Schweizerische Gewerbezeitung: KMU stellen seit Jahren zunehmende Kompetenzlücken bei ihren Lehrlingen fest, insbesondere beim Schreiben und Rechnen. Das schmälert die Ausbildungsbereitschaft. Was muss sich in der obligatorischen Schule ändern?
Dieter Kläy: Die Schulen müssen Jugendliche aus der obligatorischen Grundschule entlassen, die korrekt Deutsch schreiben, lesen und einen Text verstehen können sowie Kenntnisse in Mathematik haben. Die Volksschule muss sich wieder stärker auf diesen Kernauftrag konzentrieren.
Die Herausforderungen gehen über den Lernstoff, die Abschaffung der Noten und die auch im Bildungswesen ausufernde Bürokratie hinaus. Bei der integrativen Schule braucht es einen Kurswechsel. Wer dem Unterricht in der jeweiligen Landessprache nicht folgen kann, braucht Frühförderung.
Kürzlich ist die neuste internationale PISA-Studie erschienen, die die alltagsrelevanten Kenntnisse und Fähigkeiten von 15‑Jährigen misst. Welche Konsequenzen muss die Schweiz daraus ziehen?
Die Leistungen der 15‑Jährigen in Mathematik und Lesen sind signifikant gesunken. Das schönzureden, weil auch andere OECD-Länder zurückfallen, ist falsch. Die Schweiz kann sich im internationalen Standortwettbewerb keinen Bildungsabbau leisten. Wissen, Können und Innovationskraft sind die Grundlage unseres Wohlstands. Wer ihn sichern will, muss jetzt dafür sorgen, dass unsere Schulen wieder besser werden.
«Die Schweiz kann sich im internationalen Standortwettbewerb keinen Bildungsabbau leisten.»
Künstliche Intelligenz (KI) verändert viele Berufe. Warum bleiben Lesen, Schreiben und Rechnen trotzdem unverzichtbare Fähigkeiten?
KI kann Denken und Kreativität nicht ersetzen, wird aber zunehmend zu einer wertvollen Unterstützung. Fundierte schulische Kenntnisse sind nötig, um KI richtig einzuschätzen und sinnvoll einzusetzen. KI hat kein eigenes Bewusstsein, keine persönlichen Werte und trägt keine Verantwortung. Der Arbeitsmarkt braucht deshalb weiterhin Fach- und Führungskräfte, die Verantwortung übernehmen und leistungsbereit sind.
Wie verändert KI die Arbeitswelt? Ist die arbeitsmarktorientierte Berufslehre – etwa im Handwerk – künftig ein besserer Jobgarant als ein Hochschulstudium?
Der zuletzt beobachtete dornenvolle Berufseinstieg von Hochschulabsolventen liesse vermuten, dass ein Hochschulabschluss keine sicheren Jobperspektiven mehr bietet. Gleichzeitig verlassen derzeit mehr Arbeitskräfte den Arbeitsmarkt, als neue dazustossen – eine Folge der Pensionierungswelle der Babyboomer. Der Bedarf an Arbeitskräften bleibt auch in den kommenden Jahren hoch.
KI kann allerdings handwerkliche Tätigkeiten nur sehr bedingt ersetzen. Sie wird keine Haare schneiden oder sanitäre Installationen einbauen und reparieren. Das Sprichwort «Handwerk hat goldenen Boden» wird deshalb real an Bedeutung gewinnen.
Trotz der Stärken der dualen Berufsbildung hat die Berufslehre gesellschaftlich nicht nur bei Expats noch nicht denselben Stellenwert wie ein Hochschulstudium. Was muss geschehen, damit die «Stifti» nicht mehr als zweite Wahl gilt?
Arbeitsmarktfähigkeit wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Expats und andere werden feststellen, dass die Berufsbildung neue Chancen bieten wird.
Der Schweizerische Gewerbeverband sgv engagiert sich seit Jahren an vorderster Stelle fĂĽr die Berufslehre. Welche Meilensteine hat er erreicht?
Ein wichtiger Meilenstein ist, dass das System sehr gut funktioniert. Rund 250 Berufe, die mit einem Fähigkeitszeugnis abschliessen, werden permanent überprüft und weiterentwickelt. Dabei spielen die Berufsverbände eine entscheidende Rolle. Sie bestimmen, was ausgebildet werden muss. Ein weiterer Meilenstein ist die verbundpartnerschaftliche Arbeit, die der sgv seit Jahren leistet. In der Berufsbildung ziehen in der Regel alle am gleichen Strick.
Ein grosser Erfolg – auch für den sgv – sind die neuen Titel «Professional Bachelor/Master». Was bringen die Titel den Absolventen der höheren Berufsbildung – und gibt es deswegen eigentlich neue Lehrgänge?
Es geht weniger um Lehrgänge. Vielmehr dürfen alle bisherigen Inhaber eines Titels der Höheren Berufsbildung ab 1. Oktober 2026 den jeweiligen Titelzusatz «Professional Bachelor/Master» führen.
Der grosse Gewinn liegt in der Attraktivitätssteigerung der dualen Berufsbildung. Wir müssen heute jungen Leuten, die vor der Wahl zwischen Gymnasium und Berufslehre stehen, Perspektiven aufzeigen. Mit der Aufwertung der höheren Berufsbildung erhalten Berufsleute mit abgeschlossener Lehre noch bessere und interessantere Arbeitsmarktaussichten.
Früher behandelten viele Akteure – von Economiesuisse bis hin zu den Gewerkschaften – das Thema Berufsbildung sehr stiefmütterlich. Neuerdings interessieren sie sich plötzlich brennend dafür. Woran liegt das?
Zum einen nimmt der Druck auf die duale Berufsbildung durch einen zunehmenden Anteil an Gymnasiasten zu. In einzelnen Branchen können offene Lehrstellen nicht mehr besetzt werden. Auf der anderen Seite wird die sich rasch ausbreitende KI den Arbeitsmarkt für Junge zunehmend anspruchsvoller machen. Dadurch werden handwerkliche Berufe, in welchen KI eine nicht so starke Rolle spielt, an Attraktivität gewinnen. Das haben auch die anderen Verbände gemerkt.
Die Gewerkschaften ihrerseits entdecken die Berufsbildung insbesondere, weil sie neue sozialpolitische Forderungen wie zum Beispiel mehr Ferien oder Mindestlöhnen zum Durchbruch verhelfen wollen.
Die Gewerkschaften zeichnen – wohl zwecks Mitgliedersuche – ein einseitig negatives Bild der Lehre: zu wenig Ferien, zu hohe Belastungen, und – der «Klassiker» – zu tiefe Löhne. Wie viel davon entspricht der Realität – und was ist eigentlich das Ziel einer Lehre?
Das meiste davon ist übertrieben – mit dem Versuch, sozialpolitische Forderungen durchzusetzen. Das Ziel der Lehre ist die Arbeitsmarktfähigkeit und die Vorbereitung auf ein eigenständiges Leben. Die Vermittlung von Wissen und praktischen Fertigkeiten steht im Fokus und nicht die Anzahl Ferientage oder die Höhe des Lohns. Über 200 000 derzeitige Lehrlinge haben das gemerkt und setzen die richtigen Prioritäten.
Wenn Sie zehn Jahre nach vorne blicken: Welches sind die grössten Herausforderungen, die wir heute bei der Schweizer Berufslehre anpacken müssen, damit die Schweizer Wirtschaft erfolgreich bleibt?
Die grösste Herausforderung ist, dass der Wirtschaftsstandort Schweiz konkurrenzfähig bleibt und unser Wohlstand gehalten werden kann. Dafür zeichnet die duale Berufsbildung zu einem wesentlichen Teil verantwortlich.
Interview: Rolf Hug