Schweizerische Gewerbezeitung: Wie schätzen Sie die Versorgungssicherheit der Schweiz mit Strom mit Blick auf den kommenden Winter 2026/27 ein?
Christian Wasserfallen: Das hängt stark davon ab, wie sich die europäische Gasversorgung, die Verfügbarkeit der französischen Kernkraftwerke und die Temperaturen im Winter entwickeln werden. Haben wir einen anhaltend kalten Winter, eine geringe Verfügbarkeit der französischen Kernkraftwerke, niedrige Stände in den Speicherseen und gleichzeitig Probleme bei der Gasversorgung, dann stehen wir vor ernsthaften Problemen.
Fakt ist: Die Schweizer Stromversorgung ist langfristig nicht ausreichend gesichert – insbesondere im Winter. Heute verfügen wir über gut 60 Terawattstunden einheimische Stromproduktion. Wenn künftig rund 20 Terawattstunden aus den bestehenden Kernkraftwerken wegfallen, verbleiben lediglich noch etwa 40 Terawattstunden. Gleichzeitig wird der Strombedarf bis 2050 auf über 80 Terawattstunden steigen. Das bedeutet, dass uns künftig mehr als 40 Terawattstunden gesicherte Stromproduktion fehlen werden – also mehr als die Hälfte des benötigten Stroms.
«Wer Nein zur Kernenergie sagt, sagt letztlich Ja zu Öl- und Gaskraft-werken – und dies für Jahrzehnte.»
Wie kann unser Land eine verlässliche, bezahlbare und CO2-neutrale Stromver-sorgung sicherstellen, die für Wirtschaft und Bevölkerung so zentral ist?
Der kostengĂĽnstigste und zugleich klimafreundlichste Weg zu einer sicheren Stromversorgung ist wie heute ein ausgewogener Strommix aus erneuerbaren Energien und neuen Kernkraftwerken.
Momentan sollen – gemäss Plan – mehrere Gaskraftwerke im Notfall gewährleisten, dass im Winter genügend Strom zur Verfügung steht. Wie sinnvoll ist diese Lösung?
Die Reservekraftwerke sind leider zu einer notwendigen Versicherung geworden. Vergessen wir nicht, dass bereits rund 500 Millionen Franken in das Notkraftwerk Birr investiert wurden. Zusätzlich sollen nun weitere Reservekraftwerke für rund 2,3 Milliarden Franken gebaut werden. Stattdessen hätte man für einen Bruchteil dieser Summe das Kernkraftwerk Mühleberg länger betreiben und zusätzliche Investitionen in bestehende Anlagen wie Beznau tätigen können. Dass wir heute auf Öl- und Gaskraftwerke angewiesen sind, ist das direkte Resultat einer verfehlten Energiepolitik und der gescheiterten Energiestrategie von alt Bundesrätin Doris Leuthard.
International ist die Kernenergie wieder im Aufwind; unsere Nachbarn Frankreich und neu auch Italien setzen auf KKW. Wo steht die Schweiz nach dem Hin und Her rund um den Gegenvorschlag zur «Blackout-Initiative»?
Die Schweiz bewegt sich international auf einem Sonderweg. Während viele Länder konsequent in erneuerbare Energien und Kernenergie investieren, dominieren hierzulande ideologische Debatten. Statt pragmatisch auf Versorgungssicherheit und Klimaschutz zu setzen, werden notwendige Investitionen verzögert oder verhindert. Wir haben wichtige Jahre verloren und sind bei den Investitionen in die Energieversorgung zu spät dran.
Interessanterweise lehnen gerade jene Kreise, die sich für eine CO2-freie Energieversorgung starkmachen, die Kernenergie am vehementesten ab. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?
Wer Nein zur Kernenergie sagt, sagt letztlich Ja zu Öl- und Gaskraftwerken – und dies für Jahrzehnte. Gleichzeitig sollen Bevölkerung und Wirtschaft über neue Regulierungen und teure Abgaben zu zusätzlichen CO2-Einsparungen gezwungen werden. Das ist komplett widersprüchlich und schädigt die Wirtschaft.
Die Frage nach der Entsorgung der radioaktiven Abfälle wird von den Kernkraftgegnern immer wieder ins Spiel gebracht. Welcher Teil dieser Abfälle stammt eigentlich aus den KKW, und wie viel aus anderen Quellen wie etwa der Medizin?
Die Kosten für Rückbau, Stilllegung und Entsorgung der radioaktiven Abfälle sind bereits finanziell gesichert. Die entsprechenden Fonds, quasi die Pensionskassen der AKW, verfügen über mehr als zehn Milliarden Franken und sind heute besser dotiert als gesetzlich vorgeschrieben. Der Nachbetrieb wird durch die Betreiber direkt bezahlt – rund sieben Milliarden sind bis heute einbezahlt. Der grösste Teil der radioaktiven Abfälle ist schwach- und mittelaktiv. Diese entstehen hauptsächlich im Betrieb und beim späteren Rückbau der Kernkraftwerke. Rund ein Fünftel stammt aus Medizin, Industrie und Forschung.
Die abgebrannten Brennelemente und die hochaktiven Abfälle werden für die Tiefenlagerung in speziellen Behältern verpackt. Das gesamte Volumen aller hochaktiven Abfälle der Schweiz entspricht inklusive der Behälter ungefähr 9300 Kubikmetern – das ist etwa das Volumen von acht Einfamilienhäusern.
Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) will im Gebiet Nördlich Lägern ein Tiefenlager bauen. Wann ist realistischerweise mit einem Baubeginn zu rechnen?
Gemäss den heutigen Planungen soll der Bau des geologischen Tiefenlagers in der Nähe der Zürcher Gemeinde Stadel ab Mitte der 2030er- Jahren beginnen. Die ersten radioaktiven Abfälle können ab 2050 eingelagert werden. Voraussetzung ist, dass die politischen und rechtlichen Verfahren planmässig verlaufen.
In der öffentlichen Diskussion um neue KKW wird übersehen, dass derzeit an kleineren, dezentralen Modellen geforscht wird, die von der Grösse her nicht den heutigen entsprechen. Wie lässt sich diese Wahrnehmung korrigieren?
In der öffentlichen Debatte wird häufig übersehen, dass sich die Kernenergietechnologie stark weiterentwickelt. Heute wird weltweit intensiv an kleinen modularen Reaktoren (SMR) und der 4. Generation entwickelt. Diese Anlagen sind deutlich kompakter, flexibler und können zum Teil sogar zur Reduktion von nuklearen Abfällen beitragen, indem sie gebrauchte Brennelemente rezyklieren.
Ähnliches gilt für die Finanzierung und den Bau neuer KKW: Sie seien viel zu teuer und könnten viel zu spät in Betrieb gehen, um eine echte Lösung für den kommenden Energiebedarf zu bieten. Wie begegnen Sie solchen Kritiken?
Ausgerechnet jene politischen Kräfte, die heute behaupten, neue Kernkraftwerke kämen zu spät, haben 2011 die Projekte für Ersatzkernkraftwerke in Mühleberg und Beznau bekämpft. Hätte man diese Vorhaben weiterverfolgt, wären diese rechtzeitig ans Stromnetz angeschlossen worden. Dass nun dieselben Verhinderer-Kreise die langen Realisierungszeiten kritisieren, ist grotesk.
Zudem warten wir seit 30 Jahren beispielsweise auf die Erhöhung der Grimsel-Staumauer. Auch dort wurden Projekte immer wieder blockiert. Solange notwendige Investitionen in die Stromproduktion von Mitte-links verhindert oder verzögert werden, gefährden wir die Versorgungssicherheit und damit den Wirtschaftsstandort Schweiz. Deutschland sollte uns dabei als warnendes Beispiel dienen.
Interview: Gerhard Enggist
www.wasserfallen.swiss