Die Schweizer Weinbranche steht unter Druck. Der Weinkonsum in Litern gemessen ist seit Jahren rückläufig. Zwischen 2014 und 2024 sank er um rund 18 Prozent. Beim Schweizer Wein fiel die Abnahme mit über 21 Prozent sogar noch deutlicher aus. Gleichzeitig wurde das bestehende WTO-Zollkontingent von 170 Millionen Litern seit Jahren nicht mehr ausgeschöpft. 2025 lag die Auslastung bei lediglich 74,3 Prozent. Damit ist klar: Das Problem ist nicht die Importkonkurrenz, sondern es sind die veränderten Konsumgewohnheiten.
Vor diesem Hintergrund erscheint die vorgeschlagene Neuregelung der Importrechte wenig überzeugend. Sie setzt nicht bei den Ursachen an, sondern verändert lediglich die Verteilung des Marktzugangs. Der Schweizerische Gewerbeverband sgv lehnt die Vorlage deshalb ab und fordert die Beibehaltung des heutigen Systems.
KMU drohen die Verlierer der Reform zu werden
Die vorgesehenen Importkontingente sollen kĂĽnftig nach der Menge der eingekauften und gekelterten Schweizer Trauben verteilt werden. Davon profitieren vor allem grosse, vertikal integrierte Betriebe, die sowohl Schweizer Trauben verarbeiten als auch Wein importieren.
Benachteiligt werden hingegen spezialisierte Weinimporteure, Händler und kleinere Unternehmen ohne eigene Inlandproduktion. Für sie würde der Zugang zu Importkontingenten erschwert oder faktisch verunmöglicht. Gemäss Schätzungen der Branche stehen rund 3500 Betriebe mit etwa 10 000 Arbeitsplätzen im Umfeld des Weinhandels und der Distribution unter Druck.
Hinzu kommt, dass neue Marktteilnehmer schlechtere Eintrittschancen hätten. Wettbewerb, Innovation und Sortimentsvielfalt würden geschwächt – genau jene Faktoren also, die den Schweizer Markt bislang auszeichnen.
Mehr Bürokratie, höhere Kosten
Auch administrativ schafft die Vorlage neue Belastungen. Für die Umsetzung sind zusätzliche Melde-, Kontroll- und Zuteilungsverfahren notwendig.
«Strukturprobleme dürfen nicht mit neuen Markthürden beantwortet werden.»
Der Bund rechnet mit Investitionskosten von rund 500 000 Franken für IT-Anpassungen sowie jährlichen Betriebskosten von 100 000 Franken. Zusätzlich entsteht personeller Mehraufwand.
Für Unternehmen bedeutet dies mehr Unsicherheit in der Beschaffung und Planung. Die künftige Zuteilung von Importrechten würde von Ernteerträgen, Traubenmengen und Vorjahresleistungen abhängen.
Wettbewerbsfähigkeit statt Marktabschottung
Selbst der erläuternde Bericht des Bundes hält fest, dass das heutige System im Vergleich «eindeutig neutraler» sei und Vorteile hinsichtlich Wettbewerb und Innovation biete. Gleichzeitig wird eingeräumt, dass die vorgeschlagene Regelung zu Wettbewerbsverzerrungen und höheren Preisen für Konsumentinnen und Konsumenten führen kann.
Natürlich ist die schwierige Situation vieler Schweizer Winzerinnen und Winzer ernst zu nehmen. Doch eine künstliche Verknüpfung von Weinimporten mit der Inlandproduktion löst die Nachfrageprobleme nicht. Wer italienischen, spanischen oder portugiesischen Wein sucht, wird nicht automatisch auf Schweizer Produkte ausweichen. Wahrscheinlicher sind höhere Preise, geringere Vielfalt und zusätzliche Marktverzerrungen.
Klare ordnungspolitische Signale nötig
Die Schweizer Wirtschaft lebt von Offenheit, Wettbewerb und unternehmerischer Freiheit. Gerade in einem Land mit über 600 000 KMU sollten regulatorische Eingriffe sorgfältig geprüft werden. Der sgv setzt deshalb ein wichtiges Signal: Strukturprobleme dürfen nicht mit neuen Markthürden beantwortet werden.
Patrick DĂĽmmler,
Ressortleiter sgv