Publiziert am: 02.07.2021

«Ein konstruktiver Vorschlag»

STROMVERSORGUNG – Der Nuklear­­ingenieur Lukas Schmidt ist Co-Autor des neuesten White Papers des Nukle­ar­forums Schweiz. Er kritisiert die vom Bundesamt für Energie ausgearbeitete Energiestrategie als «Wunschszenario» und befürchtet ab 2035 einen massiv­en Stromengpass.

Schweizerische Gewerbezeitung: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz warnt, ein länger an­dauernder Stromausfall sei das grösste Risiko für die Schweiz – noch vor einer Pandemie. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Lukas Schmidt: Das Risiko eines Stromausfalls in der Schweiz oder im europäischen Netz (mit Auswirkungen auf die Schweiz) ist definitiv vorhanden und nicht zu unter­schätzen.

Wie so oft muss wohl erst einmal etwas passieren, bevor man handelt. Wer hätte vor zwei Jahren an eine Pandemie geglaubt, die fast die ganze Welt zum Stillstand bringt?

Übrigens wurde die Strommangellage nicht nur als wahrscheinlicher als eine Pandemie bewertet, sondern auch die möglichen Folgeschäden als deutlich höher eingeschätzt.

Wie versorgt sich die Schweiz heute mit Strom?

Im Jahr 2020 waren es über 60 Prozent Wasserkraft, 30 Prozent Kernenergie und fast 10 Prozent sind ein Mix aus verschiedenen Quellen, u.a. auch Photovoltaik und Wind. Die Mischung aus sauberem, günstigem und ganzjährig verfügbarem Strom auf der Basis von Wasser- und Kernkraft hat sich über die letzten 35 Jahre bewährt.

«DIE VOM BFE AUSGEARBEITETE STRATEGIE GLEICHT MEHR EINEM WUNSCHSZENARIO ALS EINER UMSETZBAREN STRATEGIE.»

Der Bundesrat hat eben erst die Botschaft zum Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien verabschiedet. Bis 2050, so will es auch die Energiestrategie, soll sich die Schweiz CO2-neutral und ohne Kernkraftwerke mit Strom ver­sorgen. Wie realistisch ist dieses Szenario?

Leider nicht sehr realistisch. Die vom Bundesamt für Energie ausgearbeitete Strategie gleicht mehr einem Wunschszenario als einer umsetzbaren Strategie. Das hat drei wesentliche Gründe:

Der Ausbau der neuen Erneuerbaren (Photovoltaik und Wind) müsste sofort um den Faktor 5 ­erhöht werden und bis 2050 auf ­diesem Niveau weitergehen. Diese extreme Steigerung ist aufgrund der bisherigen Ausbaugeschwindigkeit, der dafür notwendigen Ressourcen und der politischen Rahmenbedingungen sehr unwahrscheinlich.

Zweitens ist mit steigendem Anteil der volatilen, nicht planbaren Technologien wie Wind und Sonne eine Speichertechnologie notwendig, die Strom vom Sommer in den Winter transferiert. Aktuell sind dafür Pumpspeicherkraftwerke am besten geeignet. Glücklicherweise hat die Schweiz diese bereits in grossem Umfang, die Ausbaumöglichkeiten sind aber begrenzt. Andere Technologien müssen erst in der notwendigen Grössenordnung eine wirtschaftlich kompetitive Marktreife nachweisen.

Drittens verlässt man sich darauf, im Winter (nach 2035) bis zu 40 Prozent des Schweizer Strombedarfs aus dem Ausland zu importieren. Nur müssen unsere Nachbarländer auch Klimaziele erreichen und gleichzeitig einen steigenden Strombedarf decken: Da stellt sich die ­Frage, woher dieser Strom importiert werden soll.

Eine ständig wachsende Bevölkerung und ein weitestgehendes Umsteigen auf Elektromobilität: Wie kann das bloss mit erneuerbaren Energien funktionieren?

Der Strombedarf steigt (bis zu 30 Prozent bis 2050), mit der Abschaltung der Kernkraftwerke fallen aber über 30 Prozent der inländischen Stromerzeugung weg. Mit Erneuerbaren kann diese Lücke wie gesagt nur gedeckt werden, wenn der Ausbau unglaublich schnell erfolgt und gleichzeitig eine geeignete, gross-skalige Speichertechnologie, z.B. Wasserstoff, zeitnah auf Marktreife gebracht wird. D.h. die Technologien müssen sich rasant weiterentwickeln, die politischen Rahmenbedingungen müssen gegeben sein – und dann muss die Bevölkerung den Weg auch noch mitgehen und bezahlen wollen. Dies scheint unter den ­aktuellen Gegebenheiten aus meiner Sicht nicht realistisch.

Aber dann kann die Schweiz doch – wie schon heute – Strom aus den umliegenden Ländern ­importieren und den drohenden Stromengpass auf diese Weise umgehen?

Das ist vermutlich leichter gesagt als getan. Wie bereits angedeutet, steigt auch in unseren Nachbarländern der Strombedarf – und zwar noch stärker als in der Schweiz. Ausserdem müssen auch dort Klimaziele erreicht werden. Und teilweise sind die Ausgangssituationen wesentlich schlechter als hier, wo schon jetzt fast CO2-neutral Strom erzeugt wird. Eine von uns durchgeführte Analyse zeigt, dass wenn alle Länder ihre Klimaziele erreichen wollen, ab Mitte der 2030er eindeutig zu wenig Strom im europäischen Netz sein wird. Leidtragende sind dann Länder, die sich bewusst auf den Stromimport aus anderen Regionen verlassen und davon abhängig machen, wie z.B. die Schweiz.

Also braucht es einen Ausbau der Produktion im Inland. Wie soll dieser aussehen?

Das bestehende Schweizer Energiesystem wurde mehrmals vom Weltenergierat im Rahmen des «Energy Trilemma Index» – er bewertet Verfügbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Umweltauswirkungen – ausgezeichnet. Daher stellt sich für mich die Frage, warum man es für teures Geld umbaut, ohne garantierte Erfolgsaussichten. Eine Möglichkeit wäre, stattdessen die gegebenen Voraussetzungen zu nutzen und das ­System Schritt für Schritt in die gewünschte Zielrichtung zu entwickeln.

In der Übergangszeit wäre es für Versorgungssicherheit und Klimaschutz sinnvoll, die bestehenden Kernkraftwerke möglichst lange am Netz zu behalten oder auch ein paar wenige neue, kleinere Reaktoren (sogenannte Small Modular Reactors) zu bauen, wie sie aktuell besonders in der angelsächsischen Welt für die zukünftige Energieversorgung entwickelt werden. Diese haben weniger Initialkosten und könnten relativ schnell gebaut und somit für die Stromerzeugung verfügbar sein.

Sie schlagen vor, dass die bestehenden Schweizer KKW am Netz bleiben und dass zusätzlich neue KKW der neuesten Generation gebaut werden. Das scheint kaum realisierbar…

Die politische Lage ist aktuell relativ klar und lässt dies so nicht zu. Effektiv gibt es heute aber kein genau datiertes Abschaltdatum für die Schweizer KKW. Ein Neubau ist aktuell nicht möglich; aber mittelfristig könnte das Thema aufgrund der Wichtigkeit des Klimaschutzes und der gleichzeitig essenziellen Versorgungssicherheit wieder Aufwind bekommen. Das Problem hätte man jetzt nicht, wenn man die Neubaupläne nach Fukushima weiterverfolgt hätte.

Wenn wir an den Widerstand denken, den schon nur der – von der Politik ausdrücklich geforderte – Ausbau der erneuerbaren Energien in Teilen der Bevölkerung auslöst, scheint Ihr Vorhaben von einer Realisierung noch weiter entfernt.

Das kommt ganz darauf an, wie ernst man es mit dem Thema Klimaschutz meint. Alle Menschen wollen Strom, und kaum einer wird bereit sein, seinen Lebensstil einzuschränken. Gleichzeitig wird der Klimaschutz als grösstes Problem unserer Zeit dargestellt. Wenn man dieses Problem wirklich ernsthaft bekämpfen will und Treibhausgasausstoss vermieden werden soll, kann man es sich nicht leisten (zumindest kurz- und mittelfristig), eine CO2-neutrale Technologie einfach auszuschliessen. Deshalb setzen viele Länder weltweit im Klimaschutz auf die Kernenergie.

Im deutschsprachigen Raum versucht man einen anderen Weg zu gehen. Dass dies nur begrenzt funktioniert, sieht man in Deutschland. Trotz massiver Förderung des erneuerbaren Ausbaus sind die Strompreise die höchsten in Europa – und die Treibhausgasemissionen aus der Stromerzeugung kaum gesunken. Je später wir dies erkennen und handeln, desto unangenehmer wird es.

«ZU EINEM REALISTISCHEN SZENARIO GEHÖRT AUCH, DIE EXPORTFÄHIGKEIT DER NACHBARLÄNDER MIT EINZUBEZIEHEN.»

Das KKW Beznau soll 2022, Gösgen 2028 und Leibstadt 2034 abgeschaltet werden. Ab 2035 erwarten Sie deshalb einen massiven Stromengpass. Was muss die Politik heute tun, damit es nicht so weit kommt?

Zunächst einmal muss die Politik die konkreten Gefahren erkennen. Anschliessend müssen die Rahmenbedingungen für eine technologieoffene Planung geschaffen werden. Diese sollte das Ziel haben, die Stromversorgung der Schweiz langfristig zuverlässig, wirtschaftlich und vor allem umweltfreundlich zu gestalten. Dafür gilt es die bestmögliche Lösung zu finden.

Es muss in Szenarien geplant und die Umsetzbarkeit realistisch beurteilt werden. Dazu gehört auch, die Entwicklungen und die Exportfähigkeit unserer Nachbarländer mit einzubeziehen.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass ihr Appell, eigentlich eine Warnung, heute Gehör findet?

Mir ist bewusst, dass unser Appell nicht sehr populär ist. Er ist aber notwendig. Hier darf nicht in Wunschszenarien gedacht werden. Die physikalischen Gesetze können wir nicht ändern, sie müssen beachtet werden. Vor diesem Hintergrund sind unsere Vorschläge zu betrachten: Als konstruktiver Vorschlag in der gesellschaftlichen ­Diskussion rund um Klimaschutz und Stromversorgung.

Interview: Gerhard Enggist

ZUR PERSON

Lukas Schmidt (33) ist studierter Nuklearingenieur (ETH) und ist nach Doktorarbeit und Tätigkeiten in der strategischen Unternehmensberatung aktuell in der Unternehmenssteuerung und Projektkoordination des Kernkraftwerks Leibstadt tätig.

Im Rahmen einer Arbeitsgruppe des Nuklearforums Schweiz hat er die Schweizer Energiestrategie hinsichtlich Umsetzbarkeit und Abhängigkeiten vom Ausland in einem White Paper analysiert:

Fragen an: schmidtlukas@gmx.ch

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