

1928 organisierte sie im Auftrag des Patronatskomitees – unter dem Vorsitz der BundesrĂ€te Giuseppe Motta und Edmund Schulthess – die Schweizerische Ausstellung fĂŒr Frauenarbeit (SAFFA) in Bern. In der Folge eröffnete der Schweizerische Frauengewerbeverband eine GeschĂ€ftsstelle, deren vollamtliche Leitung sie 1929 ĂŒbernahm. Als GeschĂ€ftsfĂŒhrerin engagierte sie sich berufspolitisch fĂŒr die Aufwertung des Berufsstandes der Damenschneiderinnen und Modistinnen. In diesem Zusammenhang war sie als einzige Frau Mitglied der Studienkommission zum Bundesgesetz ĂŒber die berufliche Ausbildung, das 1933 in Kraft trat. Wie im «Winterthur Glossar» festgehalten ist, gehen insbesondere die darin verankerten Richtlinien fĂŒr Lehrabschluss- und MeisterprĂŒfungen der Damen- und WĂ€scheschneiderinnen wesentlich auf ihr Wirken zurĂŒck.

Neben ihrem beruflichen Engagement hatte Martha LĂŒthy-Zobrist auch schwere persönliche SchicksalsschlĂ€ge zu tragen. 1943 verunglĂŒckte ihr jĂŒngster Sohn im MilitĂ€rdienst tödlich. Nur zwei Wochen spĂ€ter verstarb sie im Alter von 64 Jahren in Bern, wo sie seit lĂ€ngerer Zeit lebte. Als Anerkennung fĂŒr ihre Leistung wurde ihr PortrĂ€t (Bild) in die Ahnengalerie verdienter Frauen der Nationalbibliothek aufgenommen.

Impulsgeberin fĂŒr Berufsbildung und KMU Frauen

Rund 40 Jahre spĂ€ter prĂ€gt eine andere Frau das Schweizer Gewerbe: Christine Davatz-Höchner. Die Juristin beeinflusste wĂ€hrend fast 36 Jahren die Berufsbildungspolitik des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv und die öffentliche Debatte rund um die duale Berufsbildung massgeblich. Als Vizedirektorin des sgv grĂŒndete sie 1994 das Netzwerk der KMU Frauen (vgl. Interview). Gemeinsam mit dem sgv schuf sie Strukturen, die die wichtige Rolle der Frauen in kleinen und mittleren Unternehmen stĂ€rken und fördern. Unter dem Motto «anerkennen – integrieren – vernetzen» setzt sich der sgv seither dafĂŒr ein, die Arbeit der Frauen in KMU sichtbarer zu machen, ihre Integration in bestehende Strukturen zu fördern und ihre Vernetzung zu unterstĂŒtzen. «Wir haben zusammen mit den kantonalen GewerbeverbĂ€nden in jedem Kanton eine KMU Frauen-Gruppe als Verein oder Arbeitsgruppe mit PrĂ€sidentin organisiert», bilanzierte Davatz 2019 anlĂ€sslich des 25-Jahr-JubilĂ€ums der KMU-Frauen Schweiz. «So begannen wir regional wie auch gesamtschweizerisch – auch in den BerufsverbĂ€nden – die Bedeutung der mitarbeitenden Partnerinnen in KMU hervorzuheben und vor allem ihr Potenzial innerhalb der VerbĂ€nde aufzuzeigen.»

Eidgenössischer Fachausweis UnternehmensfĂŒhrung KMU

Ein besonderer Verdienst von Christine Davatz ist die Initiative zur Anerkennung des eidgenössischen Fachausweises UnternehmensfĂŒhrung KMU mit Vertiefung Familien-KMU, der ĂŒber ein Gleichwertigkeitsverfahren erworben werden kann. Diese eidgenössische BerufsprĂŒfung, die auf bereits erworbener Berufspraxis basiert, besteht inzwischen seit ĂŒber elf Jahren. 2013 erhielt das Projekt im Rahmen des EU-Programms «Lebenslanges Lernen» den zweiten Preis in der Kategorie «Work-Based Development and Recognition» und damit internationale Anerkennung. Ein weiteres Anliegen war ihr die Förderung junger Frauen. Sie ermutigte MĂ€dchen, auch mĂ€nnerdominierte Berufe zu ergreifen, und zeigte ihnen Perspektiven bis hin zur UnternehmensfĂŒhrung auf. «Gerade bei Frauen ist es ganz wichtig, Hemmungen abzubauen», stellte sie fest.

Ihre Vision fĂŒr die KMU Frauen Schweiz war eine SelbstverstĂ€ndlichkeit: Frauen und MĂ€nner sollen gleichermassen in FĂŒhrungspositionen vertreten sein. «Bei KMU scheint dies gut zu funktionieren, wĂ€hrend Grossunternehmen bezĂŒglich Frauen in FĂŒhrungspositionen noch einiges aufzuholen haben», sagte die ehemalige PrĂ€sidentin des Netzwerks der KMU Frauen. Am 24. MĂ€rz 2022 ĂŒbergab sie das PrĂ€sidium an MichĂšle Lisibach, Ressortleiterin MobilitĂ€t und Raumplanung beim sgv.

Corinne Remund

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