Die meisten Schweizer Strombezüger – darunter ein grosser Teil der KMU – sind heute in der regulierten Grundversorgung. Sie gelten als sogenannte gefangene Kunden, da sie ihren Anbieter nicht frei wählen können. Die Tarife werden von den lokalen Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU) festgelegt und durch die Regulierung begrenzt.
In der Praxis zeigt sich jedoch ein Ungleichgewicht: Während Grossverbraucher von tieferen Marktpreisen profitieren konnten – ins-besondere in Phasen sinkender Strompreise –, blieben KMU in der Grundversorgung oft auf höheren Tarifen sitzen. Gemäss Branchenschätzungen lagen die Preisunterschiede in den letzten Jahren teils bei mehreren Rappen pro Kilowattstunde, was sich für energieintensive Betriebe schnell zu fünfstelligen Mehrkosten summiert.
Strukturelle Schwächen des Systems
Ein zentraler Kritikpunkt liegt in der Tarifgestaltung. Die Grundversorgungstarife basieren auf den individuellen, langfristigen Beschaffungsstrategien der EVU, die Preisschwankungen glätten sollen. Dieses Prinzip bietet zwar Stabilität, führt aber auch dazu, dass sinkende Marktpreise verzögert oder gar nicht weitergegeben werden.
Hinzu kommt: EVU verfügen über lokale Monopolstellungen. Auch wenn die Regulierung durch den Bund – insbesondere über das Stromversorgungsgesetz – gewisse Leitplanken setzt, bleibt der Spielraum bei der Tarifgestaltung gerade bei der Netztarifierung beträchtlich. Es fehlt der Wettbewerbsdruck unter den EVU in der Grundversorgung.
Stromabkommen und Markt-öffnung als Chance?
Das geplante Stromabkommen mit der EU sieht eine vollständige Marktöffnung vor. Künftig könnten auch kleinere Unternehmen ihren Stromlieferanten frei wählen. Für KMU eröffnet dies grundsätzlich neue Beschaffungsoptionen. Die Chancen sind klar: Wettbewerb unter den EVU kann zu tieferen Preisen führen, innovative Produkte fördern und die Transparenz erhöhen. Gleichzeitig entstehen aber auch Risiken. Ohne geeignete Rahmenbedingungen könnten kleinere Betriebe mit komplexeren Beschaffungsprozessen überfordert sein oder ungünstige Verträge abschliessen.
Zudem stellt sich die Frage der Versorgungssicherheit. Die Schweiz ist insbesondere im Winter auf Stromimporte angewiesen. Eine stärkere Marktintegration mit der EU kann hier Vorteile bringen, setzt jedoch stabile institutionelle Beziehungen voraus.
Was KMU jetzt tun können
Unabhängig vom politischen Entscheidungsprozess sollten sich KMU frühzeitig vorbereiten und ihren Verbrauch analysieren. Transparenz über den eigenen Strombedarf ist die Grundlage für jede Optimierung. Auch sollten die Beschaffungsmodelle überprüft werden, denn auch innerhalb der Grundversorgung gibt es teilweise Spielräume, etwa bei Lastprofilen oder Eigenverbrauchslösungen. So können Photovoltaik-Anlagen allenfalls helfen, langfristig die Kosten zu senken und die Unabhängigkeit zu erhöhen.
Die heutige Grundversorgung erfüllt ihren Auftrag der Stabilität – doch sie benachteiligt einen grossen Teil der KMU strukturell. Die geplante Marktöffnung bietet die Chance auf mehr Fairness und Wettbewerb, erfordert jedoch klare Regeln und Begleitmassnahmen. Für die Politik bedeutet dies: Die Interessen der KMU müssen im Reformprozess stärker gewichtet werden. Für Unternehmen gilt: Wer sich früh mit dem Thema auseinandersetzt, kann Risiken minimieren und Chancen gezielt nutzen.
Patrick DĂĽmmler, Ressortleiter sgv