Publiziert am: 04.09.2026

Ein Obligatorium heilt keine Krankheit

KRANKENTAGGELD – Die Kranken­tag­geld­ver­sicherung soll obligatorisch werden. Doch ein solcher Systemwechsel wäre falsch, unverhältnismässig und teuer. Statt an den Symptomen herumzudoktern, müssen vielmehr die Ursachen für die steigenden krankheitsbedingten Absenzen bekämpft werden – mit Prävention, früher Intervention und einer raschen Rückkehr an den Arbeitsplatz.

Der Reflex ist leider tief verwurzelt: Sobald ein Problem – und sei es auch nur ein vermeintliches – erkannt wird, sucht man nach einem neuen Gesetz oder einer neuen Verordnung, um darauf zu reagieren. Diese Reaktion ist oft selbst die Ursache für neue Schwierigkeiten, auf die wiederum mit einem neuen Gesetz reagiert wird. Die Debatte um die Krankentaggeldversicherung ist ein Lehrstück dafür. Angesichts bestimmter festgestellter Schwierigkeiten wollen einige diese Versicherung nun zur Pflicht machen.

Die Probleme sind real. Krankheitsbedingte Abwesenheiten nehmen zu, Kosten und Prämien steigen. Für manche Unternehmen, insbesondere KMU, ist das schwer zu verkraften. Es gibt auch Fälle, in denen Unternehmen keinen Versicherungsschutz zu akzeptablen Bedingungen finden. Doch daraus folgt noch lange nicht, dass nun alle Unternehmen zum Abschluss einer Versicherung verpflichtet werden müssen.

Denn Zahlen zeigen, dass der heutige Versicherungsschutz bereits hoch ist: Er liegt bei über 85 Prozent der Unternehmen mit mindestens drei Beschäftigten und bei über 90 Prozent jener mit mehr als 50 Beschäftigten. Nur rund 0,5 Prozent der Unternehmen geben an, wegen einer Ablehnung oder mangels eines Angebots keine Versicherung abschliessen zu können.

Völlig unverhältnismässig

Diese Schwierigkeiten dürfen nicht ignoriert werden, rechtfertigen jedoch nicht, eine derzeit freiwillige, auf dem privaten Markt organisierte Versicherung in ein obligatorisches Sozialversicherungssystem umzubauen. Allen Unternehmen ein neues System aufzuzwingen, nur weil ein kleiner Bruchteil von ihnen Zugangsprobleme hat, wäre ein seltsames Verständnis von Verhältnismässigkeit. Vor allem würde eine Versicherungspflicht keinen einzigen Ausfalltag beseitigen. Dies würde weder die Häufigkeit von Erkrankungen noch deren Dauer noch die Kosten der Leistungen verringern. Da die Prämien risikobezogen sind, würden Unternehmen mit einer hohen Schadenhäufigkeit weiterhin mehr zahlen.

Die Versicherungspflicht wäre jedoch wahrscheinlich nur ein erster Schritt. Sobald alle Unternehmen versichert sein müssen, stellt sich die Frage, zu welchen Bedingungen. Will man vermeiden, dass Unternehmen mit hohem Risiko mit kaum tragbaren Prämien konfrontiert werden, besteht der nächste Schritt darin, dieses Risiko stärker zu bündeln. Dann müssen Ausgleichsmechanismen organisiert, die Aufnahmebedingungen geregelt, die Leistungen und Finanzierungsregeln definiert und schliesslich das gesamte System kontrolliert werden.

«Nur rund 0,5 Prozent der Unternehmen geben an, keine Versicherung abschliessen zu können.»

Schritt fĂĽr Schritt wird eine heute freiwillige und auf dem privaten Markt organisierte Versicherung die Merkmale einer Sozialversicherung annehmen. Genau diesen Systemwechsel gilt es zu vermeiden.

Pragmatische Lösungen gefragt

Es gibt jedoch verhältnismässigere Lösungen. Setzen wir darauf, dass der Markt und die privaten Akteure pragmatische Lösungen entwickeln können, die auf die Bedürfnisse der Unternehmen zugeschnitten sind und auf Vertragsfreiheit beruhen. Bevor allen eine neue Verpflichtung auferlegt wird, ist es besser, diese Anpassungsfähigkeit wirken zu lassen und die unternehmerische Freiheit zu wahren.

Der Ständerat wird in Kürze über eine Motion (Motion 21.4209 Romano) abstimmen müssen, die eine Verpflichtung zur Krankentaggeldversicherung fordert. Zwei in diesem Sommer vom Bundesrat veröffentlichte Berichte beleuchten nun die Debatte. Der Bundesrat selbst sieht keine Notwendigkeit für eine grundlegende Änderung des Systems.

Fehlzeiten nehmen zu

Die eigentliche Herausforderung liegt woanders. Im Jahr 2024 beliefen sich die krankheitsbedingten Fehlzeiten auf 407 Millionen Stunden. Bei Vollzeitstellen stiegen sie im Durchschnitt von 6,3 Tagen im Jahr 2010 auf 8,5 Tage im Jahr 2024, was einem Anstieg um mehr als einen Drittel entspricht. Diese Entwicklung wirkt sich direkt auf die Kosten und letztendlich auf die Prämien aus.

Prävention, Früherkennung, Teilzeitfreistellungen, wenn sie angezeigt sind, möglichst rasche Rückkehr an den Arbeitsplatz und eine bessere Koordination zwischen Arbeitgebern, Ärzten und Versicherern: Hier muss gehandelt werden.

Eine Versicherung verteilt ein Risiko. Sie lässt es nicht verschwinden. Bevor wir die Kosten weiter auf die Gesellschaft abwälzen, sollten wir uns mit den Ursachen befassen, die zu ihrem Anstieg führen.

Simon Schnyder, Ressortleiter sgv

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