Bisher durfte das Schweizerkreuz nur für Produkte verwendet werden, die die gesetzlichen Swissness-Anforderungen erfüllen. Angaben wie «Swiss Design» oder «Swiss Engineering» waren zwar zulässig, das Schweizerkreuz durfte jedoch nicht verwendet werden, wenn die Produktion im Ausland erfolgte.
Im März 2026 änderte das Eidgenössische Institut für geistiges Eigentum (IGE) diese Praxis. Seither darf das Schweizerkreuz auch für Angaben wie «Swiss Design» oder «Swiss Engineering» verwendet werden, selbst wenn die Herstellung vollständig im Ausland erfolgt. Diese Praxisänderung schadet Schweizer KMU, die in der Schweiz produzieren.
Jetzt gibt es aufgrund des Entscheids einen ersten prominenten Fall einer Teilverlagerung aus der Schweiz: «Die Konsequenz ist bitter, aber aus betriebswirtschaftlicher Sicht logisch: Wir haben entschieden, einen Teil der Schuhproduktion von Sennwald nach Montebelluna in Italien zu verlagern», sagte Claudio Minder, CEO der Schuhmarke Kybun, an einer Medienkonferenz des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv. Rund 40 Arbeitsplätze im Rheintal sind davon betroffen. «Wir wollen nicht als Musterknabe sterben, während andere die Regeln zu ihren Gunsten ausgelegt bekommen», sagte der Schuhhersteller. Für die Mitarbeiter soll im verbleibenden Schweizer Betrieb eine Anschlusslösung gefunden werden.
Das Unternehmen produziert rund 400 000 Paar Schuhe pro Jahr, davon rund 100 000 in Sennwald. Es beschäftigt rund 250 Mitarbeiter, über die Hälfte in der Schweiz, und erwirtschaftet 90 Prozent des Umsatzes im Ausland.
Kybun dürfte nicht die einzige Schweizer Produktionsstätte sein, die Konsequenzen zieht. Weitere Unternehmen werden wohl folgen. Allerdings können die meisten Schweizer KMU ihren Produktionsstandort nicht so einfach ins Ausland verlagern. Die weiterhin in der Schweiz herstellenden KMU sehen sich durch die neue Regelung benachteiligt.
«Schweizerkreuz nicht weiter verwässern»
Die IGE-Praxisänderung führt auch im B2B-Geschäft zu Problemen. Dies zeigte Silvan Lämmle, Vizepräsident des Verbands der Schweizerischen Schmierstoffindustrie, an der Medienkonferenz auf. «50 bis 80 Prozent unserer Kunden vertrauen auf Swiss Made. Wenn aber Schweizerkreuze auf Produkten angebracht werden, die im Ausland hergestellt werden, dann schwächt dies das Vertrauen der Kunden in Schweizer Produkte», erklärte der Inhaber und CEO der Laemmle Oil and Chemicals. Das Familienunternehmen stellt Schmierstoffe und Reinigungschemie an zwei Standorten im Zürcher Oberland her und beschäftigt rund 150 Mitarbeiter.
Philipp Bosshard, Präsident des Verbands der Schweizerischen Lack- und Farbenindustrie (VSLF), wies auf die Wichtigkeit eines konsequenten Schutzes der Swissness hin. «Swissness funktioniert nur, solange das Zeichen glaubwürdig bleibt. Deshalb sollten wir die Bedeutung des Schweizerkreuzes nicht weiter verwässern, sondern schützen», erklärte der Familienunternehmer.
«Verlagerungsanreiz dürfte sich verstärken»
Für Sven Reinecke, Marketingprofessor der Universität St. Gallen, schwächt die neue Praxis die Exklusivität des Schweizerkreuzes und die Position jener Unternehmen, die tatsächlich in der Schweiz produzieren. «Sie senkt die Kosten des Verzichts auf eine Schweizer Produktion und dürfte Verlagerungsanreize verstärken.»
Aus diesem Anlass haben sgv-Präsident und Ständerat Fabio Regazzi sowie die Nationalrätin und sgv-Vizepräsidentin Daniela Schneeberger Vorstösse eingereicht, um die verfehlte Praxisänderung rückgängig zu machen. «Es eilt», erklärte KMU-Inhaber Regazzi an der Medienkonferenz. Unterstützung erhält der sgv von der gewerblichen Basis und vom Stimmvolk: Laut Umfragen wird die IGE-Praxisänderung von einer klaren Mehrheit abgelehnt (vgl. Artikel unten). Der sgv erhöht deshalb den Druck weiter und lanciert eine Petition. Für Regazzi steht ausser Zweifel: «Es ist das falsche Signal, Unternehmen indirekt dazu zu ermutigen, Arbeitsplätze und Wertschöpfung ins Ausland zu verlagern. Stattdessen erwarten wir vom Bundesrat eine Entlastung des Produktionsstandorts Schweiz.»
«Falsche Antwort»
Für sgv-Direktor Urs Furrer ist klar: «Diese Praxisänderung ist zum jetzigen Zeitpunkt genau die falsche Antwort. Die Herausforderungen durch Frankenstärke, Zollschranken und internationale Konkurrenz sind real. Gewerbe und Bevölkerung erwarten von der Politik Lösungen, die die Schweizer Produktion stärken – und nicht das Schweizerkreuz verwässern, den Werkplatz Schweiz schwächen und über Generationen aufgebautes Wissen gefährden.» sgv/sgz
Zur Medienkonferenz «Schweizerkreuz geht fremd? Die neue IGE-Praxis auf dem Prüfstand» 11.08.2026 (Website sgv)