Die moderne Wirtschaft ist zwischen zwei Erfordernissen hin- und hergerissen: unternehmerischem Mut als Motor der Innovation und regulatorischer Vorsicht als Garant für Stabilität. Doch heute neigt sich die Waage zu sehr zur Seite der Sicherheit, sodass die Risikobereitschaft, die für das Wachstum doch so wichtig ist, erstickt wird.
Unternehmer, die ihre Ressourcen in unsichere Projekte investieren, stossen auf ein zunehmend zurückhaltendes Finanzsystem. Banken bevorzugen sichere Anlagen (Staatsanleihen, Immobilien), Investmentfonds meiden Unsicherheiten, und die Regulierungsbehörden verschärfen die Auflagen (Transparenzregister, Compliance) und erhöhen damit die Belastung für KMU.
Risiko als Motor des Fortschritts
Doch wie der US-amerikanische Wirtschaftswissenschafter Israel Kirzner gezeigt hat, sind es gerade diese unternehmerische Wachsamkeit und die Entdeckung ungenutzter Chancen – sowie der Ersatz alter Ideen durch neue –, die die Wirtschaft vorantreiben. Ohne Risikobereitschaft gibt es keine Innovation, keinen Fortschritt.
Das Paradoxon? Durch den Versuch, Risiken zu beseitigen und Stabilität zu schaffen, erstickt man die Quelle des Wachstums selbst. Höhere Anforderungen an die Finanzierung gewagter Projekte bedeuten weniger Erfolge, was die Vorstellung bestärkt, dass sich Risiko nicht mehr lohnt. Es entsteht ein Teufelskreis: Das System beraubt sich selbst seines eigenen Antriebs.
Die Illusion absoluter Sicherheit
Risikoaversion ist nicht völlig unbegründet. Finanzkrisen haben die Gefahren eines Kapitalismus ohne Sicherheitsvorkehrungen deutlich gemacht. Doch dieses Streben nach absoluter Sicherheit ignoriert eine offensichtliche Tatsache: Risiko ist untrennbar mit Fortschritt verbunden. Grosse Fortschritte sind stets aus gewagten Wetten entstanden.
Schlimmer noch: Diese übertriebene Vorsicht schafft eine krasse Asymmetrie. Der Unternehmer, der scheitert, trägt allein die Konsequenzen, während der Banker oder die Aufsichtsbehörde, die sich weigern, ein innovatives Projekt zu finanzieren, keinerlei Konsequenzen zu tragen haben. In diesem Kontext wird die Null-Risiko-Mentalität zur Norm – und die Wirtschaft zahlt den Preis dafür.
Ein neu definiertes Gleichgewicht
Die Lösung liegt nicht in einer manichäischen Wahl zwischen Laisser-faire und Überregulierung, sondern in einem neu definierten Gleichgewicht. Zunächst muss der gesellschaftliche Wert des unternehmerischen Risikos anerkannt werden. Die Finanzierungsmechanismen müssen an KMU angepasst werden: gezielte staatliche Bürgschaften, spezielle Risikokapitalfonds oder eine Lockerung der Compliance-Auflagen für KMU.
Schliesslich muss akzeptiert werden, dass Risiko zum Wirtschaftsgeschehen gehört. Die Wirtschaft ist nicht dazu da, stabil zu sein: Sie ist dazu da, zu innovieren, zu schaffen und manchmal auch zu scheitern. Die Regulierungsbehörden müssen diese Realität berücksichtigen.
«Der sgv setzt sich für Rahmenbedingungen ein, die Risikobereitschaft ermöglichen.»
Andernfalls werden die Märkte erstickt und die wirtschaftliche Vitalität gefährdet. Der Schweizerische Gewerbeverband sgv setzt sich für Rahmenbedingungen ein, die diese Risikobereitschaft ermöglichen, die für die Dynamik der Schweizer Unternehmen unverzichtbar ist.
Mikael Huber, Ressortleiter sgv