In Peccia, einem kleinen Dorf im oberen Lavizzaratal, wird Stein nicht nur betrachtet, sondern bearbeitet, verstanden und gestaltet. Hier befindet sich seit 1984 die Scuola di Scultura di Peccia, eine Bildhauerschule, die Menschen aus der Schweiz und aus dem Ausland anzieht. Wer nach Peccia kommt, begegnet nicht nur einer eindrücklichen Berglandschaft, sondern auch einem Material, das eng mit diesem Ort verbunden ist: dem weissen Peccia-Marmor. Die Schule bietet Kurse für Anfänger/-innen ebenso wie für Fortgeschrittene und Kunstschaffende an. Seit 1994 gibt es, aufbauend auf den Kursen, eine berufsbegleitende Weiterbildung über einen Zeitraum von vier Jahren mit dem Titel «Steinbildhauen und dreidimensionales Gestalten».
«Im Zentrum unserer Kurse steht das praktische Arbeiten mit Stein, Ton, Gips, Holz, Bronze und weiteren Materialien», sagt Alex Naef, Mitinhaber und Co-Direktor der Scuola di Scultura di Peccia. «Unserer Teilnehmenden lernen traditionelle bildhauerische Techniken kennen und entwickeln gleichzeitig ihre eigene künstlerische Sprache.» Begleitet werden sie von erfahrenen Künstlerinnen und Künstlern, die handwerkliches Können und künstlerische Erfahrung verbinden.
Ort des Lernens und des Austauschs
Ein Schwerpunkt liegt auf der Steinbildhauerei. Viele Kursteilnehmende kommen nach Peccia, weil sie selbst mit Hammer, Meissel und Marmor arbeiten möchten. Andere kehren regelmässig zurück, weil sie hier Ruhe, Konzentration und fachliche Begleitung für ihre künstlerische Arbeit finden. «Die Arbeit am Stein verlangt Geduld, Aufmerksamkeit und körperliche Präsenz. Gleichzeitig entsteht ein intensiver Dialog zwischen Idee, Material und Form», weiss Naef, selbst renommierter Bildhauer. Die Scuola di Scultura versteht sich als Ort des Lernens, des Austauschs und der künstlerischen Vertiefung. «Es geht nicht nur darum, ein fertiges Werk mit nach Hause zu nehmen. Ebenso wichtig ist der Prozess: das Sehen-Lernen, das Erkennen von Proportionen, das Entwickeln einer Form und das Reagieren auf das Material», so der Kunstpädagoge. In einer Zeit, in der vieles digital, schnell und flüchtig geworden ist, bietet die Bildhauerei eine unmittelbare und sinnliche Erfahrung.
Neben den Kursen sind auch Ausstellungen ein wichtiger Teil der Arbeit der Schule. Die grosse Jahresausstellung 2026 steht unter dem Titel «Mensch und Umwelt» und wird in Gnosca im Monumento San Giovanni Battista, einer eindrücklichen Kirchenruine, gezeigt. Sie stellt Fragen nach dem Verhältnis des Menschen zur Natur, zu Ressourcen, Verantwortung und Gestaltungskraft – Themen, die gerade im bildhauerischen Arbeiten mit Material und Landschaft eine besondere Tiefe erhalten. Darüber hinaus ist die Scuola di Scultura auch in Morcote unter den Arkaden an der Piazza Grande mit vier figürlichen Skulpturen präsent und macht die künstlerische Arbeit der Schule an verschiedenen Orten sichtbar.
Die Bildhauerei berührt die Menschen auch heute noch
Die Verbindung von Handwerk und Kunst ist zentral. «Wer eine Skulptur entwickelt, muss das Material verstehen, Werkzeuge beherrschen und gestalterische Entscheidungen treffen.» Dieses Wissen wird in Peccia sorgfältig weitergegeben – von der Einführung in die Werkzeuge bis zur individuellen Begleitung eigener Projekte. Die Scuola di Scultura di Peccia steht damit für eine zeitgemässe Verbindung von traditionellem Handwerk, künstlerischer Bildung und kultureller Verwurzelung. Sie zeigt, dass Bildhauerei auch heute Menschen berührt: weil sie direkt ist, weil sie den ganzen Körper einbezieht und weil aus einem rohen Material Schritt für Schritt etwas Eigenes entsteht.CR/pd
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