Publiziert am: 16.10.2026

«Ein Marathon und kein Sprint»

GIAN-LUCA LARDI – «Die zunehmende Regulierung und administrative Auflagen belasten heute die KMU der Baubranche sehr stark», sagt der scheidende Zentralpräsident des Baumeisterverbands – und nimmt dabei die Branche von seiner Kritik nicht völlig aus.

Schweizerische Gewerbezeitung: Sie stehen seit 2015 an der Spitze des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV). Was hat sich in dieser Zeit für das Baugewerbe am stärksten verändert?

Gian-Luca Lardi: Eine starke Veränderung stelle ich beim Fachkräftemangel fest, der sich Jahr für Jahr verschärft hat. Wir haben deshalb nebst der Digitalisierung auch die Aus- und Weiterbildung in unserer Verbandsarbeit aufgewertet. Geprägt hat aber die Pandemie meine Amtszeit: Daraus ist eine Selbstbedienungsmentalität und eine Nanny-Gesellschaft entstanden, welche ich für äusserst gefährlich halte. In der Sozialpartnerschaft haben wir die unternehmerische Freiheit verteidigt; in der politischen Diskussion müssen wir die jungen Generationen schützen, die sonst eine Schuldenwirtschaft erben werden.

Wo sehen Sie heute den grössten politischen Handlungsbedarf, damit die Baubranche wettbewerbsfähig bleibt?

Die Baubranche zählt zu den am stärksten regulierten Branchen der Schweiz. Das ist auch in der Politik bekannt.

«Die Unia stellt ihre politischen und finanziellen Interessen vor die Interessen der Bauarbeiter.»

Im föderalen System ist es jedoch äusserst schwierig, etwas zu ändern, denn jede Ebene sieht die Verantwortung zunächst bei der anderen. Es braucht deshalb den gemeinsamen Willen aller Ebenen, die Bürokratisierung zu bremsen. Selbstkritisch muss die Branche dabei auch vor der eigenen Tür kehren: Die zahlreichen Normen, die wir selbst erarbeiten, werden laufend ergänzt, abgeschafft wird aber kaum je eine. Hier wünsche ich mir auch von SIA und VSS mehr Mut zur Verwesentlichung.

Wie stark belasten Regulierung, Bewilligungsverfahren und administrative Auflagen heute die KMU der Baubranche?

Sehr stark. Nach der Flut von Einsprachen ist die hohe Regulierungsdichte wie gesagt eines unserer grössten Probleme. Kleine und mittlere Betriebe spüren das besonders: Jede zusätzliche Auflage bindet Zeit und Personal, die dann auf der Baustelle fehlen. Der SBV setzt sich deshalb konsequent für schlankere Verfahren und weniger Bürokratie ein. Das ist aber ein Marathon und kein Sprint.

In der Schweiz wird zu lang-sam – und vermeintlich auch zu teuer – gebaut. Wie kann sich das ändern?

Langsam wird gebaut, weil die Planungs- und Bewilligungsverfahren immer aufwendiger werden. Vor allem aber, weil das Rekursrecht zunehmend dazu genutzt wird, Projekte zu verzögern oder zu verhindern. Das Einspracherecht ist ein wichtiges Gut, es darf aber nicht dazu dienen, dringend benötigten Wohnraum und Infrastruktur über Jahre zu blockieren.

Dem SBV ist es in den letzten Jahren gelungen, bei Politik, Behörden und weiteren Beteiligten das Bewusstsein dafür zu schärfen. Es bewegt sich etwas, allerdings im gewohnt trägen Tempo der Schweizer Politik. Dass Bauen in der Schweiz teuer ist, hat hingegen vor allem mit den guten Löhnen unserer Handwerker zu tun. Daran möchte ich nichts ändern: Wer auf dem Bau hart arbeitet, soll dafür auch fair entlöhnt werden.

Die Sozialpartnerschaft im Bau gilt als Erfolgs-, ja fast schon als Vorzeigemodell. Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften tatsächlich?

Hier muss ich differenzieren. Auf nationaler Ebene wird das Bauhauptgewerbe von den Gewerkschaften leider oft politisch instrumentalisiert und schlechter dargestellt, als es ist. Dabei haben wir mit einem monatlichen Durchschnittslohn von rund 6300 Franken – mal 13 – die höchsten Handwerkerlöhne weit und breit. Trotzdem hört man von gewerkschaftlicher Seite fast ausschliesslich Kritik.

Erfreulicherweise sieht es auf lokaler Ebene anders aus: In den paritätischen Kommissionen, nahe bei den Betrieben und auf den Baustellen, wird die Sozialpartnerschaft meistens mit dem nötigen Pragmatismus gelebt, und sie funktioniert gut.

Mit der Unia gibt es immer wieder harte Auseinandersetzungen. Wo liegen aus Ihrer Sicht die grössten Differenzen?

Die grösste Differenz liegt in der Prioritätensetzung. Die Unia stellt ihre politischen und finanziellen Interessen vor die Interessen der Bauarbeitenden. Ein Beispiel ist der flexible Altersrücktritt FAR, der heute zu grosszügig ausgestaltet ist und den wir bereits mehrmals sanieren mussten. Mit einer befristeten Verkürzung der Bezugsdauer um drei Monate hätten wir die Finanzierung wirkungsvoll sichern können. Stattdessen erfolgten die Sanierungen hauptsächlich über höhere Beiträge. Das geht vor allem zulasten der jüngeren Generationen, was ich alles andere als fair erachte.

Allgemeinverbindliche Gesamtarbeitsverträge (ave GAV) sind ein zentraler Pfeiler der Sozialpartnerschaft. Linke und Gewerkschaften hebeln diese mit kantonalen und kommunalen Mindestlöhnen immer weiter aus. Welche Folgen hat das für die Baubetriebe und die Sozialpartnerschaft?

Für das Bauhauptgewerbe ist die Mindestlohnfrage nicht relevant, denn unsere Löhne liegen deutlich über allen kantonalen Mindestlöhnen. Grundsätzlich verfolge ich die Entwicklung aber mit Sorge: Wenn kantonale Vorgaben sozialpartnerschaftlich ausgehandelte Lösungen übersteuern, wird das Fundament der Sozialpartnerschaft geschwächt.

Nächstes Jahr stimmen wir darüber ab, ob «ave GAV»-Regeln beim Mindestlohn wieder Vorrang vor kantonalen Regelungen haben sollen. Warum ist dieser «ave GAV»-Vorrang richtig?

Weil er die Sozialpartnerschaft stärkt. Auch hier zeigt sich die Unersättlichkeit der grossen Gewerkschaften: Was sie am Verhandlungstisch nicht erreichen, versuchen sie auf politischem Weg durchzusetzen. Hätten kantonale Lösungen Vorrang, verlören viele Arbeitgeber langfristig das Interesse an nationalen allgemeinverbindlichen Gesamtarbeitsverträgen. Das schwächt die echte Sozialpartnerschaft, welche Arbeitgebern und Arbeitnehmern über Jahrzehnte Stabilität und sozialen Frieden gesichert hat.

Wenn Sie auf die nächsten fünf bis zehn Jahre blicken: Was muss sich beim Bauen in der Schweiz grundlegend ändern?

Die Innovation der Bauindustrie wird oft verkannt, weil diese meistens inkrementell und selten disruptiv erfolgt. Ein Beispiel: Ein heutiges Mehrfamilienhaus verbraucht nur noch 40 Prozent der Energie, welche ein Haus aus den 90er-Jahren verbraucht. Das ist doch ein Leistungsausweis! ZukĂĽnftig werden wir den Nachhaltigkeitstrend auch beim Recycling und Re-Use weiterfĂĽhren.

«Wenn kantonale Vorgaben sozialpartnerschaftlich ausgehandelte Lösungen übersteuern, wird das Fundament der Sozialpartnerschaft geschwächt.»

Entscheidend ist, dass die Rahmenbedingungen stimmen: schnellere Verfahren, weniger Regulierung und genügend Fachkräfte. Dafür wird sich der SBV weiterhin mit Nachdruck einsetzen.

Ihr Nachfolger als SVB-Zentralpräsident ist der Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. Was geben Sie ihm mit auf den Weg?

Ratschläge möchte ich keine erteilen. Christian ist ein kluger Kopf und gehört seit einigen Jahren dem Vorstand des SBV an. Das nötige Rüstzeug hat er also bereits im Rucksack. Ich wünsche ihm viel Erfolg, Freude am neuen Amt und alles Gute!

Interview: Gerhard Enggist

www.baumeister.swiss

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