Publiziert am: 18.09.2026

Bürokratie bindet knappe Arbeitskraft

REGULIERUNG – Woher kommen die Arbeitskräfte, die unsere Wirtschaft in Zukunft braucht? Die Schweiz diskutiert über Zuwanderung, höhere Erwerbsquoten und längere Arbeitszeiten. Eine andere Frage erhält weniger Aufmerksamkeit: Wie viel der vorhandenen Arbeitskraft wird durch administrative Pflichten gebunden?

Die Frage ist volkswirtschaftlich relevant. Denn Wohlstand hängt nicht allein davon ab, wie viele Menschen arbeiten, sondern auch davon, wie produktiv ihre Arbeitszeit eingesetzt wird. Wer Berichte erstellt, Nachweise erbringt oder Meldepflichten erfüllt, kann in dieser Zeit keine Güter produzieren, Kunden bedienen oder Aufträge bearbeiten. Bürokratie ist deshalb nicht nur ein Kostenproblem. Sie kann auch die Produktivität bremsen.

Der Mechanismus ist klar

Wie stark dieser Effekt sein kann, zeigt eine Untersuchung der Deutschen Bundesbank. Bei den befragten Unternehmen stiegen die Bürokratiekosten von rund 5 Prozent des Umsatzes 2022 auf rund 7 Prozent des Umsatzes 2024. Nach Berechnungen der Bundesbank hat dieser Anstieg das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum Deutschlands in diesen zwei Jahren insgesamt um rund 0,5 Prozentpunkte gedrückt.

Die deutsche Zahl lässt sich nicht auf die Schweiz übertragen. Sie zeigt aber den Mechanismus: Bürokratie beansprucht Arbeitskraft und Kapital, die für produktive Tätigkeiten fehlen. Je knapper diese Produktionsfaktoren sind, desto stärker fällt ihre unproduktive Bindung volkswirtschaftlich ins Gewicht.

Enormes Potenzial

Zu einem ähnlichen Schluss kommen BSS Volkswirtschaftliche Beratung und das ifo Institut für die Schweiz. Ihre Studie berücksichtigt neben dem administrativen Aufwand auch indirekte volkswirtschaftliche Folgen, etwa unterlassene Investitionen, ausbleibende Unternehmensgründungen oder nicht geschaffene Stellen.

Auf Basis internationaler Erfahrungen schätzen die Autoren, dass eine umfassende Entbürokratisierung die Schweizer Wirtschaftsleistung langfristig um über 30 Milliarden Franken pro Jahr erhöhen könnte. Dabei handelt es sich nicht um gemessene jährliche Bürokratiekosten, sondern um ein von den Autoren als Best-Case-Szenario bezeichnetes Potenzial.

Besonders interessant ist eine zweite Modellrechnung. BSS und ifo schätzen, dass durch weniger administrative Belastung zusätzliche Arbeitszeit für produktive Tätigkeiten verfügbar würde. Auf die gesamte Volkswirtschaft hochgerechnet entspräche diese gewonnene Arbeitszeit rechnerisch rund 55 900 Vollzeitstellen.

Arbeitszeit produktiver nutzen

Dabei geht es nicht um einen Abbau von Stellen. Vielmehr könnten bestehende Arbeitskräfte einen grösseren Teil ihrer Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben einsetzen – etwa für Kunden, Produktion, Innovation oder Ausbildung. Die Zahl beruht auf einer Unternehmensbefragung und angenommenen Entlastungseffekten.

Gerade angesichts des Arbeitskräftemangels ist das relevant. Die Schweiz sollte nicht nur darüber diskutieren, wie zusätzliche Arbeitskräfte mobilisiert werden können. Ebenso wichtig ist die Frage, wie sich die vorhandene Arbeitszeit produktiver nutzen lässt.

Gerade für KMU ist dies relevant. Grossunternehmen können regulatorische Aufgaben auf spezialisierte Abteilungen verteilen. Im Kleinbetrieb landet eine zusätzliche administrative Pflicht häufig beim Unternehmer selbst. Der regulatorische Fixaufwand verteilt sich dort auf weniger Beschäftigte und eine geringere Wertschöpfung. Damit bindet Bürokratie gerade dort Arbeitskraft, wo unternehmerische Zeit ohnehin besonders knapp ist.

Philipp Bauer, Ressortleiter sgv

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