Laut dem aktuellen Bildungsbericht Schweiz verfügt rund jede zehnte Person im Alter von 25 Jahren über keinen formalen Abschluss. Als eine mögliche Ursache nennen Fachleute fehlende Kompetenzen beim Übergang von der obligatorischen Schule in die Berufsbildung. Die Lehrstellenbörse Bern bietet Jugendlichen die Möglichkeit, solche Fähigkeiten im direkten Austausch mit Ausbildungsbetrieben zu stärken. Ende März fand in den Sporthallen Weissenstein eine Lehrstellenbörse statt – 1600 Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse nahmen teil. Knapp 60 Ausbildungsbetriebe – vom lokalen Gewerbebetrieb bis zum Grossunternehmen – standen den Jugendlichen Rede und Antwort und nahmen sich Zeit für persönliche Gespräche. «Für beide Seiten bot sich die Gelegenheit, einen positiven Eindruck zu hinterlassen und erste Kontakte für Schnuppertage zu knüpfen», erklärt Michael Raaflaub, Mitgründer und Geschäftsleiter des Vereins Lehrstellennetz.
Die Lehrstellenbörse leistet damit weit mehr als reine Berufsorientierung. Im Zusammenhang mit dem aktuellen Bildungsbericht weist der Bildungsforscher Stefan Wolter darauf hin, dass sich die Abschlussquote verschlechtern kann, wenn sich vermehrt Jugendliche für allgemeinbildende statt für berufliche Bildungswege entscheiden. Veranstaltungen wie die Lehrstellenbörse können diesem Trend entgegenwirken, indem sie die Berufsbildung greifbar und erlebbar machen.«Die Börse ermöglicht Jugendlichen bereits in einer frühen Phase der Berufswahl den persönlichen Kontakt zu Ausbildungsverantwortlichen und Lernenden. Dadurch wird die Berufsbildung authentisch vermittelt», sagt Michael Raaflaub.
Auch wenige Wochen vor den Sommerferien herrscht auf dem Lehrstellenmarkt Hochbetrieb. Während viele Jugendliche noch nach einer Anschlusslösung suchen, sind im Kanton Bern weiterhin zahlreiche Lehrstellen unbesetzt. Mit der «Last Minute Börse» bietet der Verein Lehrstellennetz kurz vor Lehrbeginn eine zusätzliche Unterstützung an: Über eine neue Plattform werden Jugendliche und Lehrbetriebe in kurzen, persönlichen Gesprächen zusammengeführt. Innerhalb von 15 Minuten können erste Kontakte geknüpft, offene Fragen geklärt und mögliche Lehrverhältnisse angebahnt werden.
Authentische Einblickestatt Theorie
Die Lehrstellenbörse Bern wird vom Verein Lehrstellennetz organisiert und richtet sich an Jugendliche im Berufswahlprozess der Region Bern. Sie findet jährlich statt und versteht sich als niederschwellige Plattform, die Schülerinnen und Schüler sowie Ausbildungsbetriebe zu Beginn der Lehrstellensuche zusammenbringt.
Der Verein Lehrstellennetz verbindet seit 2012 die Schul- und Arbeitswelt. Ziel seiner Gründung war es, Jugendliche in der Berufswahlphase zu unterstützen und Lehrbetriebe angesichts des Fachkräftemangels zu entlasten. «Wir möchten einen niederschwelligen Zugang zur Berufswelt schaffen und Angebot und Nachfrage zusammenbringen», betont Raaflaub. Zudem steht den Lehrbetrieben ein umfassendes Mentoring-Programm für Lernende zur Verfügung. Ursprünglich in Köniz gegründet, hat der Verein seine Aktivitäten inzwischen auf den gesamten Kanton Bern sowie angrenzende Regionen ausgeweitet. Für Raaflaub ist klar: Jugendliche brauchen Orientierung, einfache Zugänge und authentische Einblicke in die Berufswelt. «Der direkte Kontakt schafft Vertrauen und Klarheit. Jugendliche erleben Berufe authentisch, während Betriebe potenzielle Lernende persönlich kennenlernen können.» Diese Vernetzung erfolgt über verschiedene digitale und analoge Veranstaltungen, die den Austausch zwischen Jugendlichen und Lehrbetrieben fördern
Dazu gehört auch Lehrberufe Live!, eine Partnerorganisation des Lehrstellennetzes. Sie bringt Berufe per Livestream direkt ins Klassenzimmer und macht die Vielfalt der Berufswelt auf authentische Weise erlebbar. «Die Lernenden gestalten die Videobeiträge selbst, was bei Schülerinnen und Schülern sehr gut ankommt», sagt Raaflaub. Statt theoretischer Informationen erhalten Jugendliche unmittelbare Einblicke in den Berufsalltag. «Sie erleben reale Arbeitssituationen und können über den Live-Chat direkt Fragen stellen.» Das Format ist niederschwellig, interaktiv und orientiert sich stärker an der Medienwelt der Jugendlichen als klassische Informationsveranstaltungen.Corinne Remund
www.lehrstellennetz.ch
www.lehrberufe-live.ch