Die aktuelle Lage ist angespannt, aber nicht kritisch. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) hält Ende August fest, dass die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern trotz der Einschränkungen auf dem Rhein gewährleistet ist. So können Schiffe wegen des tiefen Wasserstands nur noch mit stark reduzierter Ladung oder teilweise gar nicht verkehren. Betroffen sind insbesondere Mineralölprodukte, Nahrungs- und Futtermittel sowie Dünger.
Die Bedeutung des Rheins für die Schweiz ist erheblich. Über die drei Schweizerischen Rheinhäfen in Basel-Kleinhüningen, Birsfelden und Muttenz werden jährlich sechs bis sieben Millionen Tonnen Güter und mehr als 100 000 Container umgeschlagen. Dies entspricht rund zwölf Prozent aller Schweizer Importe. Jeder dritte Liter Mineralöl und jeder vierte Container gelangen über die Rheinhäfen ins Land.
Für KMU wird Logistik zum Geschäftsrisiko
Was auf den ersten Blick nach einem Problem der Reedereien aussieht, kann rasch zum Problem von Gewerbe und Industrie werden. Sinkende Transportkapazitäten bedeuten höhere Frachtraten, längere Lieferzeiten und steigende Kosten.
«Das Beispiel Rhein zeigt: Resilienz ist mehr als Lagerhaltung.»
Besonders exponiert sind Unternehmen mit kleinen Lagerbeständen, wenigen Lieferanten oder Produkten, die auf bestimmte Rohstoffe und Vorprodukte angewiesen sind.
Das Beispiel Rhein zeigt: Resilienz ist mehr als Lagerhaltung. Heute kann ein Teil der Ausfälle über Bahn, Strasse und Pipelines kompensiert werden. Genau diese Ausweichmöglichkeiten machen die Schweiz widerstandsfähig. Sie dürfen aber nicht als selbstverständlich betrachtet werden.
Resilienz braucht mehrere Standbeine
Die Schweizer Landesversorgung verfügt bereits über wichtige Instrumente. Dazu gehören Pflichtlager, Krisenorganisationen und die Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen und Wirtschaft. Dabei sollten drei Prioritäten verfolgt werden:
Erstens sollte auch bei veränderten klimatischen Bedingungen die langfristige Befahrbarkeit des Rheins gewährleistet sein.
Zweitens braucht es echte Alternativen. Eine leistungsfähige Bahninfrastruktur, genügend Umschlagskapazitäten und funktionierende Strassen- und Pipelineverbindungen sind keine Luxusprojekte, sondern Versicherungen gegen Lieferkettenunterbrüche.
Drittens sind die Unternehmen selbst gefordert. KMU sollten kritische Lieferanten und Transportwege identifizieren, alternative Bezugsquellen prüfen und – wo wirtschaftlich sinnvoll – minimale Sicherheitsbestände definieren.
Versorgungssicherheit darf nicht zur BĂĽrokratiefalle werden
Nun geht es darum, diese Instrumente gezielt weiterzuentwickeln – ohne jedes Risiko mit neuen Vorschriften und zusätzlichen Kosten für Unternehmen beantworten zu wollen. Resilienz entsteht nicht durch möglichst viele staatliche Vorgaben, sondern durch Infrastruktur, Wettbewerb, Redundanz und unternehmerische Vorsorge.
Der Rhein ist deshalb mehr als ein Transportweg. Er ist ein Frühwarnsystem für die Schweizer Wirtschaft. Die aktuelle Situation zeigt: Die Versorgung funktioniert, aber sie ist nicht selbstverständlich. Eine robuste Schweiz braucht mehrere funktionierende Wege zum Markt – und KMU, die in der Lage sind, bei einer Störung rasch auf einen anderen auszuweichen.
Patrick DĂĽmmler, Ressortleiter sgv