Publiziert am: 18.02.2022

«Digitaler heisst interessanter»

SILVIA FLEURY – «Der Baubranche haftet leider noch ein veraltetes Image in Bezug auf Innovationen und Technologie an», sagt die erste Frau an der Spitze des Maler- und Gipserunternehmer-Verbands SMGV. Dieses Image will sie korrigieren – und junge Menschen für die Berufe begeistern.

Schweizerische Gewerbezeitung:Sie sind die erste Frau an der Spitze des Schweizerischen Maler- und Gipserunternehmer-Verbands. Wie wollen Sie als Direktorin den Verband weiterentwickeln?

Silvia Fleury: Es ist mir wichtig, Bewährtes weiterzuführen, aber auch neue Ideen umzusetzen.

Das Malergewerbe weist einen hohen Frauenanteil auf. Ich hoffe, dass sich die vielen Malerinnen durch eine Frau an der Spitze «ihres» Verbandes speziell angesprochen fühlen. Mit modernen Teilzeitarbeitsmodellen können sowohl Frauen wie auch Männer motiviert werden, sich in unseren Branchen weiterzubilden und im Beruf zu bleiben.

Der Baubranche haftet leider immer noch ein veraltetes Image in Bezug auf Innovationen und Technologie an. Ich erhoffe mir, mit den Möglichkeiten der Digitalisierung junge Leute für den Maler- und den Gipserberuf begeistern zu können, damit dieses Image korrigiert werden kann. Der innovativen Aus- und Weiterbildung von Berufsleuten gehört ein besonderes Augenmerk. Und ein ausgewogener Gesamtarbeitsvertrag ist von zentraler Bedeutung für einen fairen Wettbewerb in unserer Branche.

Welches Image haben die Berufe des Maler-, Gipser- und Trockenbaugewerbes heute?

Leider wie die meisten Handwerksberufe nicht das beste. Diese liegen momentan nicht wirklich im Trend, obwohl sie sich in der letzten Zeit als krisen- und zukunftssicher erwiesen haben. Ein Grund dafür scheint mir, dass es uns noch nicht gelungen ist, das veraltete Image zu korrigieren und damit in der Öffentlichkeit und bei den potenziellen Fachkräften die Wertschätzung zu bekommen, die unsere Berufe verdienen.

Was kann der SMGV tun, um dieses Image weiter zu fördern?

Wir sind stetig daran, das Image zu verbessern, etwa durch das Projekt Teilzeitbau, das wir als erster Verband der Baubranche aktiv angestossen und umgesetzt haben. Zudem hat die Maler-Gipser-Branche ein eigenes Vorruhestandsmodell. Wir fördern das Image aktiv mit Nachwuchs- und Marketingkampagnen sowie allgemein der Botschaft nach aussen, dass des Handwerks Zukunft «goldenen Boden» hat.

Es gibt in der Maler- und Gipserbranche viele gute Beispiele für soziale Arbeitgeber, präzis und zuverlässig arbeitende Firmen, innovative Bauprozesse und Nachhaltigkeit. Solche Unternehmungen tragen viel zur Imageförderung bei, denn im Endeffekt ist es nicht der Berufsverband, der das Image der Branche verbessern kann, sondern die Unternehmungen selber. Wir können diese lediglich aktiv unterstützen.

«ein Beruf im Bau verspricht einen guten Lohn und im Vergleich zu anderen Branchen gute Aufstiegs-möglichkeiten.»

Inwiefern betrifft der Fachkräftemangel, der heute in aller Munde ist, auch Ihre Branche?

Wir stellen leider fest, dass die Zahl der Lernenden gerade im Bereich Gipser-Trockenbauer stetig rückläufig ist. Dies wird längerfristig dazu führen, dass qualifizierte Fachkräfte für Kaderpositionen auf dem Markt schwierig zu finden sind. Erfreulicherweise haben wir in der Malerbranche durch den hohen Frauenanteil einen weniger ausgeprägten Fachkräftemangel. Unser Ziel sollte weiterhin sein, ausgebildete Fachpersonen für die Branche zu gewinnen und darin halten zu können.

Was tut Ihr Verband konkret, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?

Grundsätzlich verspricht ein Beruf im Bau einen guten Lohn und im Vergleich zu anderen Branchen gute Aufstiegsmöglichkeiten.

Gerade in unseren beiden Branchen gibt es viele langjährige ungelernte Fachkräfte. Diese sollen mit einer speziell auf sie angepassten Berufsprüfung oder berufsorientierten Weiterbildung gefördert werden. Das ist nur ein Beispiel davon, wie wir dem Fachkräftemangel aktiv begegnen können.

Wie geht der SMGV vor, um den beruflichen Nachwuchs sicherzustellen?

Wir bewerben unsere beiden kreativen Berufe proaktiv bei den jungen Leuten. Dazu gehört unter anderem das Aufzeigen der attraktiven Weiterbildungsmöglichkeiten. Damit wollen wir jungen Berufsleuten interessante Perspektiven bieten und auch die Eltern davon überzeugen, dass die Berufslehre im Maler- und Gipsergewerbe erstrebenswert ist.

Mit «Top Ausbildungsbetrieb» fördern wir zudem ein Unterstützungs- und Zertifizierungssystem für Lehrbetriebe. Wir bieten Massnahmen wie Berufs-Check, Ordner für Schnupperlehren usw. Dies dient der Unterstützung der Lernenden wie auch der Berufsbildner.

Sie möchten ein besonderes Augenmerk auf die Digitalisierung richten. Wieweit sind Ihre Firmen bei diesem wichtigen Thema fortgeschritten?

Da gibt es sehr grosse Unterschiede. Wir haben viele – vor allem junge – Unternehmer, die im Bereich der Digitalisierung sehr weit fortgeschritten sind. Auf der anderen Seite haben wir auch viele Unternehmer, bei denen das Thema «Digitalisierung» eher Unbehagen auslöst. Dieser Spagat ist bei der Planung und/oder Umsetzung von Digitalisierungsmassnahmen seitens Berufsverband eine grosse Herausforderung.

Wie hängen Digitalisierung und Nachwuchsförderung zusammen?

Gerade bei jungen Leuten wecken die digitalen und für sie zeitgemässen Möglichkeiten das Interesse an einem Beruf oder einer Ausbildung. Mit unserer Lern-App zum Beispiel oder den Lehrmitteln im E-Book-Format stossen wir bei Jugendlichen auf grosses Interesse.

«BEI DER DIGITALISIERUNG GIBt ES GROSSE UNTERSCHIEDE. DIE EINEN SIND SCHON WEIT, ANDEReN IST BEIM THEMA UNWOHL.»

Mit dem Projekt «fairer Wettbewerb» zusammen mit der SUVA geht der SMGV gegen die Schwarzarbeit bzw. Unterschlagung von Sozialversicherungsabgaben vor. Wie dringlich ist das Problem?

Fairer Wettbewerb ist die Basis dafür, dass alle Unternehmungen gleich lange Spiesse haben – dies ist aber nicht möglich, wenn Schwarzarbeit bzw. die Unterschlagung von Sozialabgaben im Spiel ist.

Die Weitervergabe von Arbeiten an Subunternehmen ist Fluch und Segen zugleich. Sie birgt nicht selten die Gefahr, dass der faire Wettbewerb untergraben wird. Es ist wĂĽnschenswert, dass die Bauherren und/oder Planer den Gedanken des fairen Wettbewerbs mittragen wĂĽrden, und nicht die Arbeiten einfach an den gĂĽnstigsten Anbieter vergeben. Im Endeffekt ist Schwarzarbeit ein Betrug an der ganzen Gesellschaft, denn fehlende Sozialabgaben belasten alle.

«Leider ‹verkaufen› viele Unternehmer ihre Arbeit unter Wert. Sie schaden DAMIT der ganzen Branche.»

Wie steht es um das «Lohndumping» im Bau-Nebengewerbe, und wie kann der SMGV diesem entgegenwirken?

Lohndumping ist auch im Maler- und im Gipsergewerbe eine Tatsache. Leider «verkaufen» viele Unternehmer ihre Arbeit unter Wert. Sie senden damit aus meiner Sicht ein falsches Zeichen gegen aussen und schaden im Endeffekt der ganzen Branche. Das Problem liegt aber tiefer: Würde dem Handwerk die Wertschätzung zukommen, die ihm gebührt, so wären die Preise auf dem Niveau, auf dem die geforderte Qualität umgesetzt und faire Löhne bezahlt werden könnten.

Die Arbeit der Maler und Gipser ist für die Gesellschaft wichtig, denn schön wohnen möchten wir doch alle. Interview: Gerhard Enggist

www.smgv.ch

ZUR PERSONRund 2000 Mitglieder

Silvia Fleury (54) hat die Direktion des SMGV per 1. Februar 2022 von Peter Baeriswyl übernommen, der in Pension gegangen ist. Die Aargauerin ist im Schweizerischen Maler- und Gipserunternehmer-Verband keine Unbekannte: Als Bereichsleiterin der Zentralen Dienste hat sie während 13 Jahren die gesamte Verbandsadministration verantwortet und kennt den SMGV von Grund auf. «Mit Silvia Fleury konnte der Vorstand seine Wunschkandidatin für die anspruchsvolle Position der Direktorin gewinnen», freut sich Zentralpräsident Mario Freda. «Sie kennt die Stärken, Herausforderungen und Abläufe des Verbands sehr genau. Gleichzeitig verfügt sie über die fachlichen und menschlichen Qualitäten, die nötig sind, um den Verband erfolgreich in die Zukunft zu führen.»

Rund 2000 Mitglieder

Der SMGV wurde am 31. Mai 1908 als Schweizerischer Maler- und Gipsermeister-Verband gegründet. Heute vertritt er die Interessen von rund 2000 Maler- und Gipserbetrieben der deutschen, französischen und italienischen Schweiz.En

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