Publiziert am: 04.04.2014

Auf EU-Marktzutritt angewiesen

HANDEL SCHWEIZ–EU – Die Schweiz exportiert jährlich Waren und Dienstleistungen im Wert von 211 Milliarden Franken. Mehr als die Hälfte davon gehen in die EU.

Unser wichtigster Handelspartner

Die Europäische Union (EU) ist der grösste Handelspartner der Schweiz. Das wissen mittlerweile alle. Welche Auswirkungen die Masseneinwanderungsinitiative auf diesen Handel haben wird, kann derzeit weder gesagt noch abgeschätzt werden. Klar aber ist: Von den Exporten in der Höhe von heute ca. 211 Milliarden Franken gehen etwa 56 Prozent in die EU. Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzuschauen, denn es gibt Unterschiede im Beziehungsmuster der Schweiz zu den einzelnen europäischen Ländern.

Netto-Importeur aus der EU

Eine erste Überraschung ergibt der Blick auf die EU-Statistik. Die Schweiz figuriert dort als drittgrösste Handelspartnerin. Und dies gilt sowohl für Waren als auch für Dienstleistungen. Ebenfalls auffallend sind die Länder, mit denen die Schweiz am intensivsten kooperiert. Es darf nicht überraschen, wenn Deutschland ein grosses Übergewicht hat; doch dass Italien an zweiter Stelle, sowohl beim Import als auch beim Export, erscheint, geht oft unter.

Wenn das Saldo der Handelsbilanz, d.h. Exporte minus Importe, verglichen wird, wird deutlich, dass die Schweiz netto aus der EU importiert. Doch im Verkehr mit einzelnen Ländern kann dieses Saldo auch positiv sein. Dazu gehören etwa Grossbritannien und EU-Wachstumsmeister Polen. Beide Länder sind interessante Beispiele dafür, wie es gelingen kann, auch mit entwickelten Volkswirtschaften einen Exportüberschuss zu erwirtschaften: mit innovativen und hochqualitativen Nischenprodukten.

Export, Import – und wieder Export

Das leitet zur Frage über, welche Güter die Schweiz mit den EU-Ländern handelt. Zunächst stehen Konsumgüter auf dem Programm. Von hier aus gehen beispielsweise Lebensmittel, Uhren oder Textilien in die EU, und von dort kommen unter anderem ebenso Lebensmittel, Autos, Möbel, Elektronik. Bei den industriellen Gütern exportiert die Schweiz Präzisionsteile, Werkzeuge, Maschinen, chemische und pharmazeutische Produkte und Artikel der Medizinaltechnik und importiert Anlagegüter wie Maschinen, Fahrzeuge, Baumaterialien u.a.

Spannend sind gewisse Produktionsketten in der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie. Produkte überschreiten konstant die Grenze, weil ihre Fertigung über verschiedene Schritte aufgeteilt ist. Es kann sein, dass ein Schweizer Lieferant ein hochtechnisches Bauteil nach Deutschland liefert und dann die Maschine wieder importiert, um sie zu veredeln und erneut zu exportieren.

Gute Voraussetzungen

Was bedeutet das alles? Dass Europa ein wichtiger Partner der Schweiz ist, ist nicht neu. Als offene und in die Globalisierung eingegliederte Volkswirtschaft ist die Schweiz auf möglichst gute Voraussetzungen für den Aussenhandel angewiesen. Das bedeutet im Klartext: Saubere Freihandelsverträge, kooperative und einfache Zollstrukturen und keine überbordende Regulierung.

Henrique Schneider,

Ressortleiter sgv

Aus der Praxis

Welche europäischen Märkte sind für Ihr Unternehmen wichtig? Wie schaffen Sie es, in der EU wettbewerbsfähig zu bleiben? Und wie sehen Sie die Zukunft für Ihr Unternehmen? Zwei Unternehmer, deren Firmen im Handel mit Europa tätig sind, geben Auskunft.

Bruno Bernhardsgrütter, CEO Lamprecht AG: Die westeuropäischen Märkte ganz allgemein sind für unser Unternehmen von Bedeutung. In einige Länder vertreiben wir unsere Premium-Babyprodukte der Marke bibi schon seit Jahrzehnten sehr erfolgreich. In Benelux sind wir sogar seit vielen Jahren Marktführer. Wichtig sind für uns auch die aufstrebenden Staaten Osteuropas mit grossem Marktpotenzial, steigender Kaufkraft und ausgeprägter Affinität zu Markenprodukten. Unser Fokus liegt auf der langfristigen Marktentwicklung, nicht auf kurzfristigen Erfolgen.

Innovative Produkte und Dienstleistungen, die einen erlebbaren Mehrwert sowohl für die Konsumenten als auch für unsere Vertriebspartner bieten, sind von entscheidender Bedeutung für unsere Wettbewerbsfähigkeit. Dass Qualitätsprodukte «Made in Switzerland» nicht teurer sein müssen, verdanken wir unserer hochautomatisierten Fertigung sowie unseren Mitarbeitenden, die mit ­ihrem Engagement und ihrer Flexibilität mass­geschneiderte Kundenwünsche ermöglichen. Dass wir auch künftig auf den freien Marktzutritt in der EU angewiesen sind, versteht sich von selbst.

Wir werden den eingeschlagenen Weg der geographischen Expansion fortsetzen und die sich bietenden Marktchancen konsequent nutzen.

Martin Brettenthaler, CEO Pavatex SA: Die Pavatex-Gruppe ist in allen Ländern Westeuropas (mit Ausnahme Finnlands) präsent und hat vor drei Jahren die Expansion nach Osteuropa eingeleitet, wo wir in Tschechien, Polen und Rumänien Fuss fassen konnten. Unsere grössten Märkte heute sind aber – neben der Schweiz – nach wie vor die Länder Deutschland und Frankreich. Auf diesen drei Märkten erzielen wir 80 Prozent unseres Umsatzes.

Als Baustoffhersteller agieren wir in einem margenschwachen Segment. Entsprechend hat uns als damals reiner Schweizer Produzent die Euro-krise hart getroffen. Zum einen verloren wir Marge im Euroraum, zum anderen stieg der Preisdruck in der Schweiz enorm. In der Folge haben wir umgehend verschiedene Kosten- und Effizienzprogramme lanciert, um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Schweizer Werke wieder zu erlangen. Parallel haben wir aber insbesondere unser Vorhaben, ein Werk im Euroraum zu betreiben, mit Hochdruck weiterverfolgt. Im April 2013 war es soweit und wir konnten unser Werk in Lothringen in Betrieb nehmen. Somit profitieren wir jetzt davon, in beiden Währungsräumen unserer grossen Absatzmärkte zu produzieren und so unsere Widerstandsfähigkeit gegenüber Währungsschwankungen zu erhöhen. Mit dem neuen Standort wollen wir auch nicht die Schweizer Werke ersetzen – die Schweizer Werke richten wir auf Spezialitäten und Produkte mit hoher Wertschöpfung aus, während wir in Frankreich Massenprodukte fertigen.

Wir werden weiterhin konstant die Effizienz in unseren Werken erhöhen und dadurch die Herstellkosten reduzieren können – sofern die Preise für Rohstoffe und Energie dies zulassen.