«Frauen vernetzen, stärken und sichtbar machen»
MichÈle LISIBACH – Die KMU Frauen Schweiz vernetzen Unternehmerinnen, machen ihre Leistungen sichtbar und fördern siegezielt – unter anderem mit dem eigenen «Fachausweis Unternehmensführung KMU».
KMU FRAUEN – Während Martha Lüthy-Zobrist zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Pionierin die ersten Berufsverbände für Frauen gründete, prägte Christine Davatz-Höchner Jahrzehnte später die Berufsbildungspolitik und baute tragfähige Netzwerke für KMU Frauen auf. Das Engagement der beiden Frauen steht exemplarisch für 150 Jahre weibliche Gestaltungskraft im Schweizer Gewerbe.
Martha Lüthy-Zobrist hätte am 16. August dieses Jahres ihren 150. Geburtstag gefeiert. Die gebürtige Winterthurerin war eine wahre Pionierin des Schweizer Gewerbes. Als Tochter eines Schuhmachers wuchs sie bei strengen Pflegeeltern auf und absolvierte eine hauswirtschaftliche Schule in Zürich. Anschliessend erlernte sie das Handwerk der Damenschneiderin und arbeitete als Kundenhausschneiderin. Mit 23 Jahren heiratete sie den Briefträger Jakob Lüthy. Das Paar bekam drei Kinder und lebte in Elgg. Nach dem frühen Tod ihres Ehemannes musste sie ihre drei kleinen Kinder allein durchbringen. Sie zog nach Winterthur und eröffnete dort ihr eigenes Schneideratelier. Mit grossem Engagement widmete sie sich ihrem Beruf und erkannte früh die Bedeutung eines starken Netzwerks für gewerbetreibende Frauen.
1914 gründete sie in Winterthur den Verband selbstständiger Damenschneiderinnen – den ersten Frauenberufsverband der Schweiz. Daraus entstand 1918 der Frauengewerbeverband Winterthur, den Martha Lüthy-Zobrist präsidierte. Doch damit nicht genug: 1920 initiierte sie die Gründung des Schweizerischen Frauengewerbeverbandes, dem sie ab 1923 als zweite Zentralpräsidentin vorstand. Sie setzte sich mit Nachdruck für Meisterprüfungen, berufliche Weiterbildungen sowie für die Reglementierung der Berufslehren im Frauengewerbe ein. Ihr ausserordentliches Engagement führte dazu, dass sie 1924 als erste Frau in den Vorstand des Schweizerischen Gewerbeverbandes gewählt wurde; 1938 ernannte man sie zum Ehrenmitglied. Präsident des sgv war damals der Berner Regierungs- und Nationalrat Dr. Hans Tschumi.
1928 organisierte sie im Auftrag des Patronatskomitees – unter dem Vorsitz der Bundesräte Giuseppe Motta und Edmund Schulthess – die Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) in Bern. In der Folge eröffnete der Schweizerische Frauengewerbeverband eine Geschäftsstelle, deren vollamtliche Leitung sie 1929 übernahm. Als Geschäftsführerin engagierte sie sich berufspolitisch für die Aufwertung des Berufsstandes der Damenschneiderinnen und Modistinnen. In diesem Zusammenhang war sie als einzige Frau Mitglied der Studienkommission zum Bundesgesetz über die berufliche Ausbildung, das 1933 in Kraft trat. Wie im «Winterthur Glossar» festgehalten ist, gehen insbesondere die darin verankerten Richtlinien für Lehrabschluss- und Meisterprüfungen der Damen- und Wäscheschneiderinnen wesentlich auf ihr Wirken zurück.
Neben ihrem beruflichen Engagement hatte Martha Lüthy-Zobrist auch schwere persönliche Schicksalsschläge zu tragen. 1943 verunglückte ihr jüngster Sohn im Militärdienst tödlich. Nur zwei Wochen später verstarb sie im Alter von 64 Jahren in Bern, wo sie seit längerer Zeit lebte. Als Anerkennung für ihre Leistung wurde ihr Porträt (Bild) in die Ahnengalerie verdienter Frauen der Nationalbibliothek aufgenommen.
Rund 40 Jahre später prägt eine andere Frau das Schweizer Gewerbe: Christine Davatz-Höchner. Die Juristin beeinflusste während fast 36 Jahren die Berufsbildungspolitik des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv und die öffentliche Debatte rund um die duale Berufsbildung massgeblich. Als Vizedirektorin des sgv gründete sie 1994 das Netzwerk der KMU Frauen (vgl. Interview). Gemeinsam mit dem sgv schuf sie Strukturen, die die wichtige Rolle der Frauen in kleinen und mittleren Unternehmen stärken und fördern. Unter dem Motto «anerkennen – integrieren – vernetzen» setzt sich der sgv seither dafür ein, die Arbeit der Frauen in KMU sichtbarer zu machen, ihre Integration in bestehende Strukturen zu fördern und ihre Vernetzung zu unterstützen. «Wir haben zusammen mit den kantonalen Gewerbeverbänden in jedem Kanton eine KMU Frauen-Gruppe als Verein oder Arbeitsgruppe mit Präsidentin organisiert», bilanzierte Davatz 2019 anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums der KMU-Frauen Schweiz. «So begannen wir regional wie auch gesamtschweizerisch – auch in den Berufsverbänden – die Bedeutung der mitarbeitenden Partnerinnen in KMU hervorzuheben und vor allem ihr Potenzial innerhalb der Verbände aufzuzeigen.»
Ein besonderer Verdienst von Christine Davatz ist die Initiative zur Anerkennung des eidgenössischen Fachausweises Unternehmensführung KMU mit Vertiefung Familien-KMU, der über ein Gleichwertigkeitsverfahren erworben werden kann. Diese eidgenössische Berufsprüfung, die auf bereits erworbener Berufspraxis basiert, besteht inzwischen seit über elf Jahren. 2013 erhielt das Projekt im Rahmen des EU-Programms «Lebenslanges Lernen» den zweiten Preis in der Kategorie «Work-Based Development and Recognition» und damit internationale Anerkennung. Ein weiteres Anliegen war ihr die Förderung junger Frauen. Sie ermutigte Mädchen, auch männerdominierte Berufe zu ergreifen, und zeigte ihnen Perspektiven bis hin zur Unternehmensführung auf. «Gerade bei Frauen ist es ganz wichtig, Hemmungen abzubauen», stellte sie fest.
Ihre Vision für die KMU Frauen Schweiz war eine Selbstverständlichkeit: Frauen und Männer sollen gleichermassen in Führungspositionen vertreten sein. «Bei KMU scheint dies gut zu funktionieren, während Grossunternehmen bezüglich Frauen in Führungspositionen noch einiges aufzuholen haben», sagte die ehemalige Präsidentin des Netzwerks der KMU Frauen. Am 24. März 2022 übergab sie das Präsidium an Michèle Lisibach, Ressortleiterin Mobilität und Raumplanung beim sgv.
Corinne Remund
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