Die Schweiz kann stolz sein auf ihr duales Berufsbildungssystem. Es verbindet Schule und Praxis, vermittelt Jugendlichen einen Beruf und sichert der Wirtschaft qualifizierte Fachkräfte. Doch dieses Erfolgsmodell setzt voraus, dass Jugendliche mit den nötigen Grundkompetenzen in die Lehre starten.
Genau hier wächst das Problem. Eine aktuelle Umfrage des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv von Economiesuisse und Schweizerischem Arbeitgeberverband unter rund 2900 Ausbildungsverantwortlichen zeigt: Viele Unternehmen beobachten zunehmende Lücken, insbesondere beim Schreiben und in der Mathematik. Rund drei Viertel unterstützen ihre Lernenden bereits heute mit zusätzlichen Massnahmen. Das kostet Zeit, Geld und Ressourcen.
Natürlich sollen Lehrbetriebe Jugendliche fördern. Das gehört zur Stärke unseres Berufsbildungssystems. Aber eine Berufslehre darf nicht zum Reparaturbetrieb für die Volksschule werden, indem sie Defizite aufholen muss, die während der obligatorischen Schulzeit hätten behoben werden müssen.
Für ein grosses Unternehmen mag zusätzlicher Förderaufwand verkraftbar sein. Für ein KMU mit wenigen Mitarbeitern ist er eine viel grössere zeitliche und personelle Herausforderung. Jede Stunde, die Berufsbildner für elementare Mathematik oder schriftliche Grundlagen einsetzen, fehlt bei der eigentlichen Berufsausbildung und im Tagesgeschäft.
Die Folgen sind absehbar und teilweise bereits Realität: Jedes fünfte Unternehmen gibt an, wegen sinkender Grundkompetenzen und des damit verbundenen Mehraufwands künftig weniger Lernende ausbilden zu wollen. Betriebe verschärfen ihre Selektionskriterien oder lassen Lehrstellen unbesetzt.
Das ist nicht nur ein Problem der Wirtschaft. Weniger Ausbildungsplätze bedeuten weniger Chancen für Jugendliche. Gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel. Was mit Lücken bei den Grundkompetenzen beginnt, kann zu einem Problem für die Berufsbildung und den Wirtschaftsstandort Schweiz werden.
Exemplarisch lässt sich das anhand unserer KMU aufzeigen. Entscheidet sich ein kleiner Betrieb dafür, eine Zeit lang keine Lehrlinge mehr auszubilden, dann ist es für ihn ungemein schwieriger und aufwendiger, wieder in die Berufsausbildung einzusteigen. Und wenn Lehrlinge in unseren KMU fehlen, fehlen uns später potenzielle Führungskräfte, die vielleicht einmal gar ein Unternehmen übernehmen und weiterführen würden.
Dabei geht es nicht darum, den Schulen und Lehrern pauschal die Schuld zuzuschieben. Vielmehr brauchen wir eine sachliche Debatte, bei der wir klären, was unsere Jugendlichen am Ende der Volksschule können müssen und ob sie dieses Niveau tatsächlich erreichen.
Lesen, Schreiben und Rechnen sind keine veralteten Fähigkeiten. Sie sind die Grundlage für fast jede berufliche Tätigkeit. Wer einen Arbeitsauftrag nicht versteht, eine Berechnung nicht nachvollziehen oder einen einfachen Text nicht verfassen kann, startet mit einem Handicap ins Berufsleben.
Deshalb müssen die Grundkompetenzen wieder konsequenter ins Zentrum der Volksschule rücken. Gleichzeitig braucht es eine vertiefte Ursachenanalyse sowie ein Bildungsmonitoring, das Entwicklungen transparent macht und gezielte Verbesserungen ermöglicht. Damit die duale Berufsbildung weiterhin eine grosse Stärke der Schweiz bleibt.